Interview

Tomte


Meine erste Berührung mit TOMTE hatte ich im Frühjahr dieses Jahres. Nach dem Kauf des Festivalguides, legte ich zu Hause die dem Heft beigefügte CD in den Player. Wie sich die Lieder 4-22 auf diesem Sampler anhören, weiß ich bis heute nicht, denn bei Lied 3 blieb ich hängen. Das war "Schreit den Namen meiner Mutter". Montags abends sah ich dann den Videoclip bei MTV Spin und drei Tage später laß ich im Musikexpress: "Wenn jemand nach der Zukunft des deutschen Pop Ausschau hält: Hier ist sie!" Die tagelange Totalkonfrontation veranlasste mich letztendlich, mal wieder im Plattenladen vorbeizugehen.

Nun sind wir also auf dem Weg von Mainz nach Kaiserslautern, mitten "auf der lustigen Autobahn auf der man Fußballspielen könnte, weil sonst niemand drauf fährt" (Matzee). In wenigen Stunden werden TOMTE im Kammgarn spielen, vorher werden wir Thees zu einem Interview treffen.

Als wir das Kammgarn betreten, sitzt die Band mit der Crew allerdings noch im Restaurant, isst und trinkt und schaut dabei Fußball. Thees rennt währenddessen im Hof durch die Abenddämmerung und spricht pausenlos in sein Handy. Während der TOMTE-Tour stehen zwei neue Releases mit seinem Label Grand Hotel van Cleef ins Haus: Death Cab For Cutie und Olli Schulz. Wir warten und nach ein paar Bier kommt Thees dann auch.

Du bist wieder alleine zum Interview gekommen. Gibt es Probleme in der Band, weil es manchmal heißt Thees Uhlmann ist Tomte?

Thees: Ich weiß nicht, erstmal ist das glaub ich gar nicht so. Und dann ist das auf der ganzen Welt so, das der Sänger die meisten Fragen gestellt bekommt. Wenn ich alleine bei MTV Spin bin oder so was, sind das häufig auch finanzielle Angelegenheiten. Es ist halt billiger einen da runterzukarren als drei sozusagen. Für ein Label wie unseres ist das schon ein finanzieller Aufwand.

Wenn man das neue Album mit den beiden Vorgängern vergleicht, hat man das Gefühl, das neue Album hört sich viel britischer an. Du sagst aber, dass du wenig Musik hörst. Worher kommt dann der Einfluss, das sich der Sound so verändert hat?

Thees: Erst mal kommt das dadurch, das wird das schon total lange machen. Im Enddeffekt ist das wie ein Maurer der seit 8 Jahren mauert, der kann das dann irgendwie auch besser. Zum anderen hatten wir viel mehr Zeit die Platte aufzunehmen, das heißt man konnte ganz anders die Qualität des Sounds ausfeilen. Wir sind alle einfach nur besser geworden in dem was wir tun. Aktuelle Musik hab ich gar nicht gehört, sowieso hab ich ganz wenig Musik gehört, sondern eher meine eigene gemacht, deswegen kann ich auch gar nicht sagen was so die Einflüsse sind.

Hörst du deine eigene Musik auch oder kannst du das nicht?

Thees: Ich liebe es meine eigene Musik zu hören. Ich sitz gern im Büro und hör mir die Platte an, weil ich mich auch immer noch freue was wir geschafft haben.

Die Platte wollt ihr auch übersetzen und dann auf den englischen Markt bringen. Wie weit seid ihr damit?

Thees: Noch nicht weit, weil der Sommer wesentlich arbeitsreicher war, als wir alle gedacht haben. Aber es liegt mir immer noch am Herzen, ich hoffe das ich jetzt im Winter dazu komme.

Hattet ihr diesen Plan schon bei den Aufnahmen oder kam der erst danach?

