Interview

The Head And The Heart


The Head And The Heart sitzen wahrlich gut gelaunt backstage im Heimathafen Neukölln. Ihre neue Platte "Signs Of Light" ist seit einigen Monaten auf dem Markt und wird heute Abend live und in Farbe dem Berliner Publikum vorgestellt. Vorher dürfen wir der versammelten Mannschaft jedoch noch ein paar Fragen stellen.

Die Barthaare liegen während des Gesprächs noch auf dem Boden vor dem Spiegel des kleinen Raumes. Kurz vor unserem Interview hat Sänger Jon Russell noch mal schnell das Rasiermesser angesetzt. "Wir hatten gestern einen freien Tag, aber da hat man in Berlin ja Besseres zu tun, als sich zu rasieren", entschuldigt er sich. Berlin mögen sie jedenfalls alle und Tyler gerät direkt ins Schwärmen. "In Berlin fühlt man sich sofort zu Hause. Das Essen ist so toll und dieses zuverlässige U-Bahnnetz!" Der BVG geht das Herz auf, dem zugezogenen Berliner zuckt es nur in der Skepsis-Braue. Aber lassen wir das und reden lieber über die Musik:

Was war denn die größte Herausforderung beim Aufnehmen der neuen Platte?

Tyler: Ich glaube, wir haben hier alle dasselbe gefühlt: Ein ganzes Jahr Pause zu haben, hatte zur Folge, dass sich auch jeder einzelne etwas verändert hatte und wir mussten wieder neu zueinanderfinden. Außerdem hatten wir das erste Mal in unserer Bandgeschichte einen Produzenten, nämlich Jay Joyce. Das hatte einen kleinen Breakdown voller Selbstzweifel zu Folge: 'Ist das der richtige Weg für uns? Sind das noch wir? Tun wir das Richtige?'

War diese Sinnkrise also auch deshalb, weil ihr euch aus der LoFi-Ecke wegbewegt habt: Ihr seid nun beim Major-Label, habt einen Produzenten und hattet plötzlich Angst, eure Identität aufzugeben?

Jon: Ja, so ähnlich war es! Letztendlich haben wir aber gesagt, dass es unser Sound sein muss, weil wir ihn ja selbst erzeugen. Wir haben also einfach akzeptiert, dass wir uns weiterentwickeln und gemerkt, dass genau das sehr gut und wahnsinnig wichtig für uns ist.

Kamen eure Fragezeichen auch dadurch, dass sich bandintern die Besetzung verändert hat?

Jon: Josiah hat die Band in der Anfangsphase im Studio verlassen. Die Songs haben wir also noch gemeinsam geschrieben.

Tyler: Es geht hier einfach um Gesundheit. Das ist wichtiger als Musik oder Auftritte: Gesundheit und Freundschaft. Wir haben einfach alle gemeinsam gemerkt, dass es Zeit für Josiah war, einen Schritt zurück zu gehen und sich um seine Gesundheit zu kümmern.

Anm. d. Red.: Josiah Johnson beschäftigt sich zur Zeit mit seiner Abhängigkeit und versucht, wieder gesund zu werden. Die Band spricht zwar offen darüber, dass Johnson unter einer Drogensucht leidet und wieder zu The Head And The Heart zurückkehren wird. Weitere Infos gibt es verständlicherweise jedoch nicht. Derzeit wird Johnson auf Tour von Matt Gervais, Ehemann von Sängerin Charity Rose Thielen, ersetzt.

War es für euch dadurch im Studio schwieriger?

Jon: Ehrlich gesagt nicht, weil wir gut reagiert haben. Wir alle füllen einen bestimmten Platz in der Band. Als Josiahs Platz plötzlich leer war, musste jeder einzelne härter arbeiten, um seinen Platz gebührend auszufüllen.

Das Resultat ist ein sehr satter, voller Sound. Ihr orientiert euch an Klassikern wie Tom Petty oder Queen, gleichzeitig bleibt es schön simpel. Kam das nur durch die neue Situation im Studio?

