Rezension

Tocotronic

Die Unendlichkeit


Highlights: Die Unendlichkeit
Genre: Pop // Indie-Rock
Sounds Like: Element Of Crime // Coldplay

VÖ: 26.01.2018

Den Zenit stilvoll überschreiten. Klarmachen, das man jetzt, im Alter, auch mal was ausprobieren kann. Nach 25 Jahren wieder die Erwartungen brechen und ein hauptsächlich weiches Pop-Album raushauen, auf dem man über seine Biographie sinniert. Kann man machen. Das Projekt beginnt sehr vielversprechend, verliert sich aber leider zusehends in Nichtigkeiten – und das nach dem ersten Song.

„Die Unendlichkeit“ eröffnet mit dem gleichnamigen Lied, welches genau die Balance zwischen eingängig und sperrig findet. In der Strophe trifft von Lowtzows Stimme, die gewohnt klar und akkurat daherkommt, auf eine wunderbare Bassline und gefühlte fünf Gitarrenspuren, die ein weites Klangfeld anlegen. Der Refrain bricht apokalyptisch über das vorherige Kopfnicken herein und macht aus der lässigen Bewegung schnell einen Headbanger, der dazu passend schwere Gitarren, kreischende Feedbacks und überraschend düsteren Gesang auffährt. Dass die Strophe später noch Streicher bekommt und der Refrain gefrickelten Gitarrenlärm ist konsequent und lockert die Ohren auf. Danke, was für eine schöne Überraschung!

Nach diesem fetten Brett wird, bis auf wenige Ausnahmen (der Vollständigkeit halber: „Hey Du“ und „1993“), eher mit Kuschelrock und Radiopop geliebäugelt. In „Unwiederbringlich“ wird es gar so nostalgisch, dass von einer Zeit ohne Handy gesprochen wird, in der die Zukunft „nur in Science-Fiction-Filmen stattfand“. Dazu hört man Streicher, Blasinstrumente verschiedener Couleur und einen gemütlichen Shaker. Da wird es richtig heimelig. Soviel hygge hätte man Tocotronic gar nicht zugetraut – und genau da ist das Problem.

Die Songs wirken so berechnend, so angepasst, so weich und überproduziert, dass es einen graut. Vielleicht liegt das an der Unterstützung, die Stammproduzent Moses Schneider von Paul Gallister (hat Wanda produziert) und Friedrich Paravincini (Cellist bei Annett Louisan, Grönemeyer, etc.) erhalten hat. Oder es ist doch das autobiographische Konzept, was dazu verleitet, die Ecken und Kanten gerade so weit stehen zu lassen, das sie auffallen, aber bloß nicht ins Gewicht fallen. So wie die kleinen Feedbacks der Gitarre, die kurz wild und verwegen klingen, aber dann schnell wieder in einem Popstrudel untergehen, der das große Gefühl trägt. Neben diesem vermeintlich großen Gefühl ist einfach kein Platz mehr für etwas anderes. Also kein Platz für alles, was Tocotronic cool gemacht hat. Es ist eben die Konsequenz für ein Album, auf dem für jeden etwas dabei ist, dass auch viel Schrott dazukommt. Die letzte und bitterste Möglichkeit ist naheliegenderweise das Alter und der Erfolg. Womöglich führt der Weg von der Garage ins Radio immer in einen Hörbereich der – Nein. Man kann das auch gut machen und hier hat es leider nicht geklappt.

Natürlich ist Tocotronic eine stilvolle Band und wer mit dem Pathos von Element of Crime oder Wanda etwas anfangen kann, wird mit „Die Unendlichkeit“ trotzdem seine Freude haben. Alle anderen können sich mit den Youtube-Singles zufrieden geben und werden mit Sicherheit nichts Großartiges verpassen. Besser als „Die Unendlichkeit“ wird es nicht.

Peter Heidelbach

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Video zu "Die Unendlichkeit"
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