Interview

Thrice


In neun Jahren von zusammengetackerten Stofffetzen aus Hardcore, Skate-Punk und Metal zum eigenwilligen Unikat Marke Perserteppich: Wenn jemand weiß, wie Entwicklung von statten geht, dann sind es Thrice. Neulich, da schwammen die vier Kalifornier neben All Time Low als Support von Blink 182 an der Hamburger Trabrennbahn als Insel des Anspruchs im Meer aus drei Akkorden. Wir ergriffen die Chance und trafen Sänger Dustin Kensrue im Nightliner der Band zum Interview. Themen dabei: Setlists, Radiohead und christliche Theologie.

Viele Bands reden davon, sich ständig verändern zu wollen. Ihr seid eine der wenigen, die dies auch wirklich tun. Nach eurem dritten Album, “The Artist In The Ambulance”, habt ihr euren Sound sehr stark verändert. Kam dieses Gefühl, etwas ändern zu wollen, während der Aufnahmen zum Nachfolger “Vheissu” oder war es schon vorher da?

Dustin Kensrue: Das war schon vorher da. Es braucht eine Weile für Bands, um wirklich ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln. Dazu gehört, zurückzublicken auf das, was mal als Künstler bereits kreiert hat und gleichzeitig vorwärts zu blicken auf das, was man noch schaffen kann und will. Nach “The Artist” hatten wir das Gefühl, dass wir unser Potenzial noch nicht ganz ausgeschöpft hatten. Es war ein sehr eilig aufgenommenes Album und obwohl ich damit durchaus zufrieden bin, war es nicht ganz das, was wir eigentlich wollten. “Vheissu” hat das geschafft. Aber da war noch etwas Anderes in uns, das führte dann zu unserem bislang größten Experiment “The Alchemy Index” (die vier EPs, “Fire”, “Water”, “Air” und “Earth”, Anm. d. Verf.). Da haben wir Dinge getan, die wir auf einem Album zuvor noch nie ausprobiert hatten.

War das auch der Grund, aus dem ihr euch bei “The Alchemy Index” gegen die Mitarbeit eines Produzenten entschieden habt?

Dustin Kensrue: Genau das ist der Grund. Ein Produzent hätte das Projekt ins Chaos geführt. So jemand hat in der Regel einem Kontrollzwang, ist eine Art Herrscher. Das hätte den Prozess schlichtweg verlangsamt. “Beggars” war dann wiederum eine Reaktion auf “Alchemy”. Nicht, dass wir “Alchemy” nicht mehr mögen würden, aber wir wollten wieder Musik schreiben, die für die Bühne taugt. Daher klingt “Beggars” auch nicht viel anders als die Demos, die der Platte zugrunde liegen. Wir wollten sie erst komplett live aufnehmen, haben uns dann aber für einen Mittelweg entschieden: Mehr als zwei oder drei Takes pro Instrument gab es nie. So spontan waren wir noch nie.

Und auf dem Produzentenstuhl saß...

Dustin: ...größtenteils Teppei (Teranishi, Gitarrist der Band, Anm.d.Verf.), aber wir haben sie eigentlich alle gemeinsam produziert.

War “Alchemy” für dich Wendepunkt und Neuorientierung oder eher eine logische Konsequenz eurer fortlaufenden Entwicklung?

Dustin: Für uns war es in erster Linie ein frischer Wind. Etwas, das uns weiter voran bringt. Aber im Grunde genommen war keine unserer Platten ein richtiger Wendepunkt für uns, außer vielleicht “Vheissu”. Das hängt aber auch mit der Rezeption des Albums zusammen: Die Leute haben es mehrheitlich nicht angenommen. Das war bei “Alchemy” anders, da die Leute von da an wussten, dass unsere Weiterentwicklung in Zukunft kaum absehbar sein würde. Und es gab natürlich auch Fans, die “Vheissu” mochten, die dann logischerweise auch “Alchemy” offen gegenüber standen. Aber ich drifte ab: “Alchemy” war für uns der größte Bruch in Sachen Kontinuität, da es komplett anders entstand als unsere anderen Platten.

