Rezension

Dear Reader

Replace Why With Funny


Highlights: Way Of The World // Dearheart // Great White Bear // Bend // Release Me // The Same
Genre: Folk // Indie
Sounds Like: The Cardigans // Rilo Kiley // Angus & Julia Stone // My Brightest Diamond // Arcade Fire

VÖ: 20.02.2009

Vorsicht, Suchtgefahr. Wer die folgenden Zeilen liest, läuft Gefahr, diesen Monat ein weiteres Album kaufen zu müssen. Dear Reader stammen aus Johannesburg und setzen sich aus Cherilyn McNeil (Vocals, Piano/Keyboard, Gitarre), Toningenieur und Grammy-Gewinner Darryl Torr (Bass, Loop Station, Keyboard, Background Vocals) und Michael Wright (Drums, Background Vocals) zusammen. Vor drei Jahren nahmen Cherilyn und Darryl unter dem Namen Harris Tweed das in Südafrika veröffentlichte Album „The Younger“ auf - den Bandnamen mussten sie aber aufgrund der Namensgleichheit mit dem schottischen Wollfabrikaten aufgeben. Der 24-jährigen Cherilyn eilt der Ruf einer guten Pianistin voraus, die bisher mit ihrem Klavierunterricht finanziell gut über die Runden kam und die sich nun voll auf ihr Talent konzentrieren kann. Noch beeindruckender ist aber ihre bezaubernde Stimme, deren Klangfarbe ein wenig an Nina Persson oder Regina Spektor erinnert und die in jedem Song den Fixpunkt bildet. Dabei wird sie von ihren Mitmusikern so gut in Szene gesetzt, dass man merkt: Hier ist ein gutes Team am Werk. Im Studio erhielten Dear Reader Unterstützung von Brent Knopf (MENOMENA!), dessen Ideen (unter anderem Waldhörner und Chöre) sich perfekt integrieren.

“Replace Why With Funny“ beginnt mit den textlich und musikalisch einfacher strukturierten Songs und steigert dann mit jedem Titel ein wenig den Anspruch. Die ersten vier Songs sind alle sehr unterschiedlich aufgebaut, jeder von ihnen hat das Zeug dazu, ein Indiehit zu werden. Los gehts mit dem locker flockigen „Way Of The World“, in dem man bei der Zeile „it's the way of the world as you know it“ automatisch kurz an R.E.M.s „it's the end of the world as we know it“ denkt, den Gedanken aber sofort aufgrund der Eigenständigkeit des Songs wieder verwirft. „Dearheart“ wirft uns eine dicke Blues-Basslinie um die Ohren, Clap-Einlagen und Streicher geben dem ganzen Atmosphäre. In „Great White Bear“ wird das Maul eines Eisbären zum sichersten Ort der Welt. Ein interessant gewählter Rückzugsort, den Cherilyn bei einer Reportage von Forschern entdeckte, welche auf der Suche nach Eisbären erst am Tage keinen Erfolg hatten, weil das Fell der Bären vom Schnee kaum zu unterscheiden ist und die auch in der Nacht nicht in der Lage waren, die Tiere zu entdecken, weil Eisbären nur während des Ausatmens einen kleinen infraroten Punkt hinterlassen. Cherilyn zeigt sich hier von ihrer zarten Seite und strahlt in diesem Highlight eine große Geborgenheit aus, der man sich nicht verschließen kann. „Bend“ ist gefüllt mit großartigen Zeilen wie „If you do not bend you will eventually break, unless you make the wind, stop blowing your way“ und „don't forget regret / it is a waste of an emotion / and acceptence is the way to peace / don't try to defy her“. Geigen kommen in dem ruhigen „Release Me“ neben der Akustikgitarre wieder zum Einsatz. In dem darauf folgenden, auch bedächtig beginnenden „Never Goes“ geht es dann wieder lauter zu, wenn die Streicher richtig Gas geben. In „The Same“ gibt Cherilyn dem jungen, zerrütteten Südafrika eine immer lauter werdende Stimme, die sich mit dem Backgroundchor mit großartigen Lycris („land, land of my birth, are you my mother, or am i an orphan“, „same, we're both the same, we have the same heart, and made of the same parts“)zu einer vereinigenden Hymne aufschwingt.

Im Promotext wird darauf hingewiesen, dass es sich bei „Replace Why With Funny“ um einen „Grower“ handelt. Dem muss ich widersprechen, denn das Album benötigt keine Anlaufzeit, um direkt ins Herz zu treffen.

Marcel Eike

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