Interview

Sam Amidon


Mit "Bright Sunny South" veröffentlichte Folksänger Sam Amidon in diesem Jahr ein fulminantes Album. Grund genug, um uns mit dem sympathischen Wahl-Londoner auf dem diesjährigen Haldern Pop Festival etwas darüber zu unterhalten.

Als ich deine Musik vor ein paar Jahren das erste Mal gehört habe, dachte ich, dass du ein alter Mann wärst.

Sam Amidon: (lacht) Danke, das empfinde ich als Kompliment. Es muss wohl an meiner Stimme liegen, denn das habe ich schon einmal gehört. Aber wie gesagt, ich freue mich über diesen Vergleich.

Neben der Stimme ist es aber vor allem auch die Auswahl der Songs, wie sie auf deinem neuen Album "Bright Sunny South" wieder zu finden sind. Du hast über dieses Album gesagt, dass es ein sehr einsames Album sei. Wenn ich mir aber all die darauf enthaltenen Kollaborationen und Features anschaue, verstehe ich nicht ganz, was du mit "einsam" meinst.

Sam: Ich bin froh, dass du es nicht verstehst. Denn als ich das damals sagte, habe ich es sehr vereinfacht ausgedrückt. Was ich meinte war, dass sich die Stimmen der Songs, die Erzähler dieser Lieder, wer auch immer diese geheimnisvollen Personen sind, alleine fühlen. Ich selbst habe während der Aufnahmen mit meinen Freunden Musik gemacht, habe mich also alles andere als allein gefühlt, aber der Geist und die Stimmung dieser Songs sind einsam. Bei meinen anderen Alben war es dagegen eine Vielzahl unterschiedlichster Stimmungen, doch dieses Mal war diese Art der Stimmung im Vordergrund.

War es dann nicht schwierig für dich, diese einsamen Stimmungen und Gefühle in die Songs zu packen, wenn du dich selbst gar nicht einsam gefühlt hast?

Sam: Ich bin natürlich in meiner Vergangenheit schon einsam gewesen und konnte mich so in gewisser Weise an diese Stimmungen erinnern und diese Gefühle abrufen. Wenn ich diese alten Folksongs singe, dann tauche ich immer in den vorherrschenden Raum ein. Daher singe ich auch solche Lieder, sie geben mir die Möglichkeit, in unterschiedlichste Sphären einzutreten und dadurch lerne ich, wie sich diese verschiedenen Gegebenheiten anfühlen.

Heißt das, dass du in diesen unterschiedlichen Sphären auch die jeweiligen Emotionen selbst fühlst, oder bist du da eher außen vor?

Sam: Nein, es ist nicht unbedingt notwendig, dass man diese Gefühle in dem Moment selbst fühlt, sondern wichtig ist, dass man sie in die jeweiligen Songs packen kann. Man darf das alles nicht zu sehr empfinden, sonst bleibt am Ende nichts mehr an Gefühlen für einen selbst übrig. Es gibt eine berühmte Folksängerin namens Almeda Riddle, und sie sagte einmal, dass man selbst hinter den jeweiligen Song dringen müsse. Und das versuche ich.

Auf "Bright Sunny South" sind unter anderem auch Stücke von Mariah Carey und Tim McGraw vertreten. Wie suchst du eigentlich deine Songs aus?

Sam: Ich suche sie auf die gleiche Weise aus, wie ich das auch bei den Folksongs mache. Der einzige Weg, wie ich Lieder aussuche, um sie zu singen oder sie auf meine Weise musikalisch zu interpretieren, ist, wenn sich Musik und Melodie für mich auf der einen Seite geheimnisvoll und mysteriös anfühlen, aber sich gleichzeitig auch tröstlich und altmodisch anhören. Und oft finde ich das in Folksongs, weil ich diese Musik sehr liebe und sie deshalb sehr oft höre. Aber manchmal eben auch in anderen Liedern.

Haben dir die beiden schon ein Feedback gegeben für deine Interpretation ihrer Stücke?

Sam: Nein, bisher noch nicht. Vielleicht kannst du sie ja mal fragen (lacht). Jemand hat mir mal gesagt, dass R. Kelly meinen Song gehört haben soll, aber ich weiß nicht, ob das stimmt. Das ist also jetzt dein Job, da nachzuhaken.

Du hast auch einen Song deiner Eltern gecovert.

Sam: Ja, im Grunde klaue ich die ganze Zeit Songs meiner Eltern, denn meine Eltern sind großartige Folksänger. Und viele Songs meiner Alben habe ich angepasst an Stücke, die die beiden singen. Auf diesem Album habe ich das Stück "Weeping Mary" gecovert, eine richtige amerikanische Folkhymne, die die beiden auf dem 70er-Album "Word Of Mouth Chorus" gesungen haben. Ein wirklich tolles Album.

