Rezension

Tocotronic

Kapitulation


Highlights: Alles
Genre: Indie // Rock
Sounds Like: Kante // Sport // Die Sterne // Sonic Youth

VÖ: 06.07.2007

Nach "K.O.O.K" (1999) wurde mit "Tocotronic" (2002) eine neue Beschwörung formuliert, eine neuartige Verschwörung geformt. Let there be Pop! Und Wut und Unverständnis wichen Erkenntnis und Nähe. Diese ließen neue Assoziationen in Klangbildern in Bezug auf Kleinigkeiten, Beobachtungen, das ganz Große und das große Ganze zu. Aber das hatte noch lange nichts mit Vernunft zu tun, so dass "Pure Vernunft Darf Niemals Siegen" (2005) wiederum neue Welten aufriss. Es lässt sich erahnen, dass sie niemals satt sein und auch niemals kapitulieren werden.

Die Furcht vor der Kapitulation. Eine Kapitulation ist die Bereitschaft, keinen Widerstand mehr leisten zu wollen, der Wille, willenlos zu sein, die völlige Selbstaufgabe und selbstlose Fügung. Eine einseitige Unterwerfungserklärung - bei der sich in diesem Falle die Frage auftut, wer sich wem unterwirft und ergibt.

Die Furcht vor dem Hochsprung. Tocotronic setzen mit jedem veröffentlichten Klangträger fast unweigerlich die Messlatten in allen Bereichen noch wieder ein nahezu unerreichbar scheinendes Stück höher an. Und wer mit ordentlich Anlauf den Hochsprung über die individuellen, imaginär angesetzten Messlatten wagt, der landet doch jedes Mal wieder weich und sicher und noch etwas tiefer in einer Matte aus scheinbar mystischen, aber immer passenden Lyrics und wieder aufs neue überraschendem Klanggewebe. - Und wer den Hochsprung umgehen will, der kann immer noch hocherhobenen Hauptes unter der Sprunglatte hindurchwandern und nimmt von dem, was über ihm passiert, gar nichts wahr.

Anlauf genommen, gesprungen, gelandet...Ich liege wehrlos in der Matte und denke nur: "Meine Fresse, das geht ja richtigrichtig gut ab." Hat sich wer gewünscht, dass die tocotronischen mal wieder richtig losrocken? Rick McPhail, der stoischruhige Mann aus dem Hintergrund, bohrt sich ziemlich markant durch alles, was bisher war, direkt nach vorn und zersägt gekonnt alles, was sägbar ist. Mein Ruin! Oder ist er es gar nicht, sondern das Zusammenspiel aller? Die Klärung, wer hier wen vorantreibt, kann immer noch betrieben werden und scheint letztlich nicht einmal wichtig.

Und genau das ist es auch, wenn die Tocos im Player liegen: Nichts ist wirklich wichtig. Let there be rock und alles andere versinkt.

Absolut profane Stilmittel, wie z. B. Clap-Sound, ergeben zusammen mit einem betörenden Refrain ein Mittel, das zur Aufgabe lockt ("Kapitulation"). Und wer aufgibt, verliert Sicherheit. Zum Selbstschutz erfolgt der Rückzug in die eigenen Mauern - Selbstreflexion, Wundenlecken und wohlklingender Wiederaufbau ("Aus Meiner Festung"). So zurückgezogen lassen sich wunderbar konspirative Treffen mit dem Selbst zelebrieren, die zum Angriff gegen das andere Ich aufrufen ("Verschwör Dich Gegen Dich").

Aber in dieser Schlacht ist keiner allein. Mit wehenden Fahnen, auf denen der Slogan "Wir Sind Viele" zu lesen ist, wird in den Kampf gegen die menschlichen Ego-Kämpfe gezogen, über allem eine immer gefährlicher bohrende Gitarre, die jeden Weg freiräumt und ein Schlagwerk, dass bis kurz vor dem finalen Zusammenbruch das Marschtempo vorgibt. "Harmonie Ist Eine Strategie" (und auch später "Luft") ergeben die Fortsetzung des letzten Drittels von "Tocotronic", füllt quasi die Lücke zwischen eben dem Longplayer und seinem Nachfolger, reißt um und lockt in andere, weitaus lichtere Welten. Eine weitere Kapitulation offenbart sich in "Wehrlos" - und es ist nahezu unmöglich, sich gegen die Atmosphäre dieses Stückes zu wehren. Es bauen sich sphärische Klangwelten auf ("Dein Geheimer Name"), die aus der Welt entrücken, neues aufbauen und abheben lassen und noch immer wieder einen Gang nachlegen, damit ja keiner vorzeitig landen muss. "Sag Alles Ab" zerrt zurück in das tocotronische Zeitalter vor 1999, schreit, gniedelt und punkrockt in Old-School-Manier. Dann wieder willenloses Entrücken, betäubtes Dasein...durch "Explosion"...kein Wille triumphiert...

Und dann ist es vorbei....ich kapituliere. Sie sind und bleiben die Größten. In dem Moment, in dem ich sie höre, gibt es nichts besseres, passenderes, schöneres.

Silke Sprenger

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