Rezension

Frank Turner

Be More Kind


Highlights: 1933 // Make America Great Again // The Lifeboat
Genre: Heartland Rock // Folk-Rock // Pop
Sounds Like: Bruce Springsteen // Chuck Ragan // The Gaslight Anthem

VÖ: 04.05.2018

Frank Turner war mal Punkrocker. Wer die Karriere des zum breitbeinigen Folkrock konvertierten Briten in den letzten Jahren verfolgt hat, musste aber schnell den Eindruck gewinnen, dass er mit den Idealen der Bewegung hadert. Prinzipiell dagegen sein? Starke Meinungen und Parolen vertreten, aber den eigenen Standpunkt nicht reflektieren? Das ist zwar Punk in seiner urtümlichsten Form, aber nichts für den 36-jährigen Turner, der sich auf seinem neuen Album „Be More Kind“ konsequenterweise auch musikalisch weiter als je zuvor davon entfernt.

An die Stelle von verzerrten Gitarren und treibendem Schlagzeug tritt eine musikalisch vielseitige Pop-Ästhetik, die in „Little Changes“ hart an der Beliebigkeit einer Apple-Werbung entlangschrammt, grundsätzlich aber aufgeht – sogar dann, wenn sich Turner auf elektronische Klänge einlässt. Textlich liefert er dazu interessanterweise seine bisher politischste Platte ab. Weder der Brexit noch die Wahl Donald Trumps oder der weltweite Rechtsruck haben den gesellschaftlich interessierten Musiker natürlich kaltgelassen. Allerdings bedient „Be More Kind“ gerade vor dem Hintergrund von Turners Punk-Vergangenheit eine ungewöhnliche Sichtweise.

„Don't worry if you don't know what to do“, singt er im aus Akustikgitarren, Orgelsounds und prozessierten Handclaps konstruierten Opener, ohne dann aber den Welterklärer zu geben. Stattdessen kommt das Eingeständnis: Mir geht's auch nicht anders, ich weiß auch nicht, was hier abgeht. Wer in den vergangenen Monaten und Jahren mehr und mehr am Geisteszustand der Welt gezweifelt hat, findet sich auf „Be More Kind“ wieder. Frank Turner schreibt Hymnen der Verunsicherung, aber nicht als die Revolution forderndes Punk-Idol, sondern als der Typ von nebenan, der das Ohnmachtsgefühl des „21st Century Survival Blues“ in Worte fasst und singbar macht – oder es in „1933“, dem wohl plakativsten und rockigsten Track des Albums, kathartisch herausschreit: Draußen ist's 1933 – dachten wir nicht, wir hätten diese düsteren Kapitel schon überwunden?

Mit Lösungen tut sich Turner angesichts dieser gewaltigen Probleme natürlich schwer, aber ob es seine Aufgabe als Musiker ist, welche zu finden, ist eh diskutabel. Dass letztlich alles auf den Albumtitel hinausläuft und dem Appell „Seid netter zueinander!“ ein eigener Song gewidmet ist, mag man kitschig und viel zu simpel finden. Andererseits ist das immerhin eine Ansage, mit der jede und jeder etwas anfangen kann – und genau die Art von Aufforderung, die man vom Typ von nebenan, der seiner Freundin einen Song wie „There She Is“ schreibt, erwartet und entgegennimmt.

Und es ist auch nicht so, als habe Turner die großen Träume ganz aus dem Blick verloren: „Let's make America great again/By making racists ashamed again“ fordert er im Electro-Rocker „Make America Great Again“ und ist plötzlich doch wieder mehr Wortführer als Zweifler. Sein Spagat zwischen kämpferischem und enttäuschtem Idealismus durchzieht sein musikalisch facettenreichstes Album wie ein Leitmotiv und hält es zusammen. Die Apokalypse beschwört „Be More Kind“ dabei mehr als nur einmal herauf. Die Aussicht auf ihre Überwindung verliert es trotzdem nie aus den Augen.

Frank Turner mag mit seinem inneren Punk abgeschlossen haben. Den Optimisten wird er so schnell aber nicht los.

David Albus

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Video zu "Make America Great Again"

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