Sind die beiden denn mit deiner Version von "Weeping Mary" zufrieden?

Sam: (lacht) Ja, glücklicherweise unterstützen mich die beiden sehr bei meiner Musik.

Gab es in deiner Jugend auch mal eine Phase, wo du gegen die Musik deiner Eltern rebelliert hast? So etwas kommt ja schließlich in den besten Familien vor.

Sam: Damals war ich ein richtiger Jazz-Nerd. Das war das einzige, in dem wir uns unterschieden haben. Aber sonst waren meine Eltern immer sehr an der Musik interessiert, die ich hörte. Ich habe vielleicht auf andere Weise rebelliert, aber Musik war immer die Sprache, mit der wir kommuniziert haben. Einmal habe ich als Junge die Nirvana-Platte "Unplugged in New York" gekauft und sie mit nach Hause genommen. Der letzte Song auf diesem Album, "Where Did You Sleep Last Night" ist ja im Original von Leadbelly und meine Mum singt ebenfalls diesen Song und war aufgrund der vielen darin enthaltenen Folkelemente total entzückt.

Du warst vor drei Jahren ja schon einmal hier auf dem Haldern im Rahmen der Whale Watching Tour, zusammen mit Ben Frost, Nico Muhly und Valgeir Sigurðsson. Jetzt bist du zum ersten Mal als Solokünstler hier. Was denkst du, ist der größte Unterschied zwischen dem Sam Amidon damals und dem von heute?

Sam: Oh, da gibt es viel. Ich bin in der Zeit Vater geworden, wohne jetzt in London und habe "Bright Sunny South" aufgenommen.

Um vielleicht hierbei nochmals auf deine erste Frage zurückzukommen bezüglich der Einsamkeit dieses Albums: Also die Musik des Albums entstand über einen sehr, sehr langen Zeitraum und eine lange persönliche Phase des Reisens, des Suchens und der Verwunderung. Und es gibt einen Satz, den ich über das Album geschrieben habe, der besagt, dass das Album wie ein Garten unterschiedlichster Fragmente ist. Jeder Klang des Albums, sämtliche Lyrics und Melodien sind wie ein Talisman mit einer inneren Bedeutung. Und das trifft es absolut. Auf der einen Seite haben wir das Album live aufgenommen, und vieles davon quasi erst im Aufnahmestudio entdeckt, aber auf der anderen Seite beziehen sich viele musikalische Elemente des Albums auf Orte von großer persönlicher Bedeutung, Dinge, die sich auf meine Reisen und Erkenntnisse der letzten Jahre beziehen.

Und wie hat sich, abgesehen davon, die Tatsache, dass du es nicht in Island aufgenommen hast, auf das Album ausgewirkt?

Sam: Das war eine große Änderung für mich, denn die letzten beiden Alben habe ich ja in Island aufgenommen. Aber ich habe einfach eine Veränderung gebraucht, obwohl ich dort sehr gerne war. Und ich werde sicher auch wieder dorthin zurückkehren.

Was mich am Ende noch interessieren würde: Als ich dich letztes Jahr als Support für Bon Iver live gesehen habe, musste ich, glaube ich, während deines Konzerts fünfmal den Platz wechseln, weil den Menschen dort dein Auftritt völlig egal war und sie einfach permanent redeten. Registrierst du so ein ignorantes Verhalten während deines Auftritts überhaupt?

Sam: Ich registriere vor allem so Leute wie dich, die wirklich an meiner Musik interessiert sind und das macht mich glücklich und ermutigt mich auch. Aber das Gerede der Menschen merke ich natürlich auch. Zum Glück passiert das bei meinen eigenen Konzerten eher selten, aber wenn man eine Show eröffnet, ist das leider nun mal so. Die Leute kommen nicht wegen dir, sie kommen wegen Bon Iver. Aber ich sehe so etwas eher als Herausforderung, ich kämpfe um das Publikum und versuche, mit meiner Musik ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Abgesehen davon habe ich wirklich tolle Erinnerungen an diese Tour, Justin Vernon und alle anderen haben mich großartig unterstützt und mir immer bei meinen Shows zugehört. Und ich weiß, wie schwierig es ist, der Vorband jedes Mal zuzuhören, ich schaffe es ja selbst nicht immer.

Ich hoffe, dass du heute Abend die Aufmerksamkeit bekommst, die du verdienst.

Benjamin Schneider

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Rezension zu "Lily-O" (2014)
Rezension zu "Bright Sunny South" (2013)
Rezension zu "I See The Sign" (2010)

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