Rezension

Eels

Hombre Lobo


Highlights: Lilac Breeze // Fresh Blood // All The Beautiful Things // Beginner's Luck
Genre: Alternative-Rock // Singer-Songwriter
Sounds Like: Ryan Adams // Badly Drawn Boy // Beck

VÖ: 29.05.2009

Spätestens seit der letztjährigen Frühjahrstour weiß der Fan der Eels über den eventuell überraschenden Stammbaum Mark Oliver Everetts - kurz: E - Bescheid: Der Vater des einzigen permanenten Mitglied der Eels ist kein geringerer als Hugh Everett III, seines Zeichens Doktor der Quantenphysik und unter anderem Begründer der sogenannten Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik. Ein verfilmter Versuch seines Sohnes, Zugang zu den Forschungen seines mittlerweile verstorbenen Vaters zu finden, wurde im Vorprogramm der Eels-Shows gezeigt.

Hier drängt sich also der Gedanke auf, dass der Apfel Mark Oliver Everett nicht nur weit vom Stamm, sondern in einen komplett anderen Garten geplumpst ist, denn - Tautologie-Alarm: Songs zu schreiben ist keine Quantenphysik. Dennoch besteht (auf einem zugegebenermaßen recht abstrakten Level) ein guter Song ebenso aus immer weiter segmentierbaren Elementen, wie sich Materie in Atome, Protonen, Quarks und so weiter aufteilen lässt: So in etwa Instrumentierung, Gesang, Texte auf der obersten Ebene, weiter unten Gitarrenläufe, Schlagzeugspiel und so fort.

Und wer sich jetzt tatsächlich die Arbeit machen wollte, das Schaffen der Eels in seine Einzelteile auseinanderzufriemeln, würde wohl zu dem Ergebnis kommen, dass zumindest „Hombre Lobo“ eigentlich aus einer recht übersichtlichen Anzahl an Molekülen zusammengebaut ist: Beispielsweise könnte man bei Anwendung eines ersten groben Genre-Filters relativ schnell erkennen, dass sich hauptsächlich nur zwei Arten von Songs auf dem siebten Album der Band befinden: Knarzige, gerne auch bluesige Rocksongs auf der einen Seite (wie die Fingerübung „Prizefighter“ oder das quirlige „Lilac Breeze“), sanfte, ruhige Akustikgitarrensongs von der „Blinking Lights And Other Revelations“-Machart (zum Beispiel „The Look You Give That Guy“, „In My Dreams“, „All The Beautiful Things“) auf der anderen. Als eine Art Bindemittel wirkt die Handvoll Songs, die in keine der Kategorien passen will, wie das dunkle „Fresh Blood“ oder der potentielle Pophit „Beginner's Luck“, der zu Beginn gar etwas nach Reggae klingt. Auch eine Analyse der Texte lässt gewisse grobe Strukturen erkennen: Mit Vorliebe stilisiert sich E zum Underdog, zum Außenseiter, der das Spiel der Liebe nur von den Zuschauerrängen aus verfolgen darf. Zitate wie that look you give that guy, I wanna see looking right at me („The Look You Give That Guy“) oder every day I wake up and wonder why I'm alone, when I know I'm a lovely guy („All The Beautiful Things“) sprechen Bände.

Gewiss, das klingt für sich genommen alles nicht nach der atemberaubendsten Verbindung einzelner Bestandteile – und doch macht irgendetwas auch die 12 Songs auf „Hombre Lobo“ wieder genauso zu wunderbaren Kleinoden; genau wie irgendwelche undefinierbaren Impulse dafür sorgen, dass aus einem Haufen Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoff auf einmal Leben entsteht. Dieser Impuls mag schlicht die durchgehende "handwerkliche" Qualität der Eels-Discographie oder Everetts charismatische Zigaretten-und-Whiskey-Stimme sein, die sich sowohl ruppigem Rock als auch einfühlsamem Pop perfekt beimischen kann, aber vielleicht gibt es ja noch etwas ganz anderes, das E zu einem der ganz wenigen bärtigen, mit Gitarren bewaffneten Männern mit Wiedererkennungswert macht. Was genau – darauf mag man vielleicht nicht mit dem Finger zeigen können. Aber am Aufbau des Atoms wird ja schließlich auch heute noch getüftelt.

Jan Martens

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