Interview

Hot Chip


Die Alte Feuerwache an einem schönen warmen Sommertag, Alexis Taylor, einer der beiden Gründer von Hot Chip, kommt gerade aus selbiger. Er trägt die charakteristische, rote Monsterplastikbrille, die an diesem Tag knallgrün war, und läuft Richtung Innenstadt. Joe Goddard, Gründer Nummer zwei, hat er backstage zurückgelassen. Er sitzt konzentriert und irgendwie abwesend auf einem Sessel und malt Kreise. Schöne bunte. Mit ihm chillt Al Doyle, und mit beiden setzte ich mich raus ins Straßencafé, um über Kunst, Geld und Fehlinformationen auf Wikipedia zu reden.

Joe, du hast backstage eben Bilder gemalt...

Joe: Ja, ich mach' das nicht allzu oft, aber es ist immer schön, vor Shows etwas Kreatives zu tun.

Das ist also deine Art, vor Shows zu entspannen?

Joe: Ja, absolut.

Als ich vor zwei Wochen in Stockholm war, sah ich dort zufälligerweise Tourplakate von euch. Dort habt ihr ja letzte Woche gespielt. Wie hat euch die Stadt gefallen?

Joe: Wir hatten schon mehrere Shows dort. In Stockholm hatten wir damals unseren ersten Auftritt im Ausland überhaupt.

Habt ihr etwas von der Stadt gesehen, als ihr dort wart?

Al: Wir haben uns nur ein wenig umgeschaut, als wir letztes Mal dort waren, weil wir viel zu tun hatten. Aber es ist eine wunderschöne Stadt.

Ich finde es toll, dass man überall von Wasser umgeben ist, egal wo man ist.

Al: Ja, das stimmt. Wir waren schon an vielen wunderschönen Orten. Kopenhagen, Amsterdam, Hamburg... bald geht es auch nach Barcelona.

Euer Video zu "Over and Over" ist eine gelungene Mischung aus Performance- und Videokunst, Trash und Herumalberei...

Al & Joe: (lachen) Ja, es war viel Herumalberei, das stimmt.

War das eure Absicht oder habt ihr euch von den Ideen des Regisseurs überraschen lassen?

Joe: Viele dieser Ideen kommen von uns. Der Regisseur, Nima Nourizadeh, ist ein Freund von uns und hat alle Videos für uns gemacht. Wir kamen mit vielen Ideen zu ihm, die er dann umgesetzt hat. Aber ja, die Videos sollen diese Atmosphäre haben. Spaß, Humor und voller Experimente, die unnormal und künstlerisch sind. Wie die Musikvideos von Devo, die den gleichen künstlerisch-komischen Stil haben. Eine solche Atmosphäre wollten wir auch haben.

Auch in "Boy from School" spielt Kunst sozusagen die Hauptrolle. Was bedeutet euch Kunst?

(Schweigen)

Al: (denkt nach) Hm...

Joe: Wir versuchen sie durch unsere Musik zum Ausdruck zu bringen. Wie unsere Platten oder Musikvideos aussehen. Auch die Musik, die wir hören, ist größtenteils kreativ und irgendwie auch künstlerisch, würde ich sagen. Owen malt unsere Cover und kommt ständig mit neuen Ideen. Er war schon für unser Artwork zuständig, bevor er anfing, mit uns Musik zu machen. Das ist also eher seine Rolle, aber wir alle mögen Kunst und Ausstellungen zu besuchen.

Al: Musikvideos und Plattencover sind auch deine Chance, dich auszutoben. Du hast dieses kleine Quadrat und bist fast völlig frei.

Und auf das Ergebnis kann man ja auch sehr stolz sein.

Al: Absolut. Das gleiche gilt für die Musikvideos.

Ihr habt Hot Chip zu zweit gegründet, weil ihr etwas Neues erfinden wolltet und euch die Musikszene angeödet hat...

Joe: Als wir anfingen, Musik zu machen und noch auf der Schule waren, war das eigentlich nur Akustikgitarrenspielerei und Gesang dazu. Irgendwann wollten wir allerdings mehr experimentelle Popmusik auf Keyboards machen. Der Grund dafür war tatsächlich, dass wir etwas gelangweilt waren von all der Popmusik, die es um uns rum gab (wird kurz nachdenklich...) . Das stimmt, wir waren eigentlich ziemlich angepisst von der aktuellen Musik damals.

Wie habt ihr denn die anderen drei gefunden?

Al: Unter einem Stein (muss losprusten).

Joe: (lacht) Owen ging bereits mit uns zur Schule. Alexis kannten wir auch schon, er ging zur Uni, auf der Al und Felix ebenfalls studierten. Sie kamen dann vor vier Jahren dazu. Bald feiern wir unser 10-jähriges Bestehen... naja, die Anfangsjahre waren ja eigentlich nur musikalisches Herumsauen zwischen mir und Alexis. Die Band, wie sie jetzt ist, besteht also seit ungefähr vier Jahren.

