Interview

Dear Reader


Während Musikjournalisten nicht selten von Künstlern bei Interviews im Minutentakt abgefrühstückt werden, nahm sich Cherilyn MacNeil alias Dear Reader vor ihrem Konzert in Freiburg fast eine ganze Stunde Zeit, um mit uns über ihr neues Album, ihre Trennung von Darryl Torr, und ihre Abwendung vom Glauben zu sprechen.

Wie ich gehört habe, hast du einen Deutsch-Kurs belegt. Wie geht es voran mit deinen Kenntnissen?

Cherilyn Macneil: (antwortet auf Deutsch) Ja, das habe ich gemacht. Ich lerne immer noch. Es geht gut, aber es ist schon ziemlich lange her. Als ich in Berlin angekommen bin, das war vor etwa 18 Monaten, war ich zwei Monate lang in der Schule, jeden Tag für zwei Stunden. Jetzt lerne ich immer noch, zum Beispiel bei Bandproben.

Du sprichst wirklich gut, wir könnten das Interview ja eigentlich auf Deutsch machen.

Cherilyn: Ja, das ist eine gute Idee. Denn meine Bandkollegen Fritz und Martin sind auch Deutsche, aber dann gibt es auch noch zwei Schweden und einen Südafrikaner in meiner Band, weshalb wir die meiste Zeit auf Englisch reden. Und mein Deutsch ist daher ein bisschen eingerostet.

Vor 18 Monaten bist du nach Berlin gezogen. Fühlst du dich dort mittlerweile zuhause?

Cherilyn: Ja, das war eigentlich ziemlich einfach, da es in Berlin ziemlich viele Ausländer gibt. Daher fühlt man sich dort nicht so fremd oder alleine als Ausländer, weil alle eigentlich keine Berliner sind. Das gibt dir etwas Halt. Außerdem ist Berlin auch sehr locker und langsam – ich finde es cool. Aber ich bin immer so, ich glaube, man braucht das auch als Musiker, dass man sich überall zuhause fühlen kann.

(ab hier findet das Interview wieder auf Englisch statt)

Wenn man so viel unterwegs ist vor allem...

Cherilyn: Es ist nicht so, dass ich in Berlin für den Rest meines Lebens leben möchte, und ich folge auch nicht diesem Hype um Berlin.

Dieser unerträgliche Hype um diese Stadt geht mir auch gehörig auf die Nerven.

Cherilyn: Ja, die Leute fragen mich immer, ob ich nach Berlin gezogen sei, weil dort so viele Künstler leben und es eine so kreative Stadt ist, aber eigentlich fühle ich mich überhaupt nicht wirklich wie irgendein Teil einer Szene. Das ist doch meistens nur Mist, dieses Hipster-Ding, diese Künstler-Freunde, die jeder zu haben scheint. Jedermann denkt, er ist Künstler, aber eigentlich ist es keiner von ihnen. Natürlich muss es in Berlin auch echte Künstler geben, aber die habe ich noch nicht getroffen. Und wenn ich wirklich danach suchen sollte, dann sicherlich nicht in Berlin, sondern wahrscheinlich vielmehr in New York oder Portland oder vielleicht Leipzig.

oder Freiburg...

Cherilyn: (lacht) Ja, vielleicht! Oder Paris zum Beispiel. Ich meine, irgendwie hat jede Stadt auch dieses Pseudo-Künstlerische, aber Berlin hat das ganz im Speziellen. Und wie gesagt, es gibt bestimmt viele Künstler in Berlin – das macht ja auch Sinn, denn dort ist es billig und das ist natürlich wichtig für Künstler. Aber ich bin immer noch auf der Suche nach guter, lokaler Musik aus Berlin, oder auch nach guten einheimischen Künstlern. Aber vielleicht suche ich auch nicht richtig danach, ich gehe nämlich nicht wirklich oft aus. Denn irgendwie hat Ausgehen in Berlin immer was mit Techno zu tun.

Also hast du in Berlin keine wirkliche Lieblingslocation?

Cherilyn: Nein, ich bin lieber so oft es geht draußen. Wir gehen öfters in den Park und feiern dort ein wenig, oder in kleine Bars, wo man eventuell auch tanzen kann, aber eben nicht wie in einem Club. Ich meine, wenn die Musik gut ist, dann kann ich auch die ganze Nacht durchtanzen.

Bist du denn eine gute Tänzerin?

Cherilyn: Ich tanze eher albern, glaube ich.

