Interview

Mogwai


Schon aus einiger Entfernung zur Großen Freiheit 36 weiß man, dass Mogwai bereits vor Ort sind. Denn mit Leichtigkeit donnert der Soundcheck in Form der "Bat Cat" durch die Türen des Clubs und auf Reeperbahn hinunter. Tief in den Katakomben des Clubs nimmt sich Bassist Dominic Aitchison nur wenig später eine gute halbe Stunde Zeit, um mit uns über seine Band zu reden. Und bringt dabei so manches Missverständnis ans Licht.

Hi, Dominic. Erstmal einige Fragen zu Schottland und seiner Musikszene. Aereogramme waren in Deutschland sehr beliebt, auf ihren Abschlußkonzerten hierzulande sprachen sie gar von ihrer größten Fanbase. Ist das bei euch ähnlich?

Dominic Aitchison: So extrem ist es bei uns nicht. In Großbritannien ist schon unsere Basis am Größten, in Schottland ist sie hingegen gar nicht mal so groß. Ich habe die Show von Aereogramme auf dem Hurricane gesehen. Ich konnte es nicht fassen: In Glasgow haben sie vor ein paar hundert Leuten gespielt. Jetzt laufe ich in dieses Zelt und es ist brechend voll. Es ist schon traurig, denn die Band war einfach großartig und sie haben nie die Beachtung erhalten, die sie verdient haben.

Ein Teil der Band bleibt euch ja erhalten, Campbell ist ja zum Beispiel der Tourmanager eures Supports, The Twilight Sad. Wart ihr schon vorher befreundet?

Dominic: Wir kannten uns schon ziemlich lang, bevor das mit unseren Bands so richtig losging. Damals haben wir uns oft zusammen besoffen oder Videospiele gezockt. In Schottland leben nun mal nicht sehr viele Leute und Glasgow ist das Ballungszentrum schlechthin.

Wie steht es denn gerade um Schottland? Die Finanzkrise hat das Land ziemlich hart erwischt und der schottische Premier Alex Salmond musste bei Gordon Brown um umfassende Finanzhilfen betteln. Fühlt sich das für dich wie ein Schlag ins Gesicht wenn, wenn man als Schotte so sehr nach Unabhängigkeit strebt?

Dominic: Das wird in der Bevölkerung sehr unterschiedlich gehalten. Besonders im jüngeren Teil der Bevölkerung ist dieses Streben schon lange Zeit vorhanden, man könnte sagen, es war schon immer da. Aber viele – schätzungsweise die Hälfte unseres Landes – interessiert das nicht. Dennoch denke ich, dass wir dieses Gefühl von Unabhängigkeit trotz dieses Rückschlages, den du gerade angesprochen hast, erreichen werden. Wann, ist bloß die Frage.

Wenn man auf die schottische Musikszene mit Mogwai, Aereogramme, Arab Strap, The Twilight Sad oder Biffy Clyro blickt, dann stellt man ja zwangsläufig fest, dass all diese Bands enorm eigenständig und außergewöhnlich klingen. Würdest Du der These zustimmen, dass euer Ursprung in Schottland – und damit auch dieses angeborene Streben nach Unabhängigkeit – sich auf eure Musik ausgewirkt hat?

Dominic: Vielleicht nicht direkt der Usprung in Schottland, sondern der in Glasgow. Glasgow liegt außerhalb des desaströsen Einflusses der Musikindustrie. Dort gibt es einfach ein Klima, das eigenwillige Musik ermöglicht. Vergleich' das zum Beispiel mal mit London. Das ist jetzt natürlich eine sehr pauschale Verallgemeinerung, aber viele, sehr viele Bands aus London wissen, wie sie klingen müssen, um an einen Plattenvertrag zu kommen. Es ist alles sehr hip. Glasgow ist davon völlig isoliert.

Die Populationsdichte ist in Schottland in weiten Teilen extrem gering und der Lebensstandard teilweise sogar unter dem der Balkan-Region. Verhalten sich Musiker da zu Glasgow wie die Motten zum Licht?

Dominic: Ganz genau. Große Teile des Landes sind fast völlig unbewohnt. Um das zu sehen, musst du dich von Glasgow gar nicht mal so weit entfernen. Die Leute dort haben nichts Anderes zu tun, als sich volllaufen zu lassen oder eben Bands zu gründen. Nun, das ist ein Teil von Schottlands Charme, denke ich (lacht).

Um mal auf Mogwai selbst zu sprechen zu kommen: Euer Status ist ja ein besonderer, obwohl man euch ja gern in die Post-Rock-Ecke schiebt. Kannst du mit dieser Kategorisierung etwas anfangen?