Thees: Ehrlich gesagt kommt das aus der arroganten Feststellung heraus, dass ich denke, dass das keine deutsche Platte, sondern eine internationale Platte mit deutschem Gesang ist. Und um sie auch international vorzustellen, würd ich sie gern auf Englisch aufnehmen. Weil ich die auch so gut finde und die Texte interessant finde, das ich die gerne in der universellen Popsprache Englisch singen würde. Und ich glaub auch das man das machen kann, ohne das die Meinung irgendwie runtergeht.

Viele der Songs habt ihr vorher ins Internet gestellt. Auch von den neuen Künstlern gibt es wieder legale und kostenfreie Songs auf der Label-Homepage. Warum ist das Grand Hotel van Cleef so offen in Sachen Internet?

Thees: Wenn wir jetzt ne neue Olli Schulz Platte rausbringen, wie sollen Leute den kennenlernen? Gib denen ein Lied das die geil finden, dann gehen sie auch in den Laden und kaufen die CD!

Fast 1.000 Downloads waren es bis heute Nachmittag. In einer Zeitspanne von 30 Tagen relativ viel.

Thees: Ich weiß nicht ob das viel ist. Natürlich ist brennen für uns ein Problem. Ich kann sagen, ich find das scheisse, dass Leute CDs brennen, dann würde ich aber auch verkennen, das die 16jährigen heutzutage Geld für Computerspiele ausgeben sollen, für SMS, Mini-Disc, Walkman, DVD-Player und dann noch CDs. Im Enddeffekt hat sich die Industrie ihr eigenes Grab geschaufelt. Musik interessiert bei diesen großen Konzernen eigentlich überhaupt keinen mehr, weil das einfach viel zu wenig einbringt. Es gibt Gespräche das große Firmen ihre ganzen CD-Sachen schließen, weil es einfach kein Gled mehr damit zu verdienen gibt.

Wenn ihr einen neuen Künstler rausbringt, findet man kurz vor dem Release Vorstellung und Downloads im Internet. Bis dahin bleibt aber alles geheim, weil du Angst hast, das dir die großen Major-Labels die Künstler wegkaufen. Fühlt ihr euch ein bisschen angepisst, das man euch und Kettcar so hat hängen lassen und jetzt wo ihr Erfolg habt, man versucht alles wegzukaufen?

Thees: Nö, wir wurden ja nicht hängengelassen, wir haben irgendwann dann gesagt: Nein! Bei Kettcar ging das mit den großen Firmen 2 Wochen vor dem Release los und Tomte wurde dann einfach massiv gefragt, ob wir nicht mit großen Firmen zusammenarbeiten wollen. Und wir halten es halt hinterm Berg mit wem wir zusammenarbeiten wollen, weil die halt einfach Angebote machen können, die wir gar nicht toppen können. Wir werfen nur unser kulturelles Kapital in die Waagschale und das wars dann sozusagen. Deswegen halten wir das am liebsten geheim.

Zur Zeit gibt es aber eine große Nachfrage nach eigenständigen Bands. Da seid ihr, dann die Helden,...

Thees: Also die Helden mag ich ja noch ausgesprochen gerne, aber ich muss sagen das der gesamte Komplex der DeutschPop heißt mich sowas von ankotzt. Ich fühl mich einer Band wie Travis oder Slayer wesentlich mehr verbunden, als irgendeiner deutschen Band die die ganze Zeit über Liebe und Äpfelgärten singt. So eine Bruderschaft ist Schicksal Geschichte ist überhaupt nicht mein Interesse. Meiner Meinung nach soll das einfach der zweite HipHop werden. Die werden das jetzt so fosieren, das alle Leute deutsche Popmusik mit deutschen Texten hören wollen. Ich möchte damit gar nix zu tun haben. Wenn deswegen mehr Leute auf meine Konzerte kommen - schön und gut. Aber ich hab keine Lust mit 20 Bands in einen Topf geschmissen zu werden, die ich total beschissen finde.

Ihr seht euch jetzt also nicht als Bewegung? Man redet zur Zeit ja schon von einer neuen Indie-Bewegung.

