Interview

The National


The National Cure Cancer! The National Win World Series! Okay – ganz so over-the-top sind die Schlagzeilen, die The National machen, dann doch noch nicht. Dennoch ist The National mit "High Violet" ein Album gelungen, das nicht nur als heißester Anwärter auf den diesjährigen Album-des-Jahres-Titel gelten dürfte, sondern der Band auch endlich den Ruhm beschert, den sie verdient. Dies haben wir im Vorfeld ihres Berlin-Konzerts diskutiert – mit Sänger Matt Berninger und einem gerne dazwischenalbernden Brian Devendorf.

Hallo Matt! Wie du dir vielleicht gedacht hast, möchte ich gerne mit dir über „High Violet“ reden. Als ich zur Vorbereitung auf unser Gespräch andere Interviews mit euch gelesen habe, bin ich immer wieder auf die Aussage gestoßen, dass ihr nicht wolltet, dass „High Violet“ wie „Boxer“ klänge. Das muss euch sehr wichtig gewesen sein.

Matt Berninger: Wir, wie viele andere Bands auch, haben immer die Absicht, Neues auszuprobieren. Wir wussten natürlich, dass wir bis zu einem gewissen Grade wieder nach uns klingen würden und das wollten wir auch nicht vermeiden. Ich wollte aber auf keinen Fall eine ruhige Platte machen, sondern eine, die mehr „fun“ ist als alle unsere Alben zuvor. Ich denke, das zumindest haben wir getan. Unser aller Ziel war eine laute, kathartische Platte, während „Boxer“ eher verhalten und schön war. „Boxer“ hat im Allgemeinen mehr Spannung aufgebaut, jetzt wollten wir uns austoben und diese Spannung entladen. Wir wollten die alte Version unserer selbst entsorgen.

Ich persönlich würde vielleicht nicht gerade das Wort „fun“ benutzen, um das Album zu beschreiben...

Matt: Naja, es ist nicht fröhlich – auch wenn ich ein fröhlicher Mensch bin, ich war tatsächlich noch nie glücklicher als momentan. Ich denke aber, dass es spaßig ist, Themen wie Unsicherheit oder Sorgen über was auch immer zu nehmen, und daraus einen Song wie „Sorrow“ zu machen. Es macht tatsächlich Spaß, sich in solchen Themen zu suhlen und sie zu zelebrieren. Okay, generell gesehen, was das Erscheinungsbild oder die Musik angeht, sind wir wohl schon sehr viel dunkler als die meisten anderen Bands. Das ist aber nie explizit unser Ziel oder unsere Absicht, eigentlich versuchen wir sogar oft, das zu vermeiden. Für mich ist unsere Musik auch nicht düster, sondern eher kathartisch, was ein großer Unterschied ist. So höre ich die Musik zumindest.

Da du ja eben auch erwähnt hattest, dass ihr eine lautere Platte schreiben wolltet: In dem Sinne ist es ja schon ein ziemliches Statement, „High Violet“ mit einem lärmenden Song wie „Terrible Love“ einzuleiten.

Matt: Die Entscheidung, „Terrible Love“ an den Anfang zu stellen, kam eigentlich erst in letzter Minute. Reihenfolgen zu basteln ist immer knifflig, und viele haben einfach nicht so gut funktioniert. Das war also nicht als aggressive Geste unsererseits gedacht, es klang nur einfach am besten; es fühlte sich spaßig an, das Album mit so einem massiven, Dynamik aufbauenden Stück zu beginnen. „Terrible Love“ spielen wir schon recht lange live. Der Song hat sich dabei auch ziemlich verändert; er ist einer der wenigen, der live weniger chaotisch als auf Platte klingt. Wir wollten nicht noch einmal mit einem Song wie „Fake Empire“ beginnen, weil „High Violet“ eben nicht „Boxer II“ ist.

Es ist ja nicht nur „Terrible Love“, solche verzerrten Loops wie am Anfang von „Little Faith“ beispielsweise kannte man von euch noch gar nicht. Im Internet meinte jemand nicht zu unrecht, dass das beinahe schon an Animal Collective erinnere.

