Interview

Frank Turner


"Eigentlich möchte ich nicht zu sehr auf Gene Simmons' Sexleben eingehen." Dennoch gehen einem bei Frank Turner, einem der Kandidaten auf den Titel des sympathischsten Songwriters der Welt, auch bei unserem Gespräch in Groningen nicht die Themen aus – wie diesmal unbefriedigende Rockstar-Klischees und die Lackmustests des Songschreibens.

Schön dich mal wieder zu sprechen, Frank! Dein Deutsch ist ja mittlerweile auch recht gut geworden, du singst "Eulogy" ja mittlerweile schon auf Deutsch.

Frank: Ich würde ja gern behaupten können, dass ich mit der Übersetzung irgendwas zu tun hatte, aber dafür war ein Freund namens Peter aus Köln verantwortlich. Er schickte sie mir einfach mal und da beschloss ich, sie live zu verwenden. Mittlerweile habe ich schon Versionen auf Deutsch, Schweizerdeutsch, Tirolerdeutsch, Polnisch, Holländisch, Finnisch und Französisch bekommen. Manche sind natürlich leichter als andere, die polnische war wahnsinnig. Ich schreibe mir die Texte dann phonetisch auf, also so, wie ich sie schreiben würde.

Wenn man in Deutschland aufwächst, ist es ähnlich, da singt man auch englische Texte aus dem Radio mit, ohne sie überhaupt zu verstehen.

Frank: Es ist aber auch schwierig, hier in Deutschland Deutsch zu lernen, weil alle so gutes Englisch sprechen, sofort darauf umschalten und man keine Gelegenheit hat, zu üben. Dabei würde ich die Sprache gerne sprechen, weil ich hier so viele Shows spiele.

Als erstes wollte ich dich heute eigentlich fragen, wie du deinen 30. Geburtstag gefeiert hast.

Frank: Meine damalige Freundin hat eine Party für mich organisiert, zu der viele Freunde kamen. Ich habe ja "zwischen den Jahren" Geburtstag, so dass kaum jemand arbeiten musste. Wir gingen in den Pub und haben uns richtig abgeschossen.

Hat der Begriff "aufwachsen" für dich mehr positive oder negative Konnotationen?

Frank: (lacht) Ich bin ja mittlerweile schon 31 und finde, dass dies das Jahrzehnt ist, in dem sich genau das ändert. Wenn man ein Kind ist, möchte man unbedingt alt werden, um Zigaretten kaufen und Filme ausleihen zu können, nun machen sich bereits die körperlichen Aspekte bemerkbar, ich habe mir ja auch gerade erst den Rücken verletzt. Nun sind täglich zwei Stunden Physiotherapie angesagt, was verdammt langweilig ist.

Erkennst du irgendwelche Eigenschaften an dir, die du vor ein paar Jahren noch nicht hattest?

Frank: Weil ich älter werde? Ich weiß nicht, ob neue dazukommen, aber ich hoffe, dass ich in manchen Dingen besser werde. Damit meine ich nicht, dass ich nun besser im Schreiben von Songs oder Spielen von Shows werde, aber dass ich hoffentlich besser im Umgang mit meinen Freunden und den Menschen in meinem Umfeld werde.

Du wirkst auf mich, auch durch deine Texte, immer wie eine sehr rastlose Person. Denkst du, das hat durch deine vielen Touren noch zugenommen oder denkst du, dass du bald womöglich einfach mal eine längere Zeit am gleichen Ort sein wirst?

Frank: Das ist eine interessante Frage. Dieses Jahr habe ich mir zum Beispiel zum ersten Mal seit knapp neun Jahren einen festen Wohnsitz besorgt und meine Sachen aus der Lagerhalle geholt – auch wenn ich die Hälfte davon mehr oder weniger sofort weggeschmissen habe. Ich bin in letzter Zeit also wohl schon etwas domestizierter geworden, was aber auch daran liegt, dass mein Manager und Booking Agent mir und der Band einfach etwas längere Pausen gönnen wollen – früher hatten wir zwischendrin manchmal nur ein oder zwei Tage frei, mittlerweile schon eine ganze Woche. Es ist schön, für diese Woche so etwas wie ein Zuhause zu haben, ich muss aber auch sagen, dass ich mich dann nach sieben Tagen oft schon wieder langweile und wieder abhauen möchte, um Shows zu spielen oder ein Album aufzunehmen.