Thees: Das ist ja keine Indie-Bewegung. Das ist ja alles weggekauft von großen Plattenfirmen. Helden ist ne große Plattenfirma, Virginia Jetzt ist ne große Plattenfirma, Astra Kid ist ne große Plattenfirma, Blumfeld ist ne große Plattenfirma, Tocotronic ist ne große Plattenfirma...

Ihr seht euch jetzt also nicht als Bewegung, die die deutsche Musik ein bisschen nach vorne bringt?

Thees: Nö, ich will ja auch was ganz anderes als die ganzen anderen Bands. Wir haben ja auch einen ganz anderen Anspruch. Wir sind ja auch zum Beispiel wesentlich ernster als die ganzen anderen Bands. Ich fühl mich mit einer englischen ernsten Band, wo mir die Texte nahe gehen, viel mehr verbunden, als einer deutschen Popband, die halt nur über Bienen, Birnen und Blumen singt, das interessiert mich einfach nicht.

Die ernsten Texte von dir handeln meist über Liebe oder Leben und nie über Politik. Ist das nicht dein Ding?

Thees: Ich interessiere mich für Politik schon mein ganzes Leben, aber es hat mit meinem künstlerischen Output nichts zu tun. Ich fühl mich nicht... er hat den Rekord gebrochen...

(Thees zeigt auf den Fernseher in der Ecke)

Thees: Er hat den Bundesliga-Rekord zu Null von Olli Kahn eingestellt.

Wie ging das Spiel aus?

Thees: 0:0! Ich hab bei Oddset total geloost

...aber letzte Woche...

Thees: Ja da hab ich gewonnen, stimmt. Aber diese Woche leider nicht. Ähhm, wenn Leute eine Meinung von mir haben wollen zum politischen Thema, bin ich gerne bereit die abzugeben, weil ich das auch wichtig finde, das Leute, die mehr oder weniger in der Öffentlichkeit stehen so was sagen. Aber Politik hat mit meinen Texten nichts zu tun. Es gibt natürlich auch Wege und Mittel TOMTE Texte politisch zu lesen, aber es ist meistens nicht gut, wenn Politik in Texten vorkommt. Ist vielleicht für den Moment gut, aber drei Monate später wirds immer peinlich.

Damit die Platte auch zeitlos wird?

Thees: Ja genau, zum Beispiel ist auf der neuen Platte kein Wort drauf, das man nicht auch vor 250 Jahren gekannt hätte, so ein Wort wie "Kühlschrank" hätte ich halt keine Lust zu singen. Weil ich für mich selbst Texte schreiben will, die universell sind.

Was ist deine Meinung zu der Deutsch-Quote die jetzt eingeführt werden soll?

Thees: Die wären natürlich die Kriegsgewinner von so einer Sache. Ich fühl mich nicht überschwemmt von Amerika. Ich meine, ein beschissener Künstler ist ein beschissener Künstler, ob der jetzt deutsch singt oder englisch singt, ist mir total egal. Wenn dann, dann wär ich für sowas, wie eine gewisse Qualitätssicherung. Aber wie will man Qualität sichern? Was ist Qualität in Zusammenhang mit Kunst? Es ist natürlich schon schwierig das qualitativ hochwertige Kunst von der Kulturindustrie geschluckt wird. "Deutschland sucht den Superstar" ist ja auch eine deutsche Produktion, die haben mal geschrieben, wir wollen deutsch irgendwas sichern so, aber ich glaub die wissen im Endeffekt noch nicht mal was sie sichern wollen.

Die Leute von Deutschland sucht den Superstar singen aber auch in englischer Sprache. Und es gibt ja auch viele deutsche Künstler, aber eine Menge greifen halt auch zur englischen Sprache. Ist das so schwierig auf deutsch zu singen, weil Musik heute nicht mehr Zuhör-, sondern eher Hintergrundmusik ist?

Thees: Nee, ich glaub es ist anders. Es ist einfach so das wir alle mit englischsprachiger Musik aufgewachsen sind und da hat die Stimme halt die Möglichkeit ein Instrument zu sein. Wenn du deutsch hörst, ist das halt so ungewöhnlich, das die Stimme immer die Stimme ist die was sagt. Und deswegen ist es schwierig das zu hören, weil vielleicht auch viele nicht belästigt werden wollen oder es ungewohnt ist solche Sachen zu hören.