Matt: Vielleicht, ja. Tut's das? Das klang für uns auch wie eine spaßige....Naja, bei diesem Lied haben hauptsächlich Bryce und Brian (Gitarrist und Drummer der Band, Anm. des Autors) herumgealbert. Zu dem Zeitpunkt haben wir wirklich alles auch aufgenommen, und so ist dieser willkürliche Jam dann schließlich auch auf dem Album gelandet, da sie ihn nie wieder besser hinbekommen haben als bei der ersten Aufnahme. Wir hatten ja sowieso nach hässlichen, aggressiven, kaputten Sounds wie diesem gesucht.

Gerade bei dem Song fällt mir auch wieder auf, aus wie vielen Schichten eure Songs bestehen. Man braucht ziemlich viel Zeit, um alle Details zu entdecken. Ich weiß, dass euch die „Grower“-Frage in letzter Zeit ziemlich auf die Nerven ging...

Matt: (lacht) So schlimm würde ich das nicht ausdrücken, aber wir schreiben nie absichtlich Songs, die anfänglich schwer zu mögen sind. Warum auch? Ich weiß auch nicht, wie das genau passiert, und an welcher Stelle – machen irgendwelche Melodien oder Drumbeats einen Song von Anfang an zugänglicher? Muss ja so funktionieren, aber wir haben anscheinend keine Ahnung, wie das geht (lacht). Jemand hat etwas ganz Witziges über „High Violet“ geschrieben: Er habe noch nie ein Album beim ersten Hören so sehr gehasst wie „High Violet“, würde es nun, 3-4 Tage später, aber lieben. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass viele das Album als sehr komplex empfinden, da wir wirklich viel Zeit – mehr als je zuvor – investiert haben, um die ganzen Details und auch einzelne spontane, hässliche Sounds zu verweben.

Gemessen an der hohen Detailverliebtheit, die du gerade geschildert hast, finde ich es schon witzig, dass die größte deutsche Boulevardzeitung, die BILD, „High Violet“ Fans von Coldplay und Snow Patrol empfohlen hat.

Matt: Okay. Hey, würde ich auch! Ich würd's Fans jeder Band empfehlen! Ich bin auch ein großer Fan von Coldplay, insofern, und...whatever. Natürlich unterscheidet sich unser Album in vielen Aspekten von Coldplay, aber ich bin schon damit zufrieden, wenn so etwas gesagt wird.

Hmm? Für mich klang es immer so, als würdest du Coldplay gar nicht mögen.

Matt: Nein....Das könnte Bryan gewesen sein. Ich liebe Coldplay, Scott liebt Coldplay.... (ruft zu Bryan rüber)Du bist kein Coldplay-Fan, oder?

Bryan: Wer fragt? Ist Chris Martin dran, ist ein Platz in der Band für mich frei? (allgemeines Gelächter)

Matt: Ernsthaft, wir sind nicht zu snobbig für Coldplay. Ich mag Musik, die so furchtlos nach etwas strebt....was auch immer das sein mag, und Coldplay tun das ja auch, so wie sie sich kopfüber in die emotionale Dramatik stürzen. Ihr Stil ist schon anders, aber ich mag Bands, die keine Angst davor haben, aufrichtig zu sein.

Coldplay sind schon etwas hausfrauentauglicher.

Matt: Die Faktoren, weswegen manche Songs für viele Leute zugänglicher sind als andere, sind aber auch schwer zu bestimmen. Vielleicht sind experimentelle Sounds zu Beginn schwerer zu mögen, aber ansonsten ist es eine Frage der Perspektive. Chinesischer Pop ist für Chinesen sicher noch zugänglicher als Coldplay. Menschen bauen nun einmal auf andere Art und Weise ihren persönlichen Geschmack auf.

