Rezension

Love A

Nichts Ist Neu


Highlights: Nichts Ist Leicht // Sonderling // Löwenzahn // Kanten
Genre: Post-Punk
Sounds Like: Messer // Oma Hans // Die Nerven

VÖ: 12.05.2017

Vor dem Duisburger Hauptbahnhof, eine Dose 5,0-Bier in der Hand, sitzt Dieter, von seinen Freunden liebevoll Narbe genannt. Narbe ist Ende 50, hat seine bereits ergrauenden Haare grün gefärbt und zu einem Irokesenschnitt gestylt. Seine Arme zieren Tätowierungen, unter anderem des Sex-Pistols-Logos und des ACAB-Slogans, sowie Nietenarmbänder, seinen Leib ein ausgeblichenes Misfits-Shirt. Narbe ist natürlich ein fiktiver, völlig überzeichneter Stereotyp — aber vor allem wohl auch der einzige, der vollen Ernstes die Frage stellen würde, ob Love A eine Punkband sind.

Denn mal davon abgesehen, dass Schubladen dazu da sind, um zertrümmert zu werden, ist Punk schließlich im Kern kein Sklave musikalischer, kultureller oder modischer Normen, sondern lediglich Ausdruck des Wunsches, einer verstockten (man könnte sagen spießigen) Gesellschaft den Zerrspiegel vorzuhalten, nur kurz an ihrer heilen Welt zu rütteln. Genau das machen Love A, und so eindrucksvoll bissig wie auf "Nichts Ist Neu" taten sie dies noch nie in ihrer Karriere – und auch noch nie mit so viel stiller Liebe im Subtext.

Denn was die Trierer am meisten ankotzt (benutzen wir das Wort ruhig), das lässt sich meist auf Unverständnis und Intoleranz herunterbrechen: Das Tuscheln über die unangepassten Nachbarn ("Nachbarn II"), Selbstdefinition durch Abgrenzung ("Sonderling") oder immer wieder der Hass auf jene, die Unterstützung und Mitleid verdienen. Gerade in Verbindung mit den wieder einmal eher schnörkellosen, aber stimmungsvollen Postpunk-Strukturen wirkt das Ganze unangenehm beklemmend – Love A waren schon immer mehr eine Band für Regen und Nebel als für den Sonnenschein.

Nun wirkt es zwar albern, wenn sich dann doch hin und wieder ausgelutschte Anti-Deutschland-Rhetorik in die Songs schleicht, aber ganz vollkommen sind ja auch Love A nicht. Wir müssen Risse haben, damit das Licht hinein kann // wir müssen Kanten haben, damit es Risse gibt – so heißt es dann schließlich auch auf "Kanten". Das ist dann wohl auch das erste richtige Liebeslied in der Bandgeschichte, und inmitten all der Gesellschaftskritik von Gedanken beim Küssen singen: Das ist doch mal sowas von Punk. Darauf einmal Dosenstechen.

Jan Martens

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