Ich habe mich gefragt, ob dein exzessives Touren deinen Schlafrhythmus beeinflusst hat? Bei Zeilen wie "I've been having dreams of pirate ships and Bob Dylan" oder "Sleeping gets tiring and dark reminds me dying" klingt es fast, als würdest du das Schlafen hassen.

Frank: (lacht) Manchmal. Weißt du, ich mag es, wenn ich mir den Schlaf verdient habe, und nicht nach einem verfaulenzten Tag ins Bett falle, was aber selten passiert.

Als wir über "England Keep My Bones" gesprochen haben, meintest du hinterher, dass du den fast philosophischen Inhalt des Gesprächs mochtest – aber so ein übergreifendes Konzept hat "Tape Deck Heart" nicht.

Frank: Sicherlich nicht dasselbe – eine Menge Leute haben meine Musik durch "England Keep My Bones" zum ersten Mal gehört, was vollkommen in Ordnung ist, aber nun halten mich manche für "den Typen, der Songs über England schreibt." Das ist aber natürlich nur ein Aspekt. Insofern war es erfrischend, bei "Tape Deck Heart" nicht mehr über England schreiben zu müssen – bei "England Keep My Bones" wollte ich das Thema auch einfach komplett abschließen. "Tape Deck Heart" handelt für mich vorrangig von Break-Ups, vom Weitermachen, von Veränderungen. Ein Lied wie "O Brother" ist aber zum Beispiel über die Beziehung zu meinem besten Freund, den ich kaum noch sehe. Ich möchte nicht jedem Album ein Thema aufdrücken, aber weil sie eben auch recht biographisch fundiert sind, zeigen sie natürlich auch an, was in meinem Leben passiert. Ich mache das nicht wie Bruce Springsteen, der 50 Songs schreibt, 12 für ein Album benutzt und die anderen 38 dann irgendwann später auf Alben verwendet. Wenn ich aber einen Song wirklich für ein Album benutze, hat er aber auch schon eine Menge durchgemacht – wenn etwas nicht wirklich funktioniert, beende ich es normalerweise auch nicht. Wenn das in späteren Phasen passiert, frage ich mich aber zumindest, was es genau war, das mir an dem Song einmal gefallen hat und versuche dies anderwärtig zu gebrauchen.

Mal ein paar Fragen zu einzelnen Songs: Ich habe mich gefragt, was Gene Simmons dir getan hat, um auf "Wherefore Art Thou, Gene Simmons"? zum Archetyp des mädchenvernaschenden Rockstars zu werden.

Frank: (lacht) Hast du einmal seine Autobiographie gelesen?

Will ich das?

Frank: Also – ich lese eine Menge Musikbiographien, weil ich an der Geschichte der Musikindustrie interessiert bin, abgesehen von den manchmal lustigen Geschichten. George Michael zum Beispiel glaubte, dass er die Art und Weise geändert hat, wie Veröffentlichungsdeals für Bands aufgesetzt wurden. Ich dachte mir dann: "Oh, das wusste ich nicht. Sollte ich vielleicht wissen, ist ja meine Industrie." Und die Sache mit der Biographie von Gene Simmons ist: Er kommt darin rüber wie ein kompletter Arsch. Das ist eigentlich wahnsinnig, denn wenn man irgendwo wie ein netter Kerl rüberkommen sollte, dann doch in einer Biographie, die man selber geschrieben hat, oder? Er fängt mehr oder weniger damit an, dass er sagt: "Ich habe mit 4600 verschiedenen Frauen geschlafen. Das weiß ich, weil ich von jeder von ihnen ein Foto gemacht habe." Man denkt sich dann nur: "Wow."

Man sieht ihn geradezu mit der Polaroidkamera vor sich.

Frank: Genau! Ich frage mich: Wann macht er die Fotos? Hinterher? Sollte man annehmen! Andererseits sieht die Frau dann eben auch aus, wie man aussieht, wenn man gerade Sex gehabt hat.

Wenn er sie vorher schießt, haut die Hälfte ja auch sofort ab.

Frank: Genau! Und.....Hmm, eigentlich möchte ich jetzt nicht zu sehr auf Gene Simmons' Sexleben eingehen. Die Sache an dem Song ist: Er ist zwar nur eine B-Seite geworden, aber ich mag es, wie er von einem Song, der Gene Simmons komplett heruntermacht, zu einem wird, der mit ihm sympathisiert. Denn weißt du, ich habe auf Tour auch etwas herumgevögelt und darauf bin ich nicht besonders stolz. Manchmal habe ich mich auch wie ein kompletter Rockstar-Vollidiot benommen und immer, wenn ich daran zurückdenke, sterbe ich ein bisschen.