Bei "Endlich einmal" singst du "Das ist alles andere als die gute Seite". Eine Anspielung auf die Sportfreunde Stiller?

Thees: Das ist ne Anspielung, aber ne freundschaftliche. Ich glaub ganz Deutschland wartet auf den großen Diss, weil beide Bands sehr unterschiedlich sind, auch wenn sie sich persönlich sehr nahe stehen. Aber das wahr ... ich sag mal: "Der Rhyme war fett!" Es war also mehr so ein musikalischer Gruß von Hamburg nach München.

Eine Feindschaft war da also nicht?

Thees: Ne, da war nie ne Feindschaft. Ich hab ja auch den ersten positiven Artikel über Sportfreunde Stiller im Intro geschrieben, zum Beispiel.

Das wird aber von den Medien und auch gern von euch selber ein wenig so hochgepusht?

Thees: Das war halt so: Diese Band haben alle gehasst und ich hab mich gefragt: Wieso hassen halt alle die Sportfreunde Stiller, die so die Pudel unter den Bands sind. Oh "Heimatlied", oh die komm aus München, oh das sind Nazis. Ein Spiel mit so was find ich halt interessant. Ich find es gut, das TOMTE ne Band ist, die man an so Sachen festmachen kann und nicht so Lutscher sind. Da gehört halt auch so was dazu, wie "Was? Haben die sich gestritten die Sportfreunde und Tomte?"

Du sagst aber, das du lieber mit deinen Fans rumhängst, als mit anderen Bands.

Thees: Ich finde es zum Beispiel jetzt wesentlich interessanter mit euch zu reden, als mit ner anderen Band zu reden. Das ist immer nur dasselbe, da ist das jetzt viel anregender. Vielleicht haben wir auch einfach nur extrem gute Fans mit denen man halt so abhängen kann. Viele Bands nerven natürlich auch, ich will jetzt auch keinen dissen, aber ich muss ja mit keinem rumhängen, nur weil die auch Gitarre spielen. Immer dieses "Wir machen alle Musik" von Musikern, was ein Scheiss, wir machen geile Musik und ihr macht scheiss Musik, so einfach ist das. Diese Kumpelei unter Menschen, nur weil sie was bestimmtes ausüben, find ich total Schwachsinn.

Neben Kontakt zu Fans und Kollegen, wäre da noch der Kontakt zur Presse. Ist das für dich Zeitvertreib oder redest du einfach gerne mit Leuten?

Thees: Ich red gern über meine Kunst ehrlich gesagt. Ich hab ganz viel über meine Kunst und mich gelernt, während ich Interviews gegeben hab, weil ich bin nicht so der größte übermichselber-Nachdenker. Da haben dann Leute gute oder wichtige Fragen zu Texten gestellt und das hat mir sehr gut gefallen. Und wie gesagt, sonst würd ich jetzt Backstage sitzen und ähh ja, da vertreib ich mir die Zeit ganz gern mit einem Interview. Bringt auch mehr Spaß im Endeffekt, das ist alles. Hat jemand ne Zigarette von euch?

Nein. Aber gute Idee, wir könnten auch mal Bier bestellen.

(Thees geht Kippen holen, wir bestellen Bier. Bier kommt, Thees auch.)

Die Texte sind sehr nachdenklich und kompliziert...

Thees: Sind die kompliziert?

Teilweise schon. Man kann sie zumindest verschiedenartig interpretieren, nicht so, dass das eine Linie ist. Jeder kann die für sich auslegen.

Thees: Ja, ich find das gut so, das ziemlich viele Leute die gleiche Emotionen haben, aber das auf unterschiedliche Situationen in ihrem Leben beziehen. Und die ganzen Reaktionen die auf die Texte von der neuen Platte gekommen sind, das hat mein Leben auch verändert. Ich hab mich teilweise unheimlich reich gefühlt, das Leute intimste Situationen beschrieben haben und dabei die TOMTE Platte gehört haben. Man ist stolz darauf, das man diese Leute durch diese Situationen mit seiner Musik begleiten kann. Das andere: Für mich sind die Texte überhaupt nicht kompliziert, ich kann dir jedes Wort genau erklären, ich könnte zu jedem Wort eine halbe Seite schreiben, warum ich gerade dieses Wort gewählt habe.