Dominic: Das ist schon okay so. Ich würde uns zwar eher als Rock-Band bezeichnen, denn der Begriff Post-Rock erscheint mir doch etwas vage und weitläufig. Viele Bands, die so bezeichnet werden, haben überhaupt nichts gemeinsam. Und mal ganz ehrlich: für eine Post-Rock-Band sind wir einfach zu laut (lacht). Post-Rock ist ein riesengroßes und oft verwendetes Wort, aber für mich hat es keine wirkliche Bedeutung. Die Leute brauchen eben irgendeine unkomplizierte Kategorie, um über uns reden zu können. Wir sind doch eigentlich eine Rockband ohne Sänger.

Wenn Leute über euch reden, dann fällt ja auch manchmal der Begriff "Post-Moderne".Kannst Du das nachvollziehen?

Dominic: Zu behaupten, dass Mogwai post-modern sind, ist schon sehr abgefahren. Zu abgefahren, wenn du mich fragst. Aber es ist ja wiederum auch schön, wenn sich Menschen so sehr in unsere Musik hineindenken. Oft denken sie sogar mehr darüber nach als wir selbst (lacht).

Dennoch werdet ihr als Pioniere verehrt.

Dominic: Das habe ich schon oft gehört und mich wundert das. Es gab durchaus vor uns bereits Bands, die so etwas wie wir gemacht haben. Vielleicht half uns da auch unser Exoten-Status, wer weiß? Was ich definitiv sagen kann, ist, dass wir wirklich einen Haufen Glück hatten.

Naja, eure Musik funktioniert schon auf eine sehr spezielle Art und Weise. Liegt das daran, dass jeder bei euch potenziell Ideen einbringen kann, die dann letztlich zu einem Song wachsen können? Und schwebt über dieser Arbeitsweise nicht ständig die Gefahr, diesen ungeheuren Berg an Ideen nicht mehr im Überblick behalten zu können?

Dominic: Nein, dieses Problem haben wir wirklich nicht. Du gehst mit deiner Aussage davon aus, dass Mogwai komplizierte Musik machen würden. Aber unsere Songs sind sehr simpel. Meistens basieren sie nur auf einer leitenden Idee, auf einem Schema, das ein Mitglied eingebracht hat und mit dem die anderen dann herumspielen. Außenstehenden fehlt dafür in den meisten Fällen der richtige Blickwinkel.

Wollt ihr besonders dadurch, dass ihr auf Gesang in der deutlichen Mehrzahl eurer Songs verzichtet, aber gleichzeitig durch merkwürdige Songtitel und exzentrische Statements (Gitarrist Stuart Braithwaite machte sich letztes Jahr voller Zynismus über Live Earth lustig, Anm. d. Verf.) Aufsehen erregt, eigentlich provozieren?

Dominic: Das mag merkwürdig klingen, aber das ist eigentlich nicht unsere Absicht. Was viele als Provokation deuten, ist eigentlich nichts anderes als unser eigenartiger Sinn für Humor. So entstehen auch unsere Songtitel. Wir benennen die Songs erst, nachdem die Musik vollendet ist. Letztendlich sind die Titel aber auch egal. Sie unterscheiden lediglich ein Stück wortlose Musik von einem anderen ebenfalls wortlosen Stück Musik.

Trotzdem ist da eine Unzufriedenheit mit der globalen Musikszene?

Dominic: Ja, die ist da. Das war sogar der Grund, aus dem wir diese Band gegründet haben. Aber der größte Teil ist und bleibt ein andersartiger Humor.

Ihr habt ja schon oft richtig behauptet, dass das Radio kein Medium für euch ist, da instrumentale Musik dort nun mal keinen Platz hat. So gesehen habt ihr euch mit dem Soundtrack zum Film "Zidane – A 21st Century Portrait" sicher einen Traum erfüllt. Was denkst du jetzt mit einigem Abstand über das Projekt?

Dominic: Diese Frage haben wir uns oft gestellt, was vor allem daran liegt, dass wir den tonlosen Film erst zu Gesicht bekamen, als der Countdown zur Veröffentlichung nur noch 2 Wochen betrug. Aber wir sind sehr zufrieden damit, weil es sich nicht so anfühlt, als ob es ein Schnellschuss gewesen ist. Interessant war zudem, dass wir uns wirklich mit Ausbrüchen zurückhalten mussten; denn die Musik sollte vor allem Zidanes Mimik einfangen und hervorheben. Wir würden so etwas gern noch einmal machen, es war wirklich großartig.

