Rezension

Tocotronic

Wie Wir Leben Wollen


Highlights: Auf dem Pfad der Dämmerung // Abschaffen // Vulgäre Verse
Genre: Diskurspop // Indie
Sounds Like: Ja, Panik // Blumfeld // Kante

VÖ: 25.01.2013

Lange haben sie es spannend gemacht, ein Sabbatjahr eingelegt, neue Kraft geschöpft, die „FanatikerInnen“ mit 99 Thesen sanft an ihr neues Werk herangeführt. Und nun ist es da, mit „Wie Wir Leben Wollen“ betitelt, 17 Songs stark und fast 70 Minuten lang, das zehnte Studioalbum im zwanzigsten Bandjahr. Im Vorfeld wurde es schon als „wahnhaft, wahrhaftig und ein wilder Walkürenritt“ beschrieben und ja, Tocotronic haben tatsächlich aufs Neue ein freundliches Monstrum erschaffen.

Das erste Album nach der – nachträglich in Anlehnung an David Bowie so bezeichneten – „Berliner Trilogie“ ist vielleicht der komplexeste Tocotronic-Langspieler bis dato. Musikalisch gibt es keine allzu großen Überraschungen; das, was die Band selbst, vielleicht etwas ironisch, als „Powerpop“ bezeichnet, ist bewusst reduziert und zeichnet sich doch durch seinen eigenen Charakter aus. Die Aufnahme mit einer Vierspur-Tonbandmaschine aus den späten 1950er-Jahren überzieht die Songs mit einer dezenten Retro-Schicht, ohne dass diese jedoch zu aufdringlich wäre und man einen Nostalgie-Vorwurf aussprechen könnte. Die wahre klangliche Qualität hält sich zunächst bedeckt und entblättert sich nur zögerlich, es braucht etwas Zeit und ein angemessenes System, um die akustischen Schätze zu entdecken, die sich im Halbdunkel hinter Dirk von Lowtzows stets prominentem Gesang verbergen. Insgesamt klingt die Aufnahme sehr organisch, Hall und Unschärfen sind das deutlichste Stilelement. Und vor oder gar über allem schwebt der warme und ruhige Gesang – doch Obacht, denn wenn jemand singt, wie der Dalai Lama höchstselbst, lauern doch sicher versteckte Dornen allerorten. Und allzu leicht passiert es, dass man sich dann gemütlich, plüschophil einrichtet in Worten wie Untergang, zerstückeln oder Guillotine und sich mit einer warmen und grauen Decke einhüllt.

Protestsongs sucht man entgegen des Albumtitels vergeblich und den Parolen haben Tocotronic ja schon seit längerem abgeschworen. Stattdessen ziehen sie uns auf „Wie Wir Leben Wollen“ hinein in ein Gewebe aus Zitaten – bei wenigen anderen Bands wird der Zusammenhang von lyrics und Lyrik und von Text und Textur so deutlich wie hier. Freilich könnte man nun den Vorwurf äußern, Songs die sich so ausgiebig an Pop- und Hochkultur bedienen und – zumindest soundmäßig in „Exil“ – Jarvis Cocker ebenso aufrufen wie Robert Musil, die Vorhölle und das komplette Fin de siècle, können nicht wirklich mehr sein als bloße Behälterräume. Doch darum geht es wohl auch gar nicht, denn die Kunst hat schon immer verschiedene Stimmen zusammengebracht, um daraus etwas Neues zu erschaffen. Und das „Spiel mit Verweisen ist nichts Anderes als das Imitieren von Stimmen“, wie Dirk von Lowtzow in einem Interview zum Vorgängeralbum „Schall und Wahn“ schon festgestellt hat. Die Maxime, fremde Stimmen zu imitieren und zu rekombinieren, anstatt die eigene zu erheben, hat von Lowtzow auch auf „Wie Wir Leben Wollen“ beherzigt. Ob Tocotronic sich damit weiter in die „Referenzhölle“ manövrieren, am Rand dieser Abgestellt / Auf dieser Schwelle innehalten oder gar ein bemerkenswertes Kunstwerk geschaffen haben, kann wohl nur subjektiv entschieden werden.

Alles in allem kann man jedoch bemerken, dass es Tocotronic auch nach zwanzig langen Jahren an Kreativität nicht gerade mangelt. „Wie Wir Leben Wollen“ hebt sich deutlich von früheren Werken ab und dürfte schon jetzt als Aspirant für diverse Jahresbestenlisten gelten. Und das Beste ist: dieses freundliche Monstrum wird sicher noch weiter wachsen!

Als lebender Leichnam glaube ich daran / The show must go on.

Christoph Herzog

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