Dieses Jahr wurdet ihr für den Mercury Music Prize nominiert, wie war das für euch?

Al: Whooo (beide lachen). Wir hatten vorher schon Gerüchte gehört, dass wir nominiert worden sind, wir wussten also nicht, ob das wirklich passieren würde. Deshalb war es komisch, als es dann offiziell bestätigt wurde. Das war großartig. Wir waren zu der Zeit nicht zu Hause, weil wir auf diesem Festival in Frankreich gespielt haben. Alles lief super, wir hatten einen kleinen tollen Urlaub und eine gute Zeit, und als wir davon hörten, war das wirklich toll.

Wem hättet ihr den Preis verliehen...

Joe: (unterbricht grinsend) Uns.

?wäret ihr selbst nicht dabei gewesen (ich muss selbst dabei lachen) ?

Joe: Niemandem, der ihn uns nicht auch gegeben hätte (lacht) . Ähm... naja, ich fand die Alben eigentlich alle nicht wirklich toll. Richard Hawley mag ich sonst eigentlich. Muse nicht.

Bei dem Preis geht es ja nicht um verkaufte Alben, sondern um aufregende und herausstechende Alben.

Al: Naja, sie wollen "das beste Album" wählen, einen Durchstarter oder jemanden, der irgendwie anders ist. Das Ding beim Arctic-Monkeys-Album (der Gewinner von 2006, Anm. d. Red.) ist, dass es keine wirklich fantastische Musik ist, aber es hatte unglaubliche Auswirkungen auf die UK-Szene. Und dann kommt noch hinzu, dass die Künstler so unterschiedlich sind und man versuchen muss, sie zu vergleichen, wie Sway und Thom Yorke zum Beispiel.

Also seid ihr der Meinung, solche Preise sind nicht wirklich von Bedeutung.

Joe: Hätten wir gewonnen, wäre uns das sehr wichtig gewesen (lacht). Man bekommt glaube ich 20.000 Pfund, für uns ist das eine Menge Geld. Aber die Arctic Monkeys... Wohltätigkeit ist zwar gut, aber...

Sie haben das Geld gespendet?

Joe: Keine Ahnung, ich hoffe doch. Brauchen werden sie das Geld jedenfalls nicht wirklich.

Ihr spielt zur Zeit sehr häufig. Gab es Konzerte, die besonders herausgestochen sind?

Joe: Es gab sehr viele besondere, ja. Berlin vor zwei Tagen war eine wirklich großartige Show. In Hamburg gestern haben sie sich die Seele aus dem Leib getanzt, was wiederum sehr unterhaltsam für uns war. Wir hatten wirklich eine ganze Menge Spaß dabei. Im Sommer hatten wir viele Festivals, die sehr oft anstrengend sein können und überhaupt nicht spaßig.

Das sagen ja wirklich viele Bands.

Joe: Du hast nicht viel Zeit aufzubauen und zu checken, ob überhaupt alles funktioniert, dann musst du vorher dein gesamtes Set auf 45 Minuten oder eine Stunde festlegen. Bei Konzerten wie heute ist alles entspannter und wir wissen, dass die Leute wegen uns da sind. Viele Konzerte waren unglaublich, aber Berlin, Hamburg und Amsterdam sind wohl am meisten herausgestochen.

Hamburg wird von vielen von uns Deutschen ziemlich vergöttert.

Al: Da gibt es den größten Musikladen, den ich je gesehen habe. Tausende Instrumente. Viele tolle Platten- und Klamottenläden und diesen riesigen Zirkus haben wir gesehen, und Löwen und Elefanten, als wir dort herumgelaufen sind.

Joe: Zur Zeit läuft es generell sehr gut und macht dementsprechend großen Spaß, weil die Locations gut besucht sind. Ein netter Nebeneffekt ist auch, dass wir im Moment einige neue Songs spielen, worin wir immer besser werden.

Eine Art Übung für die Konzerte in einigen Monaten sozusagen?

Joe: Ja genau, für das nächste Album. Während wir die Leute unterhalten, tun wir gleichzeitig was für die Übung, das ist ein gutes Gefühl.

Stimmt es, dass ihr einige Songs für ein Videospiel geschrieben habt?

Joe: Nein...

Al: (schaut verwundert zu Joe) Gestern hat mich jemand das gleiche gefragt . Komisch, das muss im Internet kursieren.

Das stand sogar auf Wikipedia.

Joe: Wikipedia? Das sollte geändert werden (grinst).

Hört ihr öfter Dinge, die nicht stimmen?

Al: Oh ja. Aber das ist immer ziemlich interessant und amüsant (grinst).

Na dann bedanke ich mich und wünsche euch einen mindestens genauso tollen Abend wie in Berlin.

Al & Joe: Vielen Dank ebenso, bis heute Abend!

Stefanie Graze

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