Solange du das noch denkst, bist du aber wohl noch auf der guten Seite.

Frank: Danke, genau das hoffe ich auch! So denke ich gern. Gleichzeitig möchte ich aber nicht so tun, als hätte ich eine komplett weiße Weste. Ich habe ja nichts gegen Mötley Crue, aber was die getrieben haben, ist wahnsinnig. Ja, ich habe Drogen auf Tour genommen, hatte Sex auf Tour, hab den kompletten Rockstar-Klischee-Unsinn gemacht....Ich hab sogar einmal einen Dressingroom verwüstet, habe mich danach aber so sehr wie ein Riesenarsch gefühlt, dass ich ihn dann fast im Alleingang wieder aufgeräumt habe (lacht). Es gibt diese Art Mythos, wie Rockmusiker sich zu benehmen haben, dass ich wirklich versucht war, das auch einmal zu probieren – ist aber kompletter Mist.

Das hast du dir aber mit all den Tourstrapazen auch verdient, denke ich.

Frank: Ja, das denke ich auch, durch den ganzen Stress und dadurch, dass man soweit weg von Familie und Freunden ist. Ich möchte mich aber auch nicht darüber beschweren – zum einen liebe ich es, zum anderen habe ich mir das aber auch selber ausgesucht. Trotzdem gibt es schwere Tage – zum Beispiel habe ich erfahren müssen, dass ein guter Freund von mir vor ein paar Tagen gestorben ist und heute habe ich erfahren, dass ich nicht auf die Beerdung werde gehen können. Das war zu erwarten und er ist auch Musiker, der nicht wollen würde, dass ich wegen ihm die Tour abbreche, aber dennoch ist es traurig.

Um einmal auf "Four Simple Words" zu sprechen zu kommen: Das Besondere an dem Song ist ja, dass du ihn ohne ein Publikum im Kopf nicht hättest schreiben können.

Frank: Das stimmt, ja. Das ist eine interessante Sichtweise, denn ein Teil von mir denkt, dass man Songs nicht mit Publikum im Kopf schreiben sollte. Mein Lackmustest ist es, den Song alleine mit Gitarre auf dem Bett sitzend zu spielen. Dieser Song besteht den Test natürlich nicht (lacht). Dennoch ist er interessant, weil er auf Tour entstand und ja auch einige Publikumsbeteiligungs-Klischees durchläuft. Er hat die Mitklatschteile, den Moshpit, den Circle Pit....

Und den Time Warp!

Frank: Genau, und den Walzer! Aber weißt du, ich bin genauso sehr Entertainer wie Musiker, da ist so ein Song auch einmal ok.

Wie oft wurdest du nach dem Release von "Tape Deck Heart" schon in Interviews gebeten, irgendeine Art fiktives Mixtape zu erstellen?

Frank: Ein paarmal. Wir haben eine limitierte Version des Albums auch auf Kassette herausgebracht, aber manche wollen, dass ich sage "Kassetten sind das Beste!" und das ist natürlich Quatsch. Sie sind eine schreckliche Art, Musik zu hören, ständig fummelt man mit dem Bleistift im Band herum....

Ich wollte die Frage einmal umdrehen. Stell dir vor, du müsstest ein Mixtape für eine Person machen, die du hasst. Was wäre auf dem Tape?

Frank: (lacht) Ich habe auf jeden Fall schon öfters welche für Mädchen gemacht, die ich mag. Auf die macht man dann eine Menge sehr unsubtiler Songs und hofft, dass die Mädels die Botschaft verstehen – klappt natürlich nie. Für Leute, die man hasst....Da müsste wahrscheinlich eine Menge Grindcore drauf, Napalm Death und so. Auch etwas von der ersten Slipknot-Scheibe – verdammt gutes Album!

Oh, du nimmst jetzt Songs mit Hassbotschaften – ich hätte eher auf Songs getippt, die du hasst.

Frank: Oh, ja – dafür gäbe es auf jeden Fall eine Menge furchtbarer Ska-Bands.

Es braucht ja auch A- und B-Seite.

Frank: Da hast du's: Halb Grindcore, halb Ska.

Jan Martens

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