Rezension

Mogwai

Every Country's Sun


Highlights: Coolverine // Party In The Dark // Old Poisons
Genre: Post-Rock // Shoegaze
Sounds Like: Arab Strap // Aereogramme // Godspeed You! Black Emperor

VÖ: 01.09.2017

Es ist schwierig, eine Rezension über Mogwai zu schreiben, ohne auf die „alten Zeiten“ zu verweisen. Wie auch, bei neun Studioalben? Und zudem noch, wenn Mogwai nun erneut mit Dave Fridmann, dem Produzenten ihres wahrscheinlich besten Werkes „Come On Die Young“ sowie „Rock Action“, zusammenarbeiten.

Wo wir bei den alten Zeiten sind: unvergessen, mit welcher Coolness sich die Gruppe ihren Legendenstatus erarbeitete. Da erscheint vor dem inneren Auge etwa dieses Bild, wie die fünf Musiker bei gedimmter Bühnenbeleuchtung, ihre Hoodie-Kapuzen tief über die Köpfe gezogen stoisch das charakteristische Auf und Ab ihrer Songs zelebrieren. Zeitweise wurden sie gar als eine der lautesten Live-Bands geadelt. Und dennoch, trotz aller schottischer "Stoischkeit", irgendwann suchten Mogwai nach neuen Möglichkeiten des Ausdrucks. Spätestens in der Zeit um (das in seiner punktuellen Qualität etwas unterschätzte) „The Hawk Is Howling“ ging es los. Die Band nutzte ihren flächigen Sound mehr und mehr zur Untermalung von Dokumentarfilmen, angefangen bei dem großartigen Kunst-Film über Fußball-Legende Zinedine Zidane und zuletzt unter anderem für Leonardo DiCaprios filmisches Umweltprojekt „Before The Flood“. Klanglich integrierte Gitarrist und Keyboarder Barry Burns mehr und mehr Synthesizer in den Sound, am spürbarsten in dem krautrockigen Vorgängeralbum „Rave Tapes“.

„Every Country’s Sun“ startet Mogwai-typisch mit der lang angelegten, aber stetigen Entwicklung von „Coolverine“ – das eröffnende Tremolo, die in der Luft stehenden Gitarren sowie das leise Hintergrundrauschen erzeugen eine heimelige Vertrautheit. Auch wenn es ein Prinzip ist, dass die mittlerweile zum Quartett geschrumpften Mogwai sich, bevor sie ein Album aufnehmen, nie festlegen, was sie eigentlich damit vorhaben – ihr neuestes Werk scheint tatsächlich unentschlossen: An jeder Ecke findet sich ein Anklang an Vergangenes und doch stecken in den Songs einige neue Ansätze. Etwa in dem folgenden „Party In The Dark“. Es wirft die Frage auf, wie es Mogwai zu Gesicht stünde, wenn sie sich entschieden, ein Shoegaze-Album zu machen (vermutlich sehr gut!).

An anderer Stelle verharren Mogwai zu sehr in festgefahrenen Motiven und letztlich in sich selbst. Das hoffnungsvoll beginnende „Brain Sweeties“ mündet gegen Ende in eine mittelmäßige Keyboard-Melodie. „20 Foot“ ereilt ein nahezu identisches Schicksal. Drum herum ist nicht viel los. Es sind vor allem die Melodien, die einen kalt lassen. Man könnte angesichts der über 20jährigen Bandgeschichte von Abnutzungserscheinungen sprechen. Doch andererseits klangen die Melodien selten so uninspiriert wie heute. Erst im letzten Drittel tritt die Band noch einmal aufs Gaspedal und beschert mit „Battered At A Scrabble“ und „Old Poisons“ zwei späte, von aufgedrehten Fuzz-Gitarren infizierte Highlights.

Während sich Veränderungen bei Mogwai über all die Jahre mit schottischer Gemütlichkeit vollzogen, hätte „Every Country’s Sun“ etwas mehr Mut gut getan. Warum nicht mehr wagen, wie mit „Party In the Dark“? Oder laut durchbrettern, wie bei „Old Poisons“? So liegt hier leider ein Album vor, das zu den schwächsten der Diskographie zählt.

Jonatan Biskamp

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Video zu "Coolverine"
Video zu "Party In The Dark"

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