Konzertbericht

Frank Turner


Was ist der Unterschied zwischen „Deutschland sucht den Superstar“ und einem Konzert von Frank Turner? Naja, da gibt es wahrscheinlich so einige, die hier ohne blöde Witze nicht wiedergegeben könnten, darum gleich zum Punkt: Bei DSDS kann jeder superfein singen, aber kein Mensch (zumindest kein sympathischer) will's sich freiwillig anhören, bei Frank Turner hört man aus dem Publikum irgendwie nur Gegröhle fern jeder Tonleiter und bar jeden Rhythmusgefühls, aber toll ist's trotzdem. Denn wer beim britischen Punk-Troubadour noch auf sowas achten kann, ist kaum mit ausreichend Euphorie dabei, und „Euphorie“ ist wohl das eine Wort, mit dem man seine Konzerte am passendsten beschreiben kann.

Das Wort hingegen, mit dem man die Vorband Crazy Arm am besten kategorisieren könnte, wäre wahrscheinlich „Lautstärke“. Ohne hinlänglichen Ohrenschutz kann man dem HNO-Arzt seines Vertrauens eigentlich schon mal das halbe Jahresgehalt überweisen, denn was hier an Dezibel aus den Boxen kommt, tut fast schon ein bisschen weh. Das kann man von der Musik glücklicherweise nicht behaupten, denn Crazy Arms herzhafter Punkrock erinnert zuweilen angenehm an Hot Water Music oder andere Genre-Vertreter, bei denen man einfach mal seine Freunde knuddeln will.

Selbiges will man wohl gleich noch mehr, sobald Frank Turner & Band die Bühne mit „Poetry Of The Deed“ betreten. Me and all my friends, we're poets of the deed – und alle von Franks Freunden liegen sich in den Armen, recken die Arme in die Luft und beweisen, dass sie kaum ein Favorit für zukünftige Eurovision-Casting-Shows sein würden, es aber auch gar nicht werden wollen. „Let's Try This At Home“ folgt darauf und zeigt noch mehr, inwiefern Frank Turner eigentlich auch nur einer von uns ist. Kurz darauf wird sogar ein anderer von uns kurzfristig Teil der Band – Publikumsbeteiligung an der Mundharmonika wird für „Dan's Song“ gefordert.

Und so geht’s nahtlos weiter, und falls das überhaupt noch möglich war, wird einem der Frank immer nur noch sympathischer, als er vorher war – so sympathisch sogar, dass man ihm sogar Ansagen wie „We love playing in Germany“ abnimmt, sobald er diese mit einem „You think we say this in every country, but we sure didn't say it in Switzerland...“ garniert. Spätestens dann, wenn er – dem letzten Auftritt in Deutschland zu Ehren – nach Ende des regulären Sets dann doch nochmal die Bühne stürmt, um solo & akustisch den Evergreen „The Real Damage“ zu geben, hat man Mr. Turner dann endgültig auf die Liste der Leute gesetzt, mit denen man sein letztes Bier teilen würde. Die volle Alkoholdosis braucht man sowieso nicht, um bei Frank Turner gut gelaunt zu sein. Aber das mit der Euphorie hatten wir ja schon.

Jan Martens

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