Im Booklet hast du das auch ein wenig getan. Es gibt Künstler, die wollen ihre Texte so stehen lassen und jeder soll sie für sich deuten.

Thees: Es sind ja keine Erläuterungen oder Definitionen der Lieder, sondern nur ein paar Anekdoten. Und genau richtig wie du sagtest auch eine Gegenreaktion zu den "Meine Texte sprechen für sich selber"-Leuten. Das ist doch Scheissdreck. Jeder Mensch hat was im Kopf. TOMTE sagen immer warum wir das machen, das wir das geil finden wie wir das machen. Wenn man sich für TOMTE interessiert, kann man glaub ich eine Menge über die Band herauskriegen. Und das find ich gut.

Du hast jetzt gesagt, das es toll ist wenn man Reaktionen bekommt. Hast du manchmal ein ängstliches Gefühl, wenn das zu intim ist? Hast du Angst das die Leute vielleicht zu sehr Kraft aus der Platte schöpfen?

Thees:(überlegt lange) Mmhh, also eigentlich ist es nicht zuviel. Ich mag die Emotionalität zwischen Menschen, die sich gar nicht kennen. Den meisten schreibe ich gerne zurück, wenn ich das zeitlich hinbekomme. Es ist vielleicht zwei-, dreimal passiert, das die Leute zu viel von mir erwartet haben, aber da hab ich immer noch die Macht des Nicht-Zurückschreibens. Es wird ja auch immer gesagt das TOMTE eine sehr offene und intime Band ist. Ich sag immer: Was gibt es denn zu verlieren? Was kann ich damit verlieren, wenn die Leute wissen, dass mein Vater krank ist? Stehen die Leute auf TOMTE-Konzerten und singen: "Dein Vater ist krank, dein Vater ist krank"? Machen sie nicht. Da kommt nur zurück, super das mal jemand geschrieben hat, wie es ihm geht wenn so was ist, weil mein Bruder ist auch krank und endlich hab ich mal eine Band, ein Lied, an dem ich mich festhalten kann. Ich hab immer so Bands gehört, dieser Anker in den dunklen Stunden und deshalb wollte ich auch immer so eine Band sein.

Glaubt ihr das ihr das halten könnt? Ihr wollt ja keinen kommerziellen Erfolg...

Thees: Wir wollen kommerziellen Erfolg, aber kommerzieller Erfolg wird in keinster Weise einkalkuliert beim Schreiben der Lieder.

Und wenn das nächste Album noch erfolgreicher wird?

Thees: Man muss halt abwarten was passiert. Bis jetzt kann ich noch nach jedem Konzert einfach von der Bühne zum Merchandising Stand gehen und mich mit Leuten unterhalten und Autogramme geben. Ich find das einfach wichtig. Es amüsiert mich, es unterhält mich. Ich will unterhalten werden!

Wäre das ein Verlust, wenn ihr erfolgreicher werdet?

Thees: If You Don't Go, You Don't Know! Keine Ahnung, aber man findet immer seine Mittel zu kommunizieren.

Ihr seid jetzt wieder auf eigener Tour, davor habt ihr den ganzen Sommer Festivals gespielt. Was macht ihr lieber?

Thees: Das sind total unterschiedliche Sachen. Das war für mich so ein Kick bei ROCKamRING zu spielen. Ich möchte das nicht missen, auf dieser riesigen Bühne und zu wissen, links und rechts ist gerade deine Fresse auf diesen riesigen Plasma-Bildschirmen. Das ist einfach geil.

Heute Abend sind wohl alle wegen euch hier, bei RaR werden euch nicht viele gekannt haben. Hat man auf Festivals den Ehrgeiz die Leute zu überzeugen?