Der Soundtrack wurde von der deutschen Presse – wie eigentlich alle eure Alben – wieder sehr gut aufgenommen. Wie sieht es mit dem Rest der Welt aus?

Dominic: Wir sind da nicht wirklich auf dem Laufenden, da wir nicht die Zeit finden, die Presse zu verfolgen. Ab und an schauen wir mal in unseren Presseordner. Schön ist, dass sehr viel über uns geschrieben wird. In den USA mögen sie uns aber zum Beispiel gar nicht. Wenn wir dort auf Tour sind, spielen wir vor wesentlich weniger Menschen als hier, das hängt sicherlich auch mit der schlechten Presse zusammen.

Nach "Mr. Beast" haben viele ja ein zugängliches Album erwartet. Das neue Album "The Hawk Is Howling" ist letzten Endes aber enorm episch ausgefallen. Daher die Frage: Sollten wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass hinter Mogwai ein Masterplan steht?

Dominic: Oh, bitte! Es gibt auf keinen Fall einen Masterplan hinter dem, was wir so tun. Der Zufall spielt eine weitaus größere Rolle, als alle denken.

Zum Schreiben von "Happy Songs For Happy People" habt ihr damals etwa einen Monat, für "Rock Action" davor hingegen ein Jahr gebraucht. Wie lang hat es gedauert, "The Hawk Is Howling" fertigzustellen?

Dominic: "The Hawk..." hat de facto relativ lang gedauert. Aber es war vom Gefühl her keine allzu lange Zeit. Wir haben etwas später als erwartet mit den Aufnahmen angefangen und Tony Doogan, mit dem wir zusammen unser Studio führen, hatte schon ein paar andere Bands für Aufnahmen eingeladen; außerdem standen ohnehin einige Liveshows auf dem Programm. Insgesamt hatten wir dadurch einen Monat Pause. Das Aufnehmen und Abmischen hat etwa sieben Wochen gedauert und damit etwas länger als bei unseren letzten Alben. Aber zum Glück nicht so lang wie "Rock Action". So lange wie bei dieser Platte möchte ich nie wieder an einem Album arbeiten.

Ist "The Sun Smells Too Loud" – der wohl am meisten diskutierte Song auf dem neuen Album – mit seinem Glücksgefühl purer Zufall? Und spielt sein Titel auf den einflussreichen, amerikanischen Linguisten Noam Chomsky an?

Dominic: Nein, da gibt es keine Anspielung. Der Titel kommt von Stuart, als er über den Song redete und nur zusammenhangslosen Müll von sich gab. Genau so wenig Sinn hat der Titel des Songs. Aber wie gesagt: Es ist großartig, wenn sich Leute Gedanken machen.

Wie ist es mit "Bat Cat"? War das Video zum Song eure Idee?

Dominic: Die Idee stammt komplett von Domenic Hailstone, dem Regisseur. Meistens haben wir mit unseren Musikvideos nichts zu tun. Aber genau da sind wir wieder beim Punkt Interpretation. Für Domenic war das Video eine super Vorlage, ein scheußliches Monster auf uns loszulassen, denn das ist das, was er sonst beruflich macht: Monster für Filme zeichnen und modellieren. Was die Handlung des Videos angeht: Keine Ahnung. Wir schätzen seine Bilder zu unserer Musik, aber sie selbst zu kreieren, kriegen wir nicht hin.

Eure Unabhängigkeit wahrt ihr aber, wenn es um die Musik an sicht geht?

Dominic: Ja, auf jeden Fall. Unser Produzent Andy Miller hat auf unser Songwriting zum Beispiel überhaupt keinen Einfluss, er nimmt uns lediglich auf.

Was sicherlich auch schon schwierig ist: Als ich vorhin vor dem Club stand und euren Soundcheck gehört hab, hab ich ja wegen der Lautstärke schon etwas Angst bekommen. Übertreibt ihr es damit manchmal, weil ihr nicht auf den Gesang Rücksicht nehmen müsst?

Als Mogwai später mit einer ungeheuren Lautstärke und einem äußerst krachigen Set die Große Freiheit 36 fast zum Einsturz bringen, darf man Dominic's Antwort, Mogwai wären früher noch um Einiges lauter gewesen und hätten gar das Publikum bereits vor Ende des Konzerts nach Hause flüchten lassen, durchaus Glauben schenken. Ein Livekonzert müssen man vor allem Fühlen, so Dominic, seine Band sehe das genauso. Laut und leise. Mogwai schaffen es, diese Kontraste zu vereinigen, ohne auf ein Paradox zu stoßen.

Gordon Barnard

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