Interview

Love A


"Jagd Und Hund", das letzte Album von Love A, wurde eigentlich von Affen eingespielt und doch werden sie gerne von der Queen gehört – Frontmann Jörkk, Drummer Karl und vor allem Bassist Dominik haben sichtlich Spaß am Unsinn und an einer Flasche Johnny Walker, als wir in Bremen mit ihnen sprechen. Wir auch!

Jörkk, du hast ja selber bereits den Ausdruck benutzt, das neue Album sei weniger "hektisch". Im Pressetext klang das, als wäre das relativ koordiniert und geplant gewesen. War das wirklich so?

Dominik: Sowohl "koordiniert" als auch "geplant" passen eigentlich nicht wirklich zu uns.

Jörkk: Langsamer und weniger hektisch stimmt, hat aber auf jeden Fall andere Gründe.

Man wird ja auch alt. Je langsamer das Lied, desto später wurde es auch geschrieben....Nee, natürlich nicht.

Karl: Irgendwann hatten wir wohl keinen Bock mehr, so schnell zu spielen. Ist ja auch anstrengend. Jörkk fand es aber am Anfang etwas anstrengend, dazu zu singen.

Jörkk: Ja, witzigerweise. Man sollte ja meinen, das wäre entspannter, aber man muss ja auch Töne länger halten.

Karl: Vor allem hatten wir dann mehr zu meckern, was Melodien angeht.

Jörkk: Genau. Da muss man dann Melodien rausarbeiten und kann die Wörter so lange ziehen und schön knödeln.

Für manche Bands ist es aber ja wirklich ein Argument, dass sie live nicht eine ganze Stunde lang durchschreddern wollen und können.

Dominik: Bei mir stimmt das! Da bin ich froh, dass wir langsamere Lieder haben!

Karl: Ich hab das jetzt auch gemerkt! Wir müssen jetzt ja auch immer als letzte Band und daher länger spielen. Das ist mittlerweile mit den neuen Sachen wirklich total entspannt. Für Jörkk ist es wahrscheinlich einfach stressiger.

Jörkk: Okay – war nicht wirklich geplant, hat sich so ergeben, so als Antwort.

Ihr habt ja schon zum zweiten Mal mit dem britischen Produzenten Robert Whiteley zusammengearbeitet. Ich weiß nicht, wie gut sein Deutsch ist, aber frage mich, ob es wohl eher vorteilig oder nachteilig wäre, wenn der Produzent die Texte der Band nicht ganz versteht.

Karl: Ach, der ist in Deutschland aufgewachsen und hat bis Anfang 20 in Trier gewohnt. Daher kennen wir ihn auch, er spricht auch ganz normal Deutsch.

Jörkk: Die Texte waren ihm aber trotzdem relativ egal. Bei anderen wäre ich da in meiner Eitelkeit verletzt, bei ihm fand ich aber gut, dass er jetzt nie probiert hat, irgendein Gefühl aus dem Text mit einbringen zu wollen, sondern wirklich auf die Musik geachtet hat.

Karl: Vielleicht mal einzelne Wörter, aber nur, wenn es der Musik dient. Er ist ja auch schließlich Engländer, und was die so singen, das geht ja gar nicht. Klar gibt's da auch Ausnahmen, aber die Texte musst du dir mal angucken!

Jörkk: Genau, am liebsten immer uuh baby, yeah baby, love.

Ich frage mich immer, wie sehr man damit als Muttersprachler Probleme hat.

Karl: Das haben wir Robert auch gefragt, und er meint, dass es ihm tatsächlich egal wäre. Das blende man irgendwann aus, wenn die Musik gut ist.

Jörkk: In Deutschland hat das scheinbar auch mehr Wert. Da wird das verlangt. Kommt aber auch auf die Klientel an – manche wollen auch Thematiken haben, Sachen kennen, an denen sie sich abarbeiten können. Das gibt's im Schlager wohl eher nicht.

Dominik: Aber so ist das im Englischen bestimmt auch. Bei Popmusik ist es egal, aber Bob Dylan hat sich schon Gedanken über die Wörter gemacht.

Jörkk: Kennst du die Band Mr. Burns aus Flensburg? Deren Sänger Olli hab ich aufgezogen, weil er singt You walk through the fire, what is your desire? Das ist ja ein ganz großer Klassiker der Reimkunst. Später hab ich genau den Reim von Shakira oder so gehört – also auch in der Liga. Bei deutschen Bands sagt man manchmal nichts, die haben vielleicht keine anderen Reime, weil sie nicht in ihrer Muttersprache singen, aber manche sind da auch komplett schmerzfrei.

Ihr bezieht in euren Texten ja schon deutlich Stellung, trotzdem versucht ihr stets, euch nicht allzu ernst und mit einem Augenzwinkern zu präsentieren. Fällt es da manchmal schwer, den Mittelweg zu finden?