Thees: Nein, ich geb mir keine Mühe zu überzeugen. Ich könnt jetzt ganz klassisch sagen, das ich immer hundert Prozent gebe. Diese Band hat es bis hierhin geschafft, nie dadurch das sie sich verändert hat, sondern immer unser TOMTE-Ding gemacht, mit dem obskuren Zeugs zwischendurch...

...und der vielleicht besten Anmoderation des ganzen Wochenendes.

Thees: Was hab ich denn gesagt?

"Ihr sollt nicht mitklatschen, ihr sollt nicht rumhüpfen, ihr sollt nicht mitsingen. Ihr sollt einfach nur zuhören. Und das Hemd ist von H&M."

Thees: Ja, ein bisschen ist das so. Wenn die Leute mitklatschen ist das natürlich ein totaler Kick, das will ich gar nicht verleugnen, aber ich bin halt nicht der Typ, der auf der Bühne steht und vorklatscht. Hey, die zahlen schon meine Miete, die müssen nicht noch was für mein Ego tun. Dieses Ansporen find ich halt nicht besonders geil. Und wenn das 50 Bands am Wochenende machen, bleibt vielleicht ein Typ auch eher hängen, der das nicht macht.

Vor zwei Jahren hattet ihr schon mal bei RaR gespielt, im TalentForum. Kommt man sich als Künstler neben der riesigen Centerstage etwas verlassen vor?

Thees: Mir ist ganz egal wo ich stehe. Hey, wir waren diese kleine Popelband aus diesem scheiss Kaff in Niedersachsen und wir spielen bei ROCKamRING. Ich war dann einer der berühmtesten Menschen aus meinem Heimatort und das ist natürlich geil.

Inzwischen einer der berühmtesten Männer aus Hamburg, wenn es um Musik geht.

Thees: Liest man so was?

Durchaus.

Thees: Ich weiß das nicht. Ich weiß nur da sich unheimlich viel Feuer in meinem Körper hab und dieses Feuer muss halt raus. Und es gehen mir halt so unheimlich viele Sachen auf den Sack und ich muss das halt sagen. Ich werd ja auch gefragt, deswegen sag ich das auch. Andere sagen halt "Das sind alles unsere Kumpels". Nein, so ist das nicht. Das Leben nervt! Das Leben ist nicht schön, das Leben muss man sich erkämpfen. Ich will nicht der Soundtrack zu ner Party sein, ich will der Soundtrack zum Leben sein.

Das war Badly Drawn Boy.

Thees: Och der Badly Drawn Boy. Echt?

Ja, der hat das auf der letzten Platte so ähnlich formuliert. "Songs are never quiet the answer, just the soundtrack to your life."

Thees: Das war so geil bei ROCKamRING.

Hast du seinen Auftritt gesehen?

Thees: Nein, leider nicht, weil ich da noch bei so einem beschissenen Interview war. Ich war im WDR-Chat! Sorry WDR, aber das war wirklich nicht das intellektuellste was ich je in meinem ganzen Leben getan habe: "Hallo, Hallo, bist du von Placebo?" Hallo, hier ist Thees von Tomte, hat hier irgendjemand irgendeine Frage??? -"Hallo, Hallo, Hallo" Ich hab ihn dann in Nürnberg gesehen, da war er wundervoll. Aber da saß er halt so, ich natürlich auch schon wieder voll wie ein Ampmann lief da so rum, und da saß er halt auf so einem Reifenstapel bei ROCKamRING. Ich so, komm den schnappst du dir jetzt. Ich so: "Hey Badly Drawn Boy, we love your music" und er so: "Oh, let me introduce you to my new friend!" Und dann stand daneben so ein Security-Typ von ROCKamRING, den er offensichtlich schon seit mehreren Minuten dicht gelabert hat "What's Your Name Again?" "Jens" "This is my new friend Jens!" Und dann haben wir auch ein bißchen geredet und ich wollte auch sein Freund sein, aber er hat sich bis jetzt noch nicht wieder gemeldet. Aber er hat auch viel zu tun.

