Rezension

The Hirsch Effekt

Kollaps


Highlights: Kris // Deklaration // Agera
Genre: Progressive Metal // Mathcore // Post-Rock
Sounds Like: The Fall of Troy // The Dillinger Escape Plan

VÖ: 08.05.2020

„Wie ich auf euch wirke / ist mir einerlei / Ob ich euch gefalle / geht an mir vorbei“, sind nur ein paar der Worte, die The Hirsch Effekt der Klimaaktivistin Greta Thunberg in den Mund legen. Die Schwedin ist so etwas wie die Protagonistin des neuen Albums der Hannoveraner: Sie fungiert als Personifikation einer neuen Protestbewegung und ihre Warnungen vor dem drohenden Zusammenbruch angesichts der Klimakrise ziehen sich als roter Faden durch „Kollaps“. Die Zeilen könnte man mit Blick auf die bisherige Diskografie natürlich auch als Selbstbeschreibung einer Band lesen, die nie im Verdacht stand, ihre Mischung aus Prog Metal, Mathcore und allerlei Genrespielereien dem Mainstream anzupassen.

Doch so ganz stimmt das nicht mehr. Der Vorgänger „Eskapist“ erlaubte sich bereits Pop-Anleihen, stellte ihnen jedoch eine wütende Heftigkeit entgegen, die nur wenig mehr Zugänglichkeit als bisher zuließ. „Kollaps“ aber dreht den Prog-Regler weiter von Technik Richtung Melodie und in die Gegend von Kollegen wie The Fall of Troy oder Leprous. Die Breaks fließen deutlich weicher und selbst wenn es, wie auf „Deklaration“ oder „Allmende“, hart zur Sache geht, bleiben die Songs homogener, als man es gewohnt war. Vielleicht ist es dem zugrunde liegenden Thema geschuldet, dass The Hirsch Effekt ihm mit einer gewissen Melancholie begegnen, die auch zu weniger Sprunghaftigkeit im Songwriting führt.

Das könnte Fans abschrecken, sollte es im Großen und Ganzen aber nicht. Der Sound bleibt weiterhin ideenreich. Schon der Opener „Kris“ beginnt mit einem einprägsamen Tontopf-Sample, dass sich als groovender Beat durch den Song über die einsamen Anfänge von Fridays for Future zieht, als Greta nur mit „ein[em] Schild und ein[em] Plan“ vor dem schwedischen Parlament saß. Auf dem schon erwähnten „Deklaration“ ist neben verärgert hingerotzten Thunberg-Zitaten von der UN-Klimakonferenz 2018 auch noch Platz für Meshuggah-Rhythmen. Das an die leider aufgelösten Adolar erinnernde „Domstol“ ist Zukunftsvision und Rückblick zugleich und verhandelt als Dialog zwischen einem alternden Jubilar und seinen neugierigen Nachkommen die Untätigkeit der Jetztzeit. Die blinzelnden Indie-Gitarren und der pathos-geladene Gesang entladen sich passenderweise in einem ordentlichen Wutausbruch.

Abschreckender sind da die Ausrutscher: Der Rap-Part auf „Noja“ begann als „Studio-Blödelei“, wie es im Track-by-Track-Kommentar heißt, und hätte es bleiben sollen. Er wirkt unmotiviert eingeschoben und von Rapper Anoki auch lustlos vorgetragen. „Bilen“ bedient sich im Klangkasten der Neuen Deutschen Härte, was wohl den Sarkasmus des Textes über die Autovernarrtheit der Deutschen ironisch untermauern soll. Dass Rammstein das Thema schon vor fünfzehn Jahren in „Benzin“ mit mehr Gefühl für Witz bearbeitet haben, will was heißen.

„Kollaps“ ist weniger zwingend als vorherige Platten, aber trotzdem ein aussagekräftiges Album seiner Zeit. Eine weitere Erinnerung, dass es nicht mehr reicht, nur Absichten zu formulieren und unverbindliche Abkommen zu unterschreiben. The Hirsch Effekt bringen diesen Gedanken im langsam treibenden Closer „Agera“ zwischen Post-Rock und Chorgesang auf den Punkt. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, bis es heißt: „Ein kleiner Schritt rückwärts oder ein letzter überhaupt.“

Marc Grimmer

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