Rezension

Okkervil River

The Stage Names


Highlights: Our Life Is Not A Movie Or Maybe // John Allyn Smith Sails
Genre: Folk-Rock
Sounds Like: Bonnie 'Prince' Billy // Neutral Milk Hotel // Bright Eyes // Kings Of Leon // Arcade Fire

VÖ: 07.09.2007

Die letztjährige Wiederveröffentlichung des Vorgängeralbums "Black Sheep Boy", ursprünglich 2005 erschienen, war zwar etwas überraschend, jedoch mit dem Labelwechsel zu Virgin zu erklären und mit der beigefügten "Black Sheep Boy Appendix"-EP zu rechtfertigen. Bei der Begründung der goldgeprägten "Definitive Edition", die daraufhin dieses Jahr herausgebracht werden sollte, war mit Rationalität deutlich weniger zu holen. Wobei die Version mit gold'nem Schimmer ohnehin nicht leichter zu bekommen war als ein von allen vier Beatles handsigniertes "Let It Be... Naked".

Kleiner Spaß. Jedenfalls lässt sich eine Botschaft in der Geschichte erkennen: Der zwischenzeitliche Wechsel zum Majorlabel Virgin, die zahlreichen Versuche, "Black Sheep Boy" unters Volk zu bringen - all dies beschreibt so trefflich wie dramatisch die geringe Aufmerksamkeit, die Okkervil River lange Zeit zuteil wurde. Da es unter Virgin nicht entscheidend besser lief, ging es zurück zu Jagjaguwar - ja gut, da war man schließlich auch vorher schon gewesen.

Ob Okkervil River inzwischen berühmter geworden sind, ist Ansichtssache, oder besser: unklar. Klar ist hingegen, dass sie mit "The Stage Names" einen neuerlichen Bekanntheitsschub erleben werden. Nicht nur, weil man in der Redaktion des Printmagazins VISIONS entschied, das Album zum besten des Monats September zu küren. Auch wenn man das durchaus als Zeichen sehen kann. Aber sowieso, generell, allgemein und überhaupt: "The Stage Names" ist teilweise rockiger, grundsätzlich direkter und vor allem ein großes Stück eingängiger als seine Vorgänger. So wie die Freunde des alten Sounds auf Dauer mit "The Stage Names" glücklich werden dürften, sollten übrigens auch neue Hörer die alten Alben lieben lernen können.

Was ist es nun, das die alten Fans glücklich macht und neue Fans von der Band überzeugt? Nun, da wäre zunächst mal die unglaubliche Eröffnung "Our Life Is Not A Movie Or Maybe". Chef-Songwriter Sheff, Vorname Will, will viel - und schafft (beziehungsweise shefft) noch mehr. Der Schlagzeugeinsatz lässt an Arcade Fires Hymne "Intervention" denken, und tatsächlich befinden wir uns hier in ein und derselben Klasse von Songwriting - ein klassischer Übersong. "Unless It's Kicks" ist anders, und die Referenzen, die einem durch den Kopf springen, sind schon sehr ungewöhnlich. Kings Of Leon? Supergrass? Doch was soll man dagegen tun. Es ist eben so, und: Es ist großartig.

Gar nicht mal so untypisch kommen "Savannah Smiles" und "Plus Ones" daher, klassisch verträumte Okkervil-River-Songs, voller Melancholie, mit einer Prise Selbstzweifel. Auf den ersten Blick kaum nachzuvollziehen. Da schreibt einer Songs wie "John Allyn Smith Sails", in das er anscheinend mühelos die grandioseste Version des Traditionals "Sloop John B." aller Zeiten einbastelt, und gleichzeitig zweifelt er an der Bedeutung der eigenen Musik. Unverständlich. Will Sheff darf sich sicher sein: "The Stage Names" bedeutet verdammt viel.

Mario Kißler

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