Für mich klingt es auf “Alchemy” so, als hättet ihr die wichtigsten Aspekte eurer Musik innerhalb des Gesamtwerks erkannt, diese dann einzeln herausgegriffen und euch dann jedem separat gewidmet. So kommt es zu Elektro-Experimenten oder auch akustischen Songs. Hat dieser Prozess euch geholfen, euer Schaffen besser reflektieren zu können?

Dustin:
So ist es. Und das, was wir daraus gelernt haben, wird weitreichender Früchte tragen als nur “Beggars”. Es ist so, als hätten wir mit diesem Experiment jegliche Erwartungen von außen, was wir sind oder sein sollten, abgestreift. Das war ein sehr reinigender Prozess, der uns eine Lagerstätte für Ideen gebracht hat.

“Beggars” ist sehr rau und besonders um Rhythmen herum aufgebaut. Hatte das etwas damit zu tun, dass Ed und Riley (die Brüder Breckenridge, die Bass und Schlagzeug bei Thrice besetzen, Anm. d. Verf.) vermehrt Fundamente für die Songs gelegt haben?

Dustin: Diese Rythmusgetriebenheit von “Beggars” war etwas, auf das wir alle gemeinsam hingearbeitet haben, besonders weil “Alchemy” und in Teilen auch “Vheissu” etwas schläfrig wirkten. “Beggars” ist in diesem Punkt völlig anders. Es rückt dem Hörer enger auf die Pelle, selbst in den den seichteren Songs. Das haben wir nicht zuletzt dadurch erreicht, dass wir das Album zusammen in einem Raum geschrieben haben, wo hingegen wir “Alchemy” im Wesentlichen aus skizzenhaften Demos und am Laptop zusammengesetzt haben. Ich denke, den Unterschied hört man ziemlich deutlich.

Auf “Beggars” experimentiert ihr eher mit Songstrukturen, auf “Alchemy” eher mit Sounds. Stimmst du dem zu?

Dustin: Ganz so einfach ist das nicht. Auf “Alchemy” gibt es auch Experimente mit Songstrukturen, nur werden die womöglich von den Soundexperimenten überdeckt. Was “Beggars” in uns noch einmal bewegt hat, ist dieses erfrischende Gefühl, wieder live zusammen zu spielen und ganz ohne Erwartungen ein Album zu schreiben. Fast so, als hätten wir uns neu gegründet.

Das klingt so, als hättet ihr sehr große Probleme damit gehabt, die “Alchemy”-Songs auf die Bühne zu bringen.

Dustin: Das war alles andere als einfach. Aber es war auch enorm interessant. Da brauchten wir Keyboards, Samples, mussten Teile der Songs auf andere Instrumente zuschneidern. Wir haben die Songs teilweise sogar verändert. Auf der “Air”-EP ist ein sehr ruhiger Song namens “A Song For Milly Michaelson”. Aus dem haben wir eine Rock-Version gemacht.

Auf dem Highfield habt ihr zwei Songs der “Fire”-EP gespielt, die wesentlich gitarrenlastiger sind als der Rest von “The Alchemy Index”. Ist es mit denen einfacher?

Dustin: Ein wenig. Praktischerweise haben wir immer noch keine heftigeren Songs als die auf der “Fire”-EP geschrieben, deswegen müssen die einfach mit. Aber was rede ich: Setlists zusammenzustellen ist ein Thema für sich, darüber könnten wir noch Stunden reden. (grinst).

Okay, dann nur noch eine Frage zum Thema, dann lasse ich dich damit auch in Ruhe: Gibt es noch ganz alte Songs von euch, die ihr gern live spielt?

Dustin: Naja...(überlegt)...da ist keiner, bei dem wir aus dem Häuschen geraten würden. Wir haben mit unseren ersten zwei Platten eigentlich abgeschlossen. Aus dem Wissen heraus, dass Fans mit den alten Songs emotional sehr viel verbinden, spielen wir ab und an aber noch ältere Sachen, also zum Beispiel “To Awake And Avenge The Dead” vom zweiten Album. “Deadbolt” war auch Dauergast der Setlists, aber der hat gerade Pause. Wir haben den zehn Jahre hindurch auf jeder einzelnen Show gespielt, jetzt reicht's.

