Rezension

Tunng

Dead Club


Highlights: Death Is The New Sex // SDC // The Last Day
Genre: Folktronica // Indie-Pop
Sounds Like: Four Tet // The Beta Band // Diagrams

VÖ: 06.11.2020

In der Zeit um die Veröffentlichung des letzten Tunng-Albums „Songs You Make At Night“ liest Sam Genders ein Buch, Max Porters „Grief Is The Thing With Feathers“. Es geht um Tod, Trauer, die letzten Momente der Sterbenden, den Verlust der Zurückgebliebenen, das Sprechen und Schweigen über das Lebensende. Er reicht das Buch in der Band herum. Aus den aufgeworfenen Fragen entwickelt sich eine Idee, nicht nur für ein Album, sondern ein multimediales Projekt. „Dead Club“ ist Musik, Podcast, Zine, Illustration und Animation.

Statt es bei Allgemeinheiten zu belassen, werden Tunng sehr konkret: Es geht um kannibalistische Bestattungsbräuche der Wari aus Brasilien, Treffen zur Trauerbewältigung im Death Café in Sheffield oder das ritualisierte Ausräumen der Wohnung von Verstorbenen in Schweden. Gerade die achtteilige Podcast-Reihe nimmt dabei eine zentrale Stellung ein. In Gesprächen mit einer Anthropologin, einem Philosophen, einer Palliativpflegerin und anderen entsteht ein facettenreiches Bild vom Tod. Wie Spoken-Word-Passagen näht die Band Ausschnitte aus den Interviews in die Songs ein, mal als Intro, mal als Bridge oder – wie im Fall von „The Last Day“ – sogar als Teil des Beats.

Tunng erfinden sich auf „Dead Club“ nicht neu. Wie zu erwarten war, ist das Album fest im Folktronica verwurzelt, trotz des Themas überraschend warm und voller Spielereien. Beginnend mit dem mechanisch-melancholischen Opener „Eating The Dead“ baut sich von Track zu Track ein eigener Rhythmus auf, wie ein Blasebalg hebt und senkt sich das Tempo. Die erste Hälfte ist die stärkere: Treibende, fast tanzbare Lieder wie „Death Is The New Sex“ oder eben „The Last Day“, das zurückhaltende „SDC“ und das schaurige „Three Birds“ gehören zu den besten in Tunngs Diskografie, bevor ihnen mit überernsten Klavierballaden wie „Tsunami“ und „Scared To Death“ die Luft ausgeht. Von den Kollaborationen mit Autor Max Porter, zwei spärlich untermalten Kurzgeschichten, funktioniert „Woman“ als Outro deutlich besser als das unmotiviert eingefügte „Man“.

Offen und häufig humorvoll beleuchtet „Dead Club“ den Tod und zeigt, wie weit er in das Leben, die Gesellschaft und unsere Kultur hineinwirkt. Das Album findet in den Grenzen des typischen Tunng-Sounds zwar neue Impulse, ist als Puzzleteil des Gesamtprojekts aber interessanter denn als reine Liedersammlung.

Marc Grimmer

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Video zu "A Million Colours"
Video zu "Death Is The New Sex"

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