Hast du früher auch Standardtänze gelernt? Wie Walzer oder so?

Cherilyn: Ja, früher in der Schule musste ich das leider, aber das war nicht wirklich graziös. Ich habe es ein paar Mal versucht, aber ich habe sehr lange Arme und das sah dann nicht immer besonders ansehnlich aus während des Tanzens.

Aber beim "Robot Dance" wärst du damit die Nummer 1 gewesen.

Cherilyn: (lacht) Vielleicht, das wäre eine Idee. Aber sonst gibt es nicht viel, wo ich feminin und ansehnlich aussehen würde. Wenn, dann tanze ich schnell, zu Drum and Bass zum Beispiel! Da gehe ich richtig ab.

Im Ernst?

Cherilyn: Auf jeden Fall. Aber nur, wenn ich mit den richtigen Leuten unterwegs bin oder wenn ich nicht alleine tanzen muss. Oder wenn ich mit meiner besten Freundin von zuhause zusammen bin, nur wir beide. Denn bei ihr ist mir das nicht peinlich.

Wie hat sich denn deine Arbeit verändert, seit du in Berlin lebst? Verglichen mit der Zeit in Johannesburg?

Cherilyn: Die Veränderung liegt gar nicht so sehr an Berlin selbst, vielmehr an den Veränderungen meiner persönlichen Situation. Zuhause in Johannesburg habe ich mit Darryl (Torr – ehemaliges Mitglied von Dear Reader) in einem großem Studio und mit dem entsprechenden Equipment gearbeitet. Er war derjenige, der sich in solchen Dingen auskannte. Und in den Phasen, in denen ich neue Songs schreibe, würde ich sagen, dass es überhaupt keinen Unterschied gibt, wo ich bin. Ich fühle mich in solchen Phasen eher immun gegenüber äußeren Umständen.

Stehen Darryl und du noch in Kontakt zueinander?

Cherilyn: Ja, natürlich. Wir sind immer noch sehr gut miteinander befreundet, erst gestern haben wir miteinander geskypet. Ich denke, er ist traurig, dass er nicht hier sein kann.

Er hat jetzt eine Familie, oder?

Cherilyn: Noch nicht, aber er wird bald heiraten und hat jetzt sein eigenes Geschäft. Er hat sich ein größeres Studio aufgebaut und sich damit mittlerweile sehr etabliert und ist erfolgreich. Und damit hat er viel zu tun, zum Beispiel arbeitet er mit Bands, für Fernsehsendungen und solche Sachen. Und er musste ja schon immer versuchen, das und die Band unter einen Hut zu bekommen, aber irgendwann hatte er dann einfach nicht mehr genug Zeit für die Band. Aber wie gesagt, wir sind immer noch sehr gut befreundet und er ist nach wie vor so liebenswert und freundlich und unterstützt mich sehr, was großartig ist und ich nicht für selbstverständlich halte. Er meinte nur: "Ja, mach weiter, behalte den Namen, es ist doch alles gut." Er ist wirklich ein ganz besonderer Mensch.

Fehlt er dir manchmal?

Cherilyn: Natürlich. Das ganze "Du weißt nie, was du hast, bis es nicht mehr da ist" stimmt leider. Am meisten vermisse ich es, dass es außer mir jetzt niemanden mehr gibt, dessen Baby dieses Projekt auch ist. Ich meine, es gibt ganz viele wunderbare Menschen an Bord dieses Projekts, die mich auf so vielfältige Art und Weise unterstützen. Aber am Ende bin ich es, die dafür verantwortlich ist. Und das ist manchmal schon eine große Belastung für mich, schließlich muss ich ja auch davon leben! Und das alles ohne Darryl zu tun, ist manchmal schon etwas beängstigend. Er war irgendwie wie mein Mentor, der mir damit immer geholfen hat. Er hat das ja schon alles vor mir gemacht und kannte sich damit aus. Trotzdem denke ich, dass es was Gutes hat, so wie es jetzt ist, und ich lerne daraus.

Hat Darryl die neue Platte eigentlich schon gehört?

Cherilyn: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, er hat mir noch nicht geantwortet, aber ich hab ihm die Platte auf jeden Fall zukommen lassen. Vielleicht sollte ich ihm mal die Pistole auf die Brust setzten (lacht) "Hi Darryl, was denkst du über die neue Platte? Sag es mir, sag es mir!" Wenn ich ihn an Weihnachten sehe, werde ich ihn danach fragen.

