Rezension

Hot Chip

The Warning


Highlights: And I Was A Boy From School // Over And Over // No Fit State
Genre: Indietronic
Sounds Like: Air // International Pony

VÖ: 19.05.2006

Beim Melt!-Festival 2006 ließ sich besser als überall sonst einer der Trends des Jahres beobachten: Nein, es geht nicht um Web 2.0, die Arctic Monkeys, Röhrenhosen, deutsche Päpste, die Vogelgrippe, eine nicht von Ferrari gewonnene Formel 1 WM, israelische Flugzeugbombardements, eine KanzlerIN, deutsche Fußballbegeisterung, verregnete Auguste und Hitzewelle. Nein, wir reden hier von der Verschmelzung von so-called Indie und elektronischer Musik. Indietronic ist das Wort. Was ist was, wer darf wo klauen, wer darf was gut finden? Ganz egal. Egal ob Bier oder bunte Pillen, ob Style oder Lässigkeit, ob manisches Tanzen oder ausgelassenes Herumhüpfen, egal welche Frisur, welche Klamotten, welche Labello-Sorte, wir sind eine Welt. Geschmack lässt sich nicht mehr auf Genres festlegen, sondern nur noch auf Qualität. Also bewegen wir uns nachmittags zu den Editors und nachts zu 2ManyDjs.

Oder wahlweise zu beiden gleichzeitig. Hahaha, werdet ihr jetzt sagen, das möchten wir ja mal sehen, wie du dabei aussiehst. Und ich antworte: Aber, aber, Kinder, das war doch nur metaphorisch gemeint. Natürlich höre ich nicht auf dem einen Ohr wummernde Bässe und auf dem anderen Tom Smiths melancholischen Gesang. Es gibt nämlich Musik, die kann beides. Herzzerreißend traurig sein und gleichzeitig unverschämt tanzbewegungserzwingend. Tiefgründig und oberflächlich spaßig. Fisch und Fleisch. Oder für die Veganer unter uns: Marzipan und Tofu.

Ihr wisst es vermutlich schon: Es geht um Hot Chip – The Warning. Klar, wenn ich eine Rezension lese, weiß ich ja immer vorher, über welche Platte der Depp da schreibt. Was ihr vielleicht noch nicht wisst, aber dringend erfahren müsst: Es geht um die beste Platte 06. Kein Scheiß.

Alexis Taylor und Joe Goddard, die klugen britischen Köpfe dahinter schreiben ihre Songs nicht zusammen, sondern nacheinander. Das ganze sei eher „eine Art Brieffreundschaft“. Möglicherweise sind die beiden seelenverwandt und/oder verfügen über telepathische Kräfte, angesichts der Vollkommenheit von The Warning. Es klingt wie vieles, aber ganz sicher nicht wie Stückwerk. Was nicht bedeutet, das musikalisch nicht enorme Bewegungsfreiheit möglich ist.

Zuerst herausstechende Songs: „And I was a boy from school“ und „Over and Over“. Die verträumt vor sich hinblubbernde Geschichte zweier Außenseiter getragen von Taylors bezaubernder Stimme. We try but we don't have long, we try but we don't belong. Der großartigste, ohrwurmige Tanzkracher über Affen mit Zymbeln und diesem unglaublich schrägen Bass im Refrain, der den Song so einzigartig macht. Man müsste die Repeat-One-Track-Taste drücken und könnte tagelang dazu tanzen. Natürlich nur unter Einfluss der Drogen von diesen komischen Electrofuzzies. Over and over and over and over and over and over and over...

Die Wahrheit verrate ich euch aber jetzt: „No Fit State“ ist der beste Track der Platte. Hört genau hin. Zuerst ist da nur dieser Beat, très simpel. Dann wieder dieser Gesang, zum Dahinschmelzen zart. Halt, das war ja eine andere Werbung... Eine düstere Strophe, tiefdringend. Und dann wieder dieser durchbohrende Bass. I'm in no fit state. Immer und immer wieder. Darüber singt Goddard Dinge wie To fall in love with you /To make a record of my life /To lose any more than I need /To watch my fingers bleed. Was auch immer gerade auf dein Leben zutrifft. Such es dir aus.

Das ist das Schöne an The Warning. Sie geht immer, in jeder Situation. Das ist das Schöne an der Verschmelzung zweier Stile. Das ist das schöne an brillianter Musik. I'm in a fit state to hear this album. Every time of this year.

Lisa Krichel

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