Rezension

The National

Boxer


Highlights: Fake Empire // Mistaken For Strangers // Guest Room // Racing Like A Pro // Ada
Genre: Indie
Sounds Like: Tindersticks // Nick Cave & The Bad Seeds // American Music Club

VÖ: 18.05.2007

The National wollten nie berühmt werden. Dafür haben sie alleine mir ihrem selbstgewählten Bandnamen gesorgt. Wer nach ihnen googelt, wird schnell aufgeben müssen. Nun ist aber mit dem letzten Album „Alligator“ etwas passiert. Manchmal kommt es vor, dass eine Band trotz fehlender Promotion eben doch plötzlich überall in aller Munde ist. Zum Beispiel dann, wenn die Songs einfach zu gut sind, wenn auch der völlig Ahnungslose merkt, dass da was besonderes geschieht. Kritiker überschlugen sich vor Begeisterung, die kleinen Clubgigs waren im Nu ausverkauft. Und das alles mit einer Musik, die wohl nie auch nur ansatzweise mit dem bösen Wort Hype in Verbindung gebracht werden dürfte.

Die Band hat ihren zunehmenden Erfolg erkannt und das einzig Richtige gemacht: Sich zurückgezogen. The National wussten, dass das nächste Album darüber entscheiden wird, in welchen Dimensionen man auf absehbare Zeit spielen wird. Jetzt ein übereiltes Album aufnehmen, nur um schnell nachzulegen, wäre ein Schuß ins eigene Bein gewesen. Und so ließ man gut zwei Jahre verstreichen. Die Aufregung hat sich mittlerweile gelegt, doch die Erwartungen sind geblieben. Erwartungen, welche die Band vor allen Dingen an sich selbst hat, denn nur so konnte ein Album wie „Boxer“ überhaupt entstehen.

Der Whiskeygeruch, der auf „Alligator“ förmlich aus allen Poren gedrungen ist, ist einem kräftig trockenen Roten gewichen. The National trauen sich hinaus aus dem dunklen und stickigen Pub und stellen sich, wie auf dem Cover abgebildet, selbstbewusst auf die Konzertbühne. Vorerst zwar weiterhin nur im kleinen Rahmen, aber das wird sich schnell ändern. Dafür hat nicht zuletzt Interpol-Produzent Peter Katis gesorgt. Der hat die etwas rauhe Hülle von The National nämlich glatt geschliffen, so dass ihre Musik nun in vollem Glanz erstrahlen kann.

Das Klavier erklingt und der Prophet betritt das Parkett. Matt Berninger weiß, dass er wohl zu den besten Textern seiner Zeit gehört und jedes seiner Worte geht runter wie Honig. Man ist ihm und seiner Band bereits verfallen, bevor sich „Fake Empire“ schließlich mit allerhand Bläsern majestätisch über alle möglichen Zweifel erhebt. „Mistaken For Strangers“ setzt sogleich an der Nahtstelle an und liefert mit heruntergestimmten Gitarren und interpolesken Melodien einen düsteren Schwarzmaler. Was bereits nach diesen zwei Songs auffällt, ist die dichtere und ausgiebigere Instrumentierung. Wo auf den Vorgängern oftmals nur eine einzelne Geige zu hören war, ist es diesmal häufig gleich ein ganzes Streicherorchester. Überladen klingt da aber weiß Gott nichts. Dafür scheinen die alten Stärken einfach zu sehr durch.

Alleine dieses holpernde Schlagzeug. Man wundert sich ständig – eigentlich so simpel, aber es klingt kein Zweiter wie Bryan Devendorf. Auch die Gitarrenlinien der Dessner Brüder sind alles andere als kompliziert, aber dennoch passen sie immer perfekt ins Harmoniebild. Dadurch entstehen eben Songs wie „Brainy“ oder „Guest Room“, die durch ihre Schlichtheit einfach nur noch entwaffnend schön sind. Das Piano stellt auf „Boxer“ aber tatsächlich DAS neuentdeckte Instrument der Band dar. Selbst Sufjan Stevens lässt es sich nicht nehmen, bei „Racing Like A Pro“ und „Ada“ die Tasten zu bedienen, womit er sich auch gleich auf zwei der besten Songs der Bandgeschichte verewigt hat. Sowieso schwächelt allenfalls der Abschlusstrack „Gospel“ auf einem Album, das noch einmal einen weiteren Schritt nach vorne geht. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Band kurz vor ihrem Meisterwerk steht, es aber noch nicht ganz dahin geschafft hat. Aber guter Rotwein braucht schließlich auch viel Zeit zum Reifen.

Benjamin Köhler

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