Jörkk: Inkonsequenz könnte man uns ja vorwerfen, alleine schon dadurch, dass es unsere CD auch als Aboprämie bei der Intro (Im Song "Nachbarn" ihres Debütalbums machen sich Love A über Nachbarn lustig, die die INTRO abonniert haben, Anm. des Red.) gibt. Manchmal schimpf ich auch mit mir selber, wenn ich mit beiden Beinen in diese Social-Media-Selbstdarsteller-Sache hineinspringe – da frage ich mich auch, ob ich vielleicht einer der Idioten aus "Der Beste Club Der Welt" bin. Aber man stellt sich ja nicht auf einen Sockel, sondern schaut sich auch eigene Schwächen an, denn die kann man dann beschreiben, ohne mutmaßend oder anmaßend zu sein.

Karl: Uns wird ja auch oft Ironie vorgeworfen (die ganze Band muss lachen).

Jörkk: Genau, dabei SIND wir einfach Idioten.

Karl: Jörkk singt auch die ganze Platte durch nur von sich.

Jörkk: Jetzt hast du alles verraten, jetzt sind wir unten durch.

Dominik: Ich hab ja auch schon vor dem Interview verraten, dass Affen das Album eingespielt haben.

Seid froh, dass ich nicht von der BILD bin.

Jörkk: Na ja, das sind schon ernste Themen, aber...

Dominik: ...wir sind eher alberne Kinder, nur vernünftig genug, um Musik zu machen, die nicht albern ist.

Karl: Jörkk rennt ja auch nicht den ganzen Tag herum und ist angepisst. Zum Glück.

Jörkk: Angepisst WEGEN ALLEM.

Karl: Wir machen das ja, weil's Spaß macht.

Jörkk: ...und nicht, weil's so scheiße ist. Es sind ja schon ernste Themen, aber, wie du eben sagst, mit Zwinkern. Etwas humorvoll verpackt, weil man ja auch den Zeigefinger weglassen will. Ich will ja nicht bestimmen, was man nicht darf, sondern nur eine gewisse Skepsis zeigen.

Habt ihr euch vielleicht schon mittlerweile eine Art Korsett angelegt, dass ihr eine Band seid, die immer gegen etwas ist? Ich habe vor einer Weile ein sehr altes Interview von euch gelesen, da hieß es dann, dass du, Jörkk, auch schon einmal ein eher klassisches Liebeslied geschrieben hättest, das aber dann nicht ins Konzept gepasst hätte.

Dominik: Nein, der Song war einfach scheiße.

Jörkk: Mit so einem Lied ist es aber auch schwierig. Damit stehst du dann ja auch ganz alleine. Die anderen drei müssen dann ja damit leben, dass ich meine, meine Gefühle da mal loswerden zu müssen.

Karl: Das war eben, als wir die erste Platte gemacht haben und da mussten wir auch erst einmal selbst so einen groben Rahmen finden. Kennst du Ultrafair, Jörkks alte Band? Da singt er auch ganz anders, ganz hoch.

Dominik: Die erste Platte ging eigentlich darum, Jörkk Ultrafair auszutreiben.

Karl: Ja, da mussten wir ihn erstmal auf Linie bringen und von da an durfte er dann machen, was er wollte!

Dominik: Wir haben ihm einen ganz engen Rahmen gesteckt, und darin darf er aber machen, was er will. Da wär dann wieder das Korsett.

Matze: (Merchverkäufer der Band, bringt sich ins Gespräch ein) Bist du schon einmal mit einem Text angekommen, mit dem die anderen gar nichts anfangen konnten?

Dominik: Wir beschweren uns manchmal über einzelne Zeilen. Umgekehrt stört Jörkk sich auch manchmal an Kleinigkeiten.

Jörkk: Das waren aber auch dann Kleinigkeiten, wo ich mich im Nachhinein geärgert hätte, wenn die es auf ein Album geschafft hätten. Da wurden mir dann glücklicherweise auch Reime wie sägen und Tränen ausgeredet.

Karl: In einem Lied haben wir doch einmal das komplette Thema abgeschossen. Dieses Fußballding, obwohl das als Lied eigentlich gut war. Das war hart an der Grenze zum Schmierigen, da musste dann interveniert werden.

Es wäre aber auch eine Kunst, ein nicht-pathetisches Fußballlied zu schreiben.

Karl: Es ging nicht wirklich um Fußball, das war nur ein interner Arbeitstitel.

Jörkk: WM, Massendummheit überall, Fähnchen an den Autospiegeln....Aber das Thema war dann auch müßig und sehr abgekaut. Da braucht man dann einen sehr guten Witz, um so ein Thema noch beackern zu können oder man muss sehr böse sein.

"Ein Gebet" ist aber ja wirklich mal ein Lied, das für etwas ist und nicht gegen etwas.

