Interview

Frank Turner


Eintausendachthundertnochwas – dass Frank Turner überhaupt noch mitzählt, ist Wahnsinn genug. Im Hamburger Docks kann er zwei weitere Shows seiner Liste hinzufügen – Shows vor immer größerem Publikum, mit immer längerer Spieldauer (die Zwei-Stunden-Grenze ist mittlerweile überschritten), die seinen Wunsch immer deutlicher hervortreten lassen, Miesepetern zu guter Laune zu verhelfen – "Positive Songs For Negative People" eben. Da muss auch schon einmal ein treuer Tourbegleiter, der das Glück (oder Pech) hat, an diesem Tag Geburtstag zu haben, mit einem Stück Kuchen in der Hand zum Soundmann crowdsurfen.

Manchmal sind solche Einschübe nicht einmal auf Franks eigenen Mist gewachsen – wie das alte Hinknie-und-Aufspring-Spielchen von "Photosynthesis", wie er uns am Nachmittag seines zweiten Hamburg-Auftrittes erzählt: "Damit hat das Publikum vor ein paar Jahren auf dem Area4 Festival einfach von ganz alleine angefangen. Ich dachte zunächst, die wollten protestieren, als die sich einfach alle hingekniet haben!" Es mache ihm allerdings nichts mehr aus, wenn der eine oder andere dann doch einfach stur mitten in der Menge stehenbleibt: "In diesem extremen Fall können ja einfach Knieprobleme das Hindernis sein. Und auch sonst mag es ja welche geben, die aufgrund sozialer Ängste nicht mitmachen können – wenn ich dann mit dem Finger auf die zeige, mache ich's ja nur noch schlimmer." Natürlich wolle so mancher auch einfach nur auf Teufel komm raus cool sein – eine Geste, die Frank mit 14-jährigen vergleicht, die sich weigern, auf Familienfotos zu grinsen. "Hey, wenn du keinen Spaß hast, liegt das oft einfach daran, dass du dir vorgenommen hast, keinen Spaß zu haben."

Dabei ist er hinsichtlich dessen, was andere von seiner Musik halten, ehrlicher als manch anderer Künstler: Als sich zum Erfolg von "Tape Deck Heart" auch vermehrt weniger wohlwollende Hörer über ihn äußerten, sei das eine Erfahrung gewesen, mit der man zuerst einmal klarkommen müsse, jedoch eine notwendige. Dies passt auch zum eher melancholischen Ton des Albums, der sich sehr von dem von "Positive Songs For Negative People" unterscheidet. Zur Frage, ob traurige Songs aber manchmal nicht viel angebrachter für traurige Seelen wären als positive, muss Frank differenzieren: "Ein Fan von gnadenlos fröhlicher Musik bin ich aber sowieso nicht. Bei manchen Ska-Punk-Bands will ich mir nur noch die Hände abhacken. Das Leben ist eben nicht immer sonnig, manchmal reicht schon Empathie, um sich besser zu fühlen. Diese Art von Vibe ist mit dem Albumtitel gemeint." Ob es schwierig ist, solche Songs zu spielen, wenn man selber schlecht drauf ist? "Größtenteils bin ich nun einmal ein Performer. Wenn ich jedes Mal die Emotionen, die ich beim Songwriting hatte, neu durchleben müsste, würde ich durchdrehen. In den allermeisten Fällen habe ich aber gute Laune, wenn ich auftrete."

Und apropos gute Laune – Stichwort Möngöl Hörde, Franks Hardcore-Nebenprojekt: "Viele von deren Songs sind ja einfach eine kompliziert aneinander gereihte Liste von Beleidigungen. Da macht es richtig Spaß, die Leuten entgegen zu schreien. Natürlich nicht direkt – das würde ich auch gar nicht wollen. Ein gutes Ventil ist es dennoch. Eine der ersten Zeilen, die ich geschrieben habe, war ja Your problem is, you're all cunts. Einfach herrlich, das in einen Raum voller Menschen zu brüllen." Eine ebenso willkommene Abwechslung sei es jedoch gewesen, keine Pressetermine wahrnehmen zu müssen, sich beim Reading beispielsweise einfach mit Freunden betrinken zu können. Der Gipfel der Albernheiten: "Wir haben uns vor jeder Show einen Prominenten ausgedacht, dessen Tod wir vor Beginn verkündet haben. Zu berühmt durfte der natürlich nicht sein, das wäre sonst aufgeflogen – eher jemanden wie Steve Guttenberg zum Beispiel. So konnte man erstmal soziale Medien verwirren, weil das ganze Publikum sofort seine Handys rausgeholt und das getweetet hat. So etwas machen wir bei meinen Shows mit den Sleeping Souls nicht." Die nächste Möngöl-Hörde-Show läge zwar noch in weiter Zukunft, da die aktuelle Sleeping-Souls-Tour noch bis Sommer 2017 andauern wird – neue Songs würden jedoch bereits geschrieben und eine längere Tour mit seinem Nebenprojekt könne dann eine notwendige Auszeit sein.

Ebenso viel Spaß hat Frank beim Dreh seines Musikvideos zu "The Next Storm" gehabt, in dem er sich mit Ex-WWE-Champ CM Punk einen Wrestlingkampf lieferte. Auf die Idee habe ihn sein Musikvideoproduzent Ben – selbst großer Wrestlingfan – gebracht, als er erfuhr, dass sowohl Frank als auch CM Punk gut mit der Punkband Off With Their Heads befreundet seien. Das größte Problem sei jedoch die Vorbereitung gewesen: "Ben zwang mich zu einem Tag Wrestlingtraining mit einem englischen Coach. That. fucking. sucked. In einem Wrestlingkampf muss ein Move ja beim ersten Mal gut aussehen, während man bei einem Musikvideo beliebig viele Takes hat. Der eigentliche Dreh tat nicht weh – nur nach dem Training hätte ich mich am liebsten einen Tag lang in eine Badewanne voller Eiswürfel gelegt. Man soll ja seinen Kopf beim Fallen einziehen – ich bin andauernd mit ihm auf den Boden geknallt." Privat sei er zum letzten Mal in Kämpfe verwickelt gewesen, als er ungefähr 14 gewesen war: "Ich habe nicht die beste Meinung von Leuten, die das tun, sobald sie erwachsen sind. Was soll das?" Gegen wen er am liebsten einmal kämpfen würde? "Donald Trump wäre eine langweilige Antwort. Er ist ganz offensichtlich so ein Schwanz, und schlecht im Kämpfen wäre er wahrscheinlich auch. Ach, er wäre trotzdem meine Wahl." Auf die Frage, wer ihn gerne mal verprügeln würde, weiß Frank hingegen sofort eine Antwort. "Weißt du, wenn man aus einem Punk-Hintergrund kommt, gibt es immer Leute, die extrem böse auf dich werden, sobald du beginnst, Erfolg zu haben oder irgendwas an dir zu ändern. Das finde ich irgendwie süß. Diese Typen würden bestimmt am liebsten einmal mit mir kämpfen, was ich aber nicht machen würde. Ich bin nämlich erwachsen."

Jan Martens

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