Kenny: Nein, ich denke nicht. Es war eher so, dass Jay das rund gemacht hat – ohne ihn hätte es sich anders angehört. Jay hat eben diese klassischen Vibes, die du erwähnt hast, aus uns besser herausgearbeitet. Er stammt eben aus genau dieser Ära.

Tyler: Genau. Die Veränderung, die wir aber sowieso mitgebracht haben, die kam durch die lange Pause, in der man offen viel experimentieren kann. Ich habe unter anderem zwischendrin in einer Psych-Rock-Band getrommelt. Dadurch habe ich gelernt, weniger abstrakt zu sein, sondern eher straighter zu werden.

Jon: Das Lustige ist: Ich saß alleine zu Hause und habe versucht, an Songs zu arbeiten. Ich bin aber kein Trommler und habe einfach nur zum Arbeiten einen ganz simplen Rhythmus loopen lassen und dazu meine Songs geschrieben. Lustigerweise haben wir also parallel dasselbe gemacht, sind einfacher und straighter geworden.

Dann gab es bei den Aufnahmen also keine Streitereien um den Sound?

Jon: Oh doch! Wir streiten viel. Es sind nun mal sehr unterschiedliche Pole, die da einfach aufeinandertreffen. Tyler etwa ist immer sehr gut informiert, was neue Musik angeht, ich wiederum liebe alte Sachen. Die Balance ist am Ende eben das, was uns ausmacht und dass jeder seinen Einfluss hat. Wie in einer guten Beziehung!

Stichwort: Beziehungen! Es ist scheinbar so, dass Paare sich in der Retrospektive ihr Kennenlernen häufig selbst erzählen und dabei romantisch völlig verklären. Wenn man sich in Interviews euren Start anhört, dann scheint das vielleicht ein bisschen genauso zu sein, oder?

Kenny: Bestimmt ein wenig. Wir haben uns alle plötzlich getroffen, an einem bestimmten Ort in Seattle zu einer Zeit, in der wir alle auf gleiche Art und Weise offen waren. Wir alle hatten keinen Plan B und wollten unbedingt Musik machen. Wir hatten nun mal alle dasselbe Maß an Hingabe für das Projekt. Genau das ist aber der Punkt: Wir haben eben auch hart daran gearbeitet und tun es immer noch – seit nunmehr sieben Jahren. Nur ein romantisches Aufeinandertreffen reicht eben doch nicht. Halt auch wie in einer guten Beziehung!

Jon: Genau! Und manchmal kann es unterwegs auch extrem anstrengend sein und dann fragt man sich, ob einen das alles noch trägt. Am Ende spricht man aber einfach darüber, die Last fällt von einem und dann findet man wieder unendlich viele Gründe, um das alles weiterzuführen.

Jon hält mit seinen Bandmitgliedern kurz inne. Bevor die nächste Frage kommt, zuckt er mit den Schultern. "Ich weiß gar nicht, warum ich das gerade erzähle. Ich glaube, manchmal muss man so was einfach mal sagen. Das ist hier ja wie eine Therapiestunde!", lacht er. Damit sich hier keiner in zu viel Romantik verliert, fragen wir direkt weiter:

Wenn ihr es euch aussuchen dürftet: Was sollten Menschen tun, wenn sie euch zuhören?

Tyler: Puh...ich glaube: Autofahren. Schnell eine lange Straße entlangfahren.

Jon: Aber auch nicht zu schnell! Wir müssen ja immer verantwortungsbewusst bleiben! (lachen)

Tyler: Natürlich! Aber für mich hat diese Platte definitiv den Vibe des Vorankommens und Hinter-sich-Lassens auf sehr vielen Ebenen. Für uns persönlich auch, weil wir beispielsweise die Ära bei Sub Pop beendet haben und uns nun voran bewegen. Also definitiv eine bewegende Dynamik.

Jon: Fast but safe! (lacht) So könnten wir unsere Platte extrem schnell beschreiben.

Könnte natürlich auch der Slogan einer Kondom-Firma sein.

Jon: Haha, ja, aber nur eine, die Quickies promoten will!

Silvia Silko

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