Rezension

Two Gallants

Two Gallants


Highlights: The Deader // Reflections Of The Marionette // Despite What You've Been Told // Fly Low Carrion Crow
Genre: Folk // Country-Punk
Sounds Like: Bright Eyes // Woven Hand // Bob Dylan // The White Stripes

VÖ: 21.09.2007

Es ist Nacht. Die Stadt schläft, nur ein zwar noch junger, seelisch aber schon ungeheuer gealterter Mann sitzt am Bett, in dem seine Geliebte schläft. Sie liebt ihn, sie erwartet ein Kind von ihm, bei ihr könnte er bleiben und glücklich werden. Doch er, er liebt sie nicht, denn die, die er liebt, hat ihn einst verlassen. Und obwohl er weiß, dass es unvernünftig ist, was er tut, verlässt jetzt auch er seine Geliebte, um sein rastloses Leben einsam weiter zu fristen.

Geschichten wie diese hat wohl jeder schon einmal gehört, Geschichten, die durch kurze Momentaufnahmen zeigen, wie schwierig menschliches Zusammenleben oft sein kann und wie tragisch es nicht selten endet. Und gerade weil die Kombination von Liebe und Verlust so allgegenwärtig, so allgemein bekannt ist, wird sie auch so oft in der Kunst verarbeitet. So kann man sie beispielsweise mit Farbe und Pinsel auf einer Leinwand festhalten, oder sie mit Gitarre, Schlagzeug, Gesang und Mundharmonika in Musik kleiden, wie es Adam Stephens und Tyson Vogel alias Two Gallants auch auf ihrem nunmehr dritten Album wieder tun.

Auf der textlichen Ebene hat sich bei den zwei Mittzwanzigern aus San Francisco, die seit ihrem Meisterwerk "What The Toll Tells" bei Saddle Creek unter Vertrag sind, also nicht allzuviel geändert, Geschichtenerzähler sind sie geblieben. Auch musikalisch scheint sich in den knapp 20 Monaten seit der Veröffentlichung des Vorgängers nicht viel geändert zu haben: Im Opener "The Deader" wird man zunächst von einigen sanften Gitarrenakkorden erwartet, die dann dem bandtypischen raueren Gitarrensound Platz machen; wenig später setzt dazu Adam Stephens' Stimme ein, die wieder einmal beweist, dass der Sprachapparat selbst dann noch funktioniert, wenn man die Stimmbänder durch Schmirgelpapier ersetzt. So ist man zunächst erleichtert, dass alles in gewohnter Qualität beim Alten geblieben ist und freut sich auf die plötzlichen Ausbrüche, die Stücke wie "Las Cruces Jail" oder "16th St Dozens" letztes Jahr so unverwechselbar gemacht haben. Man freut sich also und wartet, wartet sich durch "Miss Meri", das ähnlich wie "The Deader" funktioniert, durch das etwas gemäßigtere "The Hand That Held Me Down", in dem erstmals die Mundharmonika zum Einsatz kommt und schließlich durch die Akustikballade "Trembling Of The Rose", die einigen schon von der kürzlich erschienenen "The Scenery Of Farewell"-EP bekannt sein könnte. Spätestens hier wird dann klar, dass die erwähnten Ausbrüche nicht nur lange auf sich warten lassen, sondern auf "Two Gallants" ganz ausbleiben.

Um Missverständnissen jedoch vorzubeugen: Auch wenn die selbstbetitelte Scheibe der zwei Hausfreunde nun ein Element vermissen lässt, das "What The Toll Tells" besonders ausgezeichnet hat, macht das den Nachfolger keineswegs schlechter, da Saddle Creek's Finest an allgemeiner Intensität nicht im Geringsten eingebüßt haben. Denn auch in gediegenerem Tempo malträtiert Vogel sein Drumkit noch, als sei es von bösen Geistern besessen und singt, krächzt, schreit Stephens, als müsste er den gesamten Weltschmerz des amerikanischen Südwestens mit sich herumtragen. Von den Geschichten, die erzählt werden, war ja schon die Rede, die im ersten Absatz dieser Rezension wiedergegebene ist übrigens ungefähr der in Prosaform übergeführte Text von "Despite What You've Been Told", eines der Highlights der Platte. Despite what you've been told, I once had a soul, klagt Stephens da, left somewhere behind, a former friend of mine. Ob Menschen, die solche Alben schreiben können, wirklich keine Seele haben, ist fraglich. Und wenn doch, dann weil sie sie bereits komplett in ihre Musik gesteckt haben.

Jan Martens

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