Ist das ROCKamRING Festival für euch nur eines unter vielen, oder spürt man als Musiker dieses besondere Feeling, wegen dem das Festival unter den Besuchern so bekannt und beliebt ist?

Thees: Also ich bin von den Emil Bulls rüber zu unserer Bühne gesehen und hab da eigentlich nur so besoffene Jungmänner gesehen. Das war wirklich unglaublich. So Männer im Testosteronrausch: Wir sind voll, wir sind geil und wir haben noch ein langes Wochenende vor uns. Wenn die sich in einer Community rumtreiben, da können die auch gleich in die Coupè Community gehen. Aber weil ich ein interessierter Mensch bin, guck ich mir das alles an, wie das so aufgebaut und organisiert ist. Und das ist einfach eine riesige Entertainment- und Rockfabrik, das ist aber auch unglaublich zu sehen wie es funktioniert.

Wenn du über das Gelände gelaufen bist, kamst du auch bestimmt nicht an den Helga-Schreien vorbei. Welche Geschichte kennst du?

Thees: Ich hab mal wirklich einen gefragt, warum die ständig HELGA schreien. Da meinte er bei irgendeinem Bizarre Festival vor 4 Jahren oder so, soll einer die ganze Zeit über den Zeltplatz gewankt sein und HELGA geschrien haben. Was für eine Legende der Typ sein muss.

Neben den großen Festivals, gab es dieses Jahr auch wieder zahlrecihe kleine Festivals. Können die sich auf lange Zeit halten?

Thees: Wenn die kleinen Festivals was anzubieten haben. Haldern, Immergut-Festival, die werden immer überleben, weil da was rüberkommt, wo Leute sich freuen hinzugehen und ein schönes Wochenende zu haben.

Ist aber auch eine Frage der Finanzen. Die Bands kosten auch immer mehr.

Thees: Ja, weil ihr brennt! (Thess wirft und einen vorwurfsvollen Blick zu und fängt dann an zu lachen) Aber einige Bands kommen auch wirklich mit astronomischen Gagenforderungen. Ganz Amerika lacht sich über Deutschland kaputt, weil es hier jedes Wochenende fünf Festival gibt. Das geht dann so: "Ey, gib mal 2 Millionen!"

Werdet ihr nächstes Jahr wieder Festivals spielen?

Thees: Ja, für einige sind wir schon bestätigt. Und im Januar werden wir wahrscheinlich ein eigenes Grand Hotel van Cleef Festival machen. Mit der amerikanischen Band Death Cab For Cutie, Olli Schulz, Tomte, Kettcar und Marr.

Wie sehen sonst die weiteren Pläne aus?

Thees: Ich fang jetzt wieder an Musik zu machen, wir sind noch an einer großen Sache dran über die ich nix sagen darf und ich soll wieder ein Buch schreiben. Ich hab inzwischen wirklich Spaß am Schreiben gefunden.

Hat das dann was mit Musik zu tun?

Thees: Ne, das wird nix mit Musik zu tun haben, das wird mir dann zu langweilig. Ich schreib ja zum Beispiel auch für das St. Pauli Fanzine eine Fußballkolumne, obwohl ich halt wirklich überhaupt keine Ahnung von Fußball habe. Mir macht schreiben einfach Spaß.

Fühlst du dich eigentlich noch der Punkszene verbunden?

Thees: Ich fühl mich dem unkommerziellen Underground noch verbunden. Aber punkmäßig ist die Szene mir viel zu verbohrt. Wir haben ja mit TOMTE auch mehrere Jahre exclusiv in der Punkszene gespielt. Wir sind dieser Szene aber einfach entwachsen und es hat da halt auch keinen interessiert was wir machen.

In den vielen Interviews wiederholen sich ja auch ständig Fragen. Welche Fragen würdest du gerne mal gestellt bekommen, wurdest du aber noch nie gefragt?

Thees: Oh Gott. Auch so letzte Worte oder so, da kann ich immer gar nix sagen.

Carsten Roth

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