Rezension

Dear Reader

Rivonia


Highlights: Down Under, Mining // 27.04.1994 // Already Are
Genre: Kammerpop
Sounds Like: Joanna Newsom // Rilo Kiley // My Brightest Diamond // Regina Spector

VÖ: 05.04.2013

Retrospektiv betrachtet war Geschichte wohl nicht gerade das spannendste Unterrichtsfach der eigenen Schulzeit. Da gab es keinen Platz für Knallgas-Explosionen wie im Chemieunterricht, keine Möglichkeit eines lockeren Skatspiels wie damals während des Kunstunterrichts heimlich unter dem Tisch, und auch Schweiß und Ehrgeiz wie bei einem Fußballspiel gegen die Parallelklasse im Sportunterricht suchte man hier vergebens. Stattdessen galt es, unzählige mehr oder minder wichtige Jahreszahlen auswendig zu lernen, langweilige Diapräsentationen über sich ergehen zu lassen, und für mehr Themen als die französische Revolution und den zweiten Weltkrieg hatte man sowieso keine Zeit. So blieb das eigentlich spannende Unterrichtsfach Geschichte am Ende doch eher trocken und fad.

Dass es auch anders geht, zeigt uns nun Dear Reader mit ihrem neuen Album „Rivonia“. Denn die gebürtige Südafrikanerin und Wahl-Berlinerin Cherilyn Macneil bringt uns auf ihrem mittlerweile dritten Album in elf wundervoll arrangierten Songs die Geschichte ihres Heimatlandes ein wenig näher – und das, im Gegensatz zum normalen Geschichtsunterricht, ohne auch nur eine Minute langweilig zu klingen. Im Gegenteil, ihr gelingt es, auf „Rivonia“ schwere Themen wie die Apartheid („27.04.1994“) oder die Ausbeutung afrikanischer Minenarbeiter („Down Under, Mining“) derart wundervoll zu melodischen Songs zu arrangieren, dass es alles andere als nach einem trockenen, vertonten Geschichtsbuch klingt, welches versucht, die jüngste afrikanische Vergangenheit melodisch aufzuarbeiten.

Kern der Songs bleibt dabei stets Cherilyn Mcneils Stimme, die wie eine Art Fundament der Stücke wirkt, geschickt übereinander geschichtet und hier und da mit Hintergrundstimmen und Frauenchören untermalt wird. Das hinzukommende instrumentelle Arrangement mit Klavierklängen, afrikanischen Trommeln, Oboen, Trompeten und dem Schlagzeugspiel von Enter Earl Harvin, dem Drummer der Tindersticks machen das Album wie schon zuvor „Idealistic Animals“ wieder einmal zu einem kleinen orchestralen Meisterwerk.

Doch das nach einem Stadtteil in Johannesburg benannte „Rivonia“ ist mehr als nur eine gute Alternative für den Geschichtsunterricht. War der Vorgänger „Idealistic Animals“ noch geprägt von Themen wie Trennung, Glaubensverlust und Identitätssuche, offenbart Cherilyn Macneil dem Zuhörer auf ihrem neuesten Album, wie wichtig es ist, sich mit der eigenen Vergangenheit und den eigenen Wurzeln auseinanderzusetzen. Statt einer von Selbstzweifeln geplagten Sängerin begegnet uns auf „Rivonia“ nun eine Frau, die auf der Suche nach sich selbst und der eigenen Identität mehr als nur vorangekommen zu sein scheint. Das macht sie am Ende nicht nur zu einer wunderbaren Geschichtslehrerin, sondern auch zu jemandem, der uns das gute Leben erklären könnte.

Benjamin Schneider

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