Gibt es denn viele Fans von früher, die immer noch zu euch halten? Oder habt ihr festgestellt, dass sich euer Publikum inzwischen verändert hat?

Dustin: Was mich sehr freut, ist, dass es viele Fans gibt, die sich mit der Band zusammen weiterentwickelt haben. Neue kommen zwar auch noch hinzu, aber weniger, als wir das gern hätten. Das liegt wohl auch daran, dass uns viele damals einen Genre-Stempel verpasst und uns vielleicht sogar abgeschrieben haben. So kommt es dazu, dass viele Menschen, die “Beggars” oder “Alchemy” lieben würden, es gar nicht erst hören. Und das ist eine unserer größten Frustrationen als Band: Wir könnten mehr Interessierte erreichen, als wir es letztendlich tun. Was da hilft, ist Mund-zu-Mund-Propaganda, da diese solche Strukturen in der Regel aufbricht.

Auf “Beggars” singst du auch anders: In “Circles” säuselst du mit deiner Stimme, während sie im Titeltrack richtig abgekämpft klingt. Ist diese neue Dynamik etwas, was du von “Alchemy” mitgenommen hast?

Dustin: Aus meiner Sicht habe ich mich einfach immer mehr ans Singen gewöhnt und mich zunehmend sicherer gefühlt. Gerade die Arbeit mit Teppei als Produzenten – auch bei meinen beiden Soloalben – hat mir da weiter geholfen. Inzwischen ist mein Ego aus der ganzen Sache verschwunden und wir können den Gesang als Band gezielter und auch variabler einsetzen.

Wo du den Produzentenstuhl gerade erwähnst: Werdet ihr in Zukunft all eure Platten selbst aufnehmen?

Dustin: Nun ja, ein Produzent kostet eine Menge Geld. Aber er ist natürlich hilfreich. Uns war es erst einmal wichtig, die Ebene zu erreichen, auf der wir ein Album selbst produzieren können. Denn dabei lernt man eine Menge. Aber ausschließen, dass wir auch mal wieder mit einem Produzenten zusammenarbeiten werden, möchte ich nicht. Es ist manchmal wertvoll, eine fünfte Meinung dabei zu haben. Problematisch wird es nur dann, wenn der Produzent dann versucht, die Sache an sich zu reißen, um seine eigene Vision durchzusetzen.

Ich finde, von diesem künstlerischen Standpunkt heraus kann man euch gut mit einer Band wie Radiohead vergleichen, da auch ihr einen sehr eigenen, eigenwilligen Stil habt, gleichzeitig aber auch ein Publikum erreicht.

Dustin: Wie Radiohead ihre Karriere gestaltet haben, dazu kann man nur aufblicken. Und da hast du Recht, denn am Selbstbewusstsein von Radiohead haben wir uns des Öfteren auch orientiert. Witzigerweise ist es kollektiv auch unsere Lieblingsband. Sie sind sich stets treu geblieben, sind keine Kompromisse eingegangen und die Kunst kam bei ihnen immer zuerst. Und das ist nicht selbstverständlich, denn Musik kann sehr schnell zu einem Produkt verkommen, wenn man als Künstler nicht aufpasst.

“Alchemy” war ähnlich konsequent und sicherlich ein kommerzielles Risiko. Euer Label....

Dustin: ...hat uns sogar rausgeschmissen, ja. Darauf hatten wir nicht unbedingt gehofft.

Löste das Resignation aus oder habt ihr auf diese Weise eine neue Art von Freiheit entdeckt?

Dustin: Es ist zwar nicht so, dass uns Island damals wirklich in den künstlerischen Prozess herein redete, aber als wir auf uns allein gestellt waren, floss die Kreativität auf jeden Fall freier. Wir taten dann einfach, was wir wollten, ohne an Außenfaktoren denken zu müssen. So schlimm war es, wie gesagt, auch nicht bei Island. Aber ich denke, unterbewusst geht man einfach anders an die Musik heran, wenn man weiß, dass einem ein Label über die Schulter schaut.