Um noch einmal auf den BILD-Artikel zurückzukommen: Ihr wärt für die BILD sicher nicht relevant, wenn ihr es nicht auch mittlerweile für eine breite Masse wärt, und je verbreiteter eine Band im Mainstream ist, desto mehr Leute gibt es ja auch, die die Band nur nebenbei hören, beispielsweise beim Abwaschen oder Bügeln. Ist so etwas nicht verstörend, wenn man so viel Arbeit in die Musik und die Details steckt?

Matt: Solange unsere Musik Menschen gefällt, ist das toll, egal, ob sie dabei abwaschen oder nicht. Wir haben sehr lange sehr hart gearbeitet, um auf dem Radar zu landen, was nun zu passieren scheint. Wir sind einfach froh, dass die Leute mittlerweile von uns hören und über uns reden, weil das so lange nicht der Fall gewesen ist. Je mehr Hausfrauen über uns reden und unsere Platte kaufen, desto schöner.

War es denn von Anfang an eine Art unterschwelliger Masterplan von euch, auf dem „Radar zu landen“?

Matt: Das ist wohl für jede Band unmöglich. Man kann nie vorhersagen, was Leuten gefallen wird, wenn man nicht gerade Fernsehsendungen erdenkt oder so. Dort gibt es durchaus gewisse Formeln, was Menschen gefällt, diese ändern sich aber in der Musik so schnell, dass man mit einer strategischen Herangehensweise nichts erreichen würde. Uns selbst zufrieden zu stellen, ist schwer genug, da probieren wir gar nicht erst, es einem wirklich großen Publikum recht zu machen. Wir denken einfach, dass auch andere Leute unsere Musik lieben werden, wenn wir sie lieben – das ist unsere Strategie.

Viele Bands probieren ja auch einfach, alte Erfolge zu wiederholen.

Matt: Ich glaube, dass es schon früh eine unserer Stärken war, das nicht zu tun. Die „Alligator“-Songs beispielsweise, zu denen andere am ehesten Verbindungen geknüpft haben, waren wohl „Mr. November“ und „Abel“, vielleicht „Secret Meeting“ und „Lit Up“. Die erfreuten sich der größten Aufmerksamkeit und waren sicher auch gute Songs, aber nicht unbedingt unsere besten, nicht einmal auf der Platte. Manche Trademarks dieser Platte haben wir daher absichtlich vermieden, ich wollte zum Beispiel auch nicht immer schreien müssen, damit unsere Band nicht auf ewig die mit dem „screaming guy“ sein würde. Da „Boxer“ dann auch viel erfolgreicher war, war es wohl eine sehr gute Idee, uns nicht wiederholen zu wollen. Danach konnten wir dann tun, was wir wollten, ohne bereits in einer Schublade zu stecken. Niemand wusste, wie „High Violet“ werden würde, bis das Album erschien, und wir selber wollten es eigentlich auch nicht wissen, bis die Platte fertig war. Daher waren wir in einer sehr vorteilhaften Position, gerade weil wir keine alten Erfolge wiederholen wollten.

Eine letzte Frage noch, da ihr eben mittlerweile auch auf dem „Radar“ seid und ich den Zeitungsartikel erwähnt hatte: Welche Schlagzeile würdet ihr gerne über The National lesen?

Bryan: (ruft rein) The National make a billion.

Matt: The National get rich (lacht). Nein, ernsthaft, keine Ahnung.

Bryan: (in einem weiteren Anflug von Kreativität) The National cures cancer.

Matt: Sexiest band alive!

Bryan: (immer noch nicht am Ende) The National win World Series.

Matt: Also, wir haben schon ein tolles Echo in der Presse bekommen, da möchte ich nichts herausfordern. Ich habe auch schon richtig übertriebene Artikel gelesen, die aber lustig zu lesen waren. Ein paar überschwängliche Rezensionen von Menschen, die in Tränen ausgebrochen wären und losgeschluchzt hätten, als sie „High Violet“ hörten. Das ist toll, aber wir lachen darüber, weil es so melodramatisch ist. Viele werden richtig leidenschaftlich, und das ist super – das sind wir ja auch. Das macht Musik eben manchmal, und wenn Leute so reagieren, ist das schon ein sehr befriedigendes und bestätigendes Gefühl.

Jan Martens

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