Jörkk: Naja, was heißt "gegen"? "Lose Your Illusion" beispielsweise ist ja auch nicht gegen etwas, sondern beschreibt etwas, erzählt eine Geschichte. Auch wenn man das vielleicht aus der Sicht von jemandem tut, dem man... nicht wohl gesonnen ist. Das ist nicht so sehr "gegen" etwas wie "Nachbarn" oder "Der Beste Club Der Welt", die dann schon gegen eine Zielgruppe, gegen ein Klischee gerichtet sind. Aber ich weiß, was du meinst. Das ist schon der erste Song, der aktiv pro irgendwas ist.

Dominik: "Kein Stück" ist für etwas, oder? Und "Brennt Alles Nieder" ist pro Schlafen. Und "Freibad" ist ja auch positiv! Du sprichst für Susi Neumann.

Und Wasserrutschen.

Dominik: Und Eis.

Ihr habt ja Merch aus der Zeile "Verpiss dich, Adolf!" aus "Der Beste Club Der Welt" gemacht. Ist das auch irgendwo eine Antwort darauf, dass euer Song "Windmühlen" von der rechten Seite vereinnahmt wurde?

Dominik: Nee, die Tasche gab's nur, weil wir noch unbedingt ein Preorder-Goodie haben wollten. Da hatten wir dann nichts gefunden, die Notlösung war die Tasche und die hat sich dann ganz gut angefühlt.

Jörkk: Die Zeile ist eigentlich ein an unsere Albernheit angepasstes "Nazis raus", denn das würden wir so nicht sagen. Wir würden uns dazu bekennen, aber das nicht herausrufen, weil wir es plakativ finden.

Karl: Noch cooler wäre eigentlich gewesen, wenn auf der einen Seite der Tasche "Verpiss dich, Adolf" und auf der anderen "Hey Ho, Let's Go" zu schreiben. Aber das wäre auch nicht so cool gewesen, das irgendwo draufzuschreiben und das darf man bestimmt auch nicht.

Wer hat eigentlich das wunderschöne Einhorn-Shirt kreiert, das ihr auf der letzten Tour verkauft habt?

Karl: Das war Stefan. Mastermind hinter Love A. Der macht ja alles bei uns, der schreibt ja eigentlich auch die Texte. Jörkk, eigentlich kannst du aufhören, so zu tun, als würdest du das machen. (über Jörkk) Der macht das halt ganz gut mit den Interviews und redet auch so gerne, singen kann er auch ganz gut, deswegen tun wir so, als würde er auch die Texte schreiben.

Ich hab's ja geschafft, dass ich mir beim letztjährigen Ackerfestival ein Shirt von euch gekauft und das dann gleich wieder verbaselt habe.

Karl: Ach, ziehst du dich auch immer überall aus und vergisst dann deine Klamotten? Ich vergess die nach dem Konzert immer. Manche Bands haben angeblich auch Socken auf der Liste der Dinge, die sie für's Backstage verlangen.

Jörkk: "Weiße Socken" ist ja angeblich auch ein Code für Drogen.

ALLES ist Code für Drogen.

Dominik: Und manchmal wirkt es so, ist aber gar nicht beabsichtigt. "Backstube" beispielsweise bei manchen Bands. Da ging es um "Backstage", als schlechtes Wortspiel eben in "Backstube" übersetzt, und die wurden gefragt, ob damit dann "zuviel Mehl" gemeint war, weil da soviel gekokst würde.

Weil ihr eben den Song "Freibad" erwähnt habt: Den scheint ihr in letzter Zeit gar nicht mehr zu spielen? Das Lied scheint ja auch schon etwas von der Spaßfraktion vereinnahmt worden zu sein. Ist das denn Absicht oder Zufall?

Jörkk: Weder noch. Wir spielen das schon noch, aber manchmal bin ich schon etwas genervt davon. Wie ein Witz, den du jeden Tag erzählst. Wir können uns es ja auch leisten, nicht jeden Tag "Smoke On The Water" spielen zu müssen.

Vor dem Interview haben wir ja noch einmal die Aussage aus einem eurer Promovideos wieder aufgegriffen, dass die Queen auf ihrem Geburtstag Love A gehört hat...

Jörkk: ...was vollkommen richtig ist...

Was für ein Lied gefällt ihr denn an meisten?

Dominik: Sie mag den Song "Wal" sehr gerne. Weil sie die Doku darüber auch bei der BBC gesehen hat. So wurde sie auf uns aufmerksam. Und "Nachbarn", weil es eine englische Zeile hat, dann verstand sie auch zum ersten Mal was.

Dann hättet ihr auch ruhig auf Williams Hochzeit spielen können.

Dominik: Nee, die mag unsere neuen Sachen nicht. Die sind ihr zu Mainstream.

Jörkk: Da hieß es nur: "Das ist mir zu poppig. Geh weg mit der Scheiße."

Jan Martens

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