Kommen wir mal zum neuen Album “Beggars”. Wie auch in der Vergangenheit sind deine Songtexte wieder mit sehr vielen literarischen Referenzen vollgepackt, wie zum Beispiel dem Titel “Doublespeak”. Spielt er auf “1984” von George Orwell an?

Dustin: Ja, das tut er. Ich lese sehr viel und mache mir dazu meine Gedanken, das schlägt sich dann ganz automatisch auf meine Songtexte nieder. Und “1984” ist vielleicht das furchterregendste Buch, das ich je gelesen habe. Allein die Idee, Gedanken durch Sprache kontrollieren zu können, ist sehr interessant.

Zu einem anderen Text: Auf eurer Homepage habt ihr Fans per Voting entscheiden lassen, zu welchem Song auf “Beggars” ein Video gedreht wird und sie haben sich für “In Exile” entschieden. Das Video zeigt nun Thrice – auf der Bühne, auf der Straße und zu Hause. Der Songtext bedient sich des Bildes eines Pilgers, der in die Welt hinaus geht, sich immer wieder niederlässt, aber nie eine Heimat findet. Beschreibst du mit dem Text, wie ihr euch als Band fühlt?

Dustin: Auf einer zweiten Ebene funktioniert der Text so, durchaus. Für mich geht es eher um ein Gefühl: Es gibt etwas jenseits von dem, was wir sehen und fühlen können und deshalb sind wir nie wirklich “zu Hause”. Es ist der Gedanke, dass Begehren nur Sinn machen, weil gleichzeitig ihre Erfüllung existiert. Aber es gibt Begehren, für die gibt es in dieser Welt keine Erfüllung. Weil die Erfüllung aber da sein muss, kann es sie nur in einer anderen Welt geben. Der Gedanke stammt von C.S. Lewis (christlicher Apologetiker und Schriftsteller, u.A.: “Die Chroniken von Narnia”, Anm.d. Verf.). Von ihm bin ich ohnehin stark inspiriert. Das liegt auch daran, dass ich Christ bin.

Sind die Texte auf “Beggars” für dich anders als auf früheren Platten? Bis zu “Beggars” war ein wesentliches Thema deiner Texte stets die Identität...

Dustin: Ich denke, das kann ich selbst erst mit etwas Abstand beurteilen. Wenn ich an all unsere Platten denke, war ich zum Zeitpunkt jedes Albums immer ein anderer Mensch. Was sich geändert hat, ist, dass inzwischen auch der Song meinen Text beeinflusst. Früher habe ich beides isoliert betrachtet. Außerdem sind meine Inspirationsquellen weitreichender geworden. Der Song “Beggars” zum Beispiel basiert auf den letzten geschriebenen Worten Martin Luthers: “Wir sind Bettler, das ist wahr!”. Der Song fasst auch noch einmal die vielen Gedanken auf dem Album zusammen. Grob gesagt: das, was man hat, auch wenn es wenig ist, als Geschenk zu betrachten.

Was könnte denn das nächste Album inspirieren? Oder mit anderen Worten: Was liest du gerade?

Dustin:
Gerade bin ich das dritte Mal dabei, der “Herr der Ringe” zu lesen. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies die besten Romane sind, die je geschrieben wurden. Die Filme sind ganz gut, aber die Bücher sind so...reinigend. Das liebe ich daran. Und dann lese ich noch “Death In The City” von Francis Schaeffer.

Und musikalisch? Ich habe Äußerungen von dir gelesen, dass die nächste Platte wieder härter wird?

Dustin: Es kann sein, dass ich so etwas gesagt habe. Okay, hiermit lege ich mich fest: “Ich denke, dass das sein könnte.” (grinst). Ich will mich da jetzt nicht explizit äußern, weil es dann von allen Seiten gleich heißt: “Oh, jetzt kommt eine Metal-Platte”. Mit dem Schreiben fangen wir an, sobald wir wieder daheim sind. Also in einer Woche. Ich freue mich schon darauf.

Vielen Dank für das Interview!

Photo: Pressefreigabe FKP Scorpio

Gordon Barnard

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