Ach, ich bin mir sicher, dass er sie schon gehört hat und dass sie ihm gefällt.

Cherilyn: Ja, glaubst du?

Auf jeden Fall! Wir haben ja schon kurz über die Aufnahmen zu "Idealistic Animals" gesprochen. Das Album wurde ja gar nicht in Berlin, sondern in Leipzig aufgenommen. Gab es dafür denn einen speziellen Grund?

Cherilyn: Das war einfach, weil Fritz, der für unsere Liveaufnahmen zuständig ist, in Leipzig lebt und wir dort einen Proberaum und ein Aufnahmestudio hatten. Außerdem hatten wir dort viel Equipment, Instrumente und Mikrofone und so. Das war eigentlich der Hauptgrund dafür.

Dann lass uns doch mal ein wenig über das Album sprechen. Als ich "Idealistic Animals" zum ersten Mal gehört habe, hat es auf mich einen sehr ambivalenten Eindruck gemacht. Vom Sound her ist es ja vor allem geprägt durch harmonische Elemente und Upbeats, während die Lyrics doch sehr düster, melancholisch, selbstkritisch, ja fast schon sozialkritisch sind. War diese Verschiedenheit zwischen Sound und Lyrics denn beabsichtigt?

Cherilyn: Nein, das war nicht wirklich beabsichtigt, aber dein Eindruck ist schon ganz richtig. Ich denke, der Grund dafür ist einfach der, dass ich auch genauso bin. Ich war schon immer ein sehr ernsthafter Mensch, mit einem Hang zu den dunkleren Seiten des Lebens, der sehr viel Zeit mit nachdenken verbringt, sogar schon, als ich jung war. Aber ich war auch schon immer albern und kindisch, ein Mensch, der viel lacht und ein sonniges, leichtes Gemüt besitzt. Und ich denke, dass die Musik einfach meine Persönlichkeit reflektiert. Aber ich beabsichtige das nicht, ich habe nicht das Gefühl, dass ich das so einfach kontrollieren kann, es passiert einfach. Manchmal wünschte ich, es würde anders klingen. Es ist vielmehr so, dass die Musik ein Träger ist für die Wörter, die ich ausdrücken möchte. Vielleicht will ich mit diesem Sound ja auch manchen Inhalt verstecken, ich weiß es nicht. Einmal habe ich alleine ohne Band einen Charity-Gig gespielt und die Leute vom Label waren auch da und sagten: "Wow, wenn die Songs allein gespielt werden, klingt das fantastisch." Und dann machten wir diese EP in Berlin.

Fühlst du dich mit oder ohne Band wohler?

Cherilyn: Natürlich mit der Band. Aber ich gewöhne mich so langsam daran, auch mal ohne Band zu spielen. Aber allein bin ich nervöser, viel nervöser als mit der Band. Wobei es besser wird, vor allem, wenn ich etwas Abstand zu den Songs gewinne und ich nicht mehr so emotional darauf reagiere. Der einzig wirklich emotionale Moment ist sowieso der, wenn ich den Song schreibe. Später habe ich dazu dann aber mehr Abstand – wie du siehst, bin ich nicht mehr so traurig, was ich sehr gut finde.

Also bringt dich das Singen der Songs emotional nicht zurück in die Zeit, in der du die Songs geschrieben hast?

Cherilyn: Nein, zum Glück nicht!

Würdest du sagen, dass "Idealistic Animals" persönlicher ist als "Replace Why With Funny"?

Cherilyn: Ich denke, dass beide sehr persönliche Alben sind. Das ist witzig, dass du das fragst, denn manche Menschen denken, dass das neue Album weniger persönlich ist. Aber ich denke das nicht, vielmehr finde ich dieses Album viel persönlicher.

Die Songs deines neuen Albums haben allesamt Tiernamen, außer dem Song "Man". Denkst du also, dass Menschen auch so etwas wie Tiere sind, oder wie ist dies zu verstehen?

Cherilyn: Ja, idealistische Tiere natürlich.

Was bedeutet "idealistisch" denn für dich?

Cherilyn: In diesem Zusammenhang bezieht es sich eigentlich auf das emotionale Bewusstsein. Aber ich denke, wir brauchen mehr, um zu überleben. Es gibt zunächst einmal die Grundbedürfnisse, wie Essen, Trinken, ein warmes Zuhause, sexuelle Bedürfnisse, und ich denke, dass wir in diesen Dingen den Tieren sehr ähnlich sind. Und dann natürlich die emotionalen Bedürfnisse, die der Mensch ebenfalls braucht, um glücklich zu sein und um überleben zu können. So ist es am Ende eigentlich das Gleiche, zumindest, wenn man es auf diese Weise betrachtet. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob ich es auf diese Weise betrachten möchte. Ich meine, im Prinzip geht es auf dem ganzen Album darum, wie ich auf verschiedene Art und Weise darüber nachdenke, wie ich über gewisse Dinge denke (lacht). Ich betrachte aus unterschiedlichsten Blickwinkeln die Menschheit und Gesellschaft und mache mir Gedanken über den Sinn des Lebens. Warum bin ich überhaupt hier? Ich meine, ich war früher ein sehr religiöser Mensch und so hatte ich früher auch sehr klare, ja fast schon schwarz-weiße Vorstellungen über fast alles. Keine befriedigenden Antworten, aber sehr klare Antworten zu den großen Fragen. Natürlich hatte ich auch immer Zweifel, aber diese bewegten sich meist nur in einem sehr abgegrenzten Rahmen. Aber das ist nun schon eine längere Zeit nicht mehr so. In der Zeit zwischen den beiden Alben hatte ich sehr viel Zeit, darüber nachzudenken, denn dort habe ich quasi aufgehört, Musik zu machen. Ich dachte zeitweise auch darüber nach, nie wieder professionell Musik zu machen. So habe ich viel Zeit damit verbracht, über Dinge nachzudenken, die mich traurig machen, um dann doch irgendwann Songs darüber zu schreiben. Was ich damit sagen will, ist eigentlich, dass ich nicht mehr wirklich gläubig bin, ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch mal auf diese Weise an irgendwas glauben werde.

Gab es hierfür ein einschneidendes Erlebnis oder war das letztendlich ein Prozess?

Cherilyn: Im Prinzip war es ein Prozess, der aber von einem Erlebnis ausgelöst wurde. Eine Art Erleuchtung. Ich dachte irgendwann, dass es einfach mehr geben muss, als all die Dinge und Aktivitäten, in denen ich involviert war damals in der Schule. All das Bibellesen, das Beten, die Disziplin, all das ganze Zeug eben. Aber was ist denn mit der eigentlichen Essenz? Was ist mit Gott? Wo ist das? Und dann habe ich mit all dem aufgehört. Aber das war sehr schwer. Ich war sehr traurig, wütend und verzweifelt, denn im Prinzip war es, als ob ich dadurch mein bisheriges Leben aufgegeben habe. Ich habe mich zurückgehalten gefühlt in meiner Entwicklung und meiner Gedankenwelt, aber es hat mir auch geholfen, in so vielen anderen Dingen.

Würdest du sagen, du hast für dich einen Umgang damit gefunden?

Cherilyn: Ja, wenn andere Menschen gläubig sind, ist das ok. Doch ich weiß, dass ich niemals mehr so sehr an etwas glauben werde. Auf eine derartige fundamentalistische Weise eben wie früher, als ich zum Beispiel in der Schule gebetet oder gepredigt habe. Ich war sehr fanatisch früher.

Und so hattest du im Alter von 22 Jahren sozusagen eine Wiedergeburt?

Cherilyn: Jetzt mache ich Erfahrungen, die früher eine Vierzehnjährige gemacht hat. So Sachen wie zum Beispiel eine bestimmte Musik zu hören, zu trinken, Sex zu haben, oder eine Zigarette zu rauchen.

Und du tanzt verrückt zu Drum'n'Bass.

Cherilyn: (lacht) Ich denke nicht, dass ich jetzt den entgegengesetzten Weg eingeschlagen habe. Am Ende denke ich nicht, dass Hedonismus mich in irgendeiner Form glücklicher machen würde. Aber ich gehe jetzt lockerer mit Dingen um, mit denen ich früher so meine Schwierigkeiten hatte. Ich stehe diesen Dingen jetzt deutlich offener gegenüber.

Bist du jetzt auch glücklicher?

Cherilyn: Nein, leider nicht. Ich denke, dass ich früher glücklicher war. Unwissenheit ist ein Segen. (lacht) Früher war ich Teil eines großen Ganzen, es gab Gründe, warum Dinge so sind, wie sie sind. Und es gab zu allem irgendwelche Antworten. Alles hatte seinen Sinn. Man war Teil einer großen Gemeinschaft und teilte mit diesen Menschen sehr viel. Aber ich fühle mich mittlerweile nicht mehr als Teil davon.

Benjamin Schneider

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