Rezension

The Hirsch Effekt

Holon: Anamnesis


Highlights: Limerent // Ligaphob // Mara // Ira
Genre: Metal // Post-Rock // Hardcore // Emocore
Sounds Like: Between The Buried And Me // The Fall Of Troy // The pAper chAse // Exotic Animal Petting Zoo // Adolar

VÖ: 31.08.2012

Volksmund weiß: Der Ruf eilt stets voraus. Volksmund weiß aber auch: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Beispiel Hannover: Außerhalb von Niedersachsens Hauptstadt hört man nicht viel Gutes über selbige. Underdog, munkelt man. Wer dort aber lebt, wird Zeuge einer Musikandschaft, die gerade gigantische Sätze macht. Nur passend, dass Deutschlands Rock-Platte des Jahres nun mal nicht aus dem hippen Berlin, Hamburg oder München kommt, sondern eben aus der Stadt an der Leine.

Was für den schlechten Ruf gilt, greift auch bei The Hirsch Effekt: Zum Henker mit den ganzen Vorurteilen. Ja, das Trio lernte sich auf einer Musikhochschule kennen. Na und? "Holon: Anamnesis" ist deshalb noch lange kein Muckergewichse. Ganz im Gegenteil: Das Zweitwerk rückt Atmosphären gar noch mehr in den Fokus als das wahnwitzige "Holon: Hiberno". Halb so viele Songs wie auf seinem Vorgänger hat "Holon: Anamnesis" – und gerät so epischer und kohärenter. The Hirsch Effekt zerhacken ihre freigeisternden Stücke nicht mehr in Mosaike, sondern werkeln am pompösen Kirchenfenster.

Stichwort Gotteshäuser: In so einem haben The Hirsch Effekt diesen 66-Minuten-Monolithen aufgenommen. Und wenn am Ende von "Mara" doch tatsächlich ein Chor erklingt, sitzt du praktisch in Ehrfurcht vor der Orgel auf der Gebetsbank. Bis dahin haben diese Bekloppten aber schon den Haken hinter etliche Genres gesetzt. Math-Metal, Post-Rock, Prog-Pop – dieses Ungetüm ist das alles auf einmal. Und zugleich gar nichts davon, weil dieses Monstrum so verflucht eigenwillig und größenwahnsinnig geraten ist.

Dem genialen Intro "Anamnesis" schiebt "Limerent" das griffigste Riff dieser Band bis dato hinterher. Aber denkste: Der Song steigert sich in eine oberbrutale Rage. In "Agitation" ploppen nach einem Labyrinth der Takte urplötzlich Bläser auf. "Ira" gleicht später einem amoklaufenden Fleischwolf, latscht aber nach zweieinhalb Minuten für umwerfende Melodien auf die Bremse. Wie's endet? Klar, mit einer Klavier-Elegie. "Ligaphob" wiederum meidet das Massaker und löst sich im Elektro-Beat auf. Dazu schreit, singt, grunzt Nils Wittrock zerrütete Texte über seine Psyche und Zwischenmenschliches. Was hier abgeht, ist zum Niederknien. Eine Band reißt jegliche Grenzzäune der Musiklandschaft ab. Und ruft das Freigeistertum aus.

Das Debüt von The Hirsch Effekt war unberechenbar. Ist ihr zweites Konzeptalbum jetzt auch. Nur: Ließ sich beim Vorgänger das Blatt noch erahnen, lässt sich dieses Trio nun gar nicht mehr in die Karten schauen. Nicht jeder Song braucht den Ausbruch, nicht jeder die Atempause. Alles geht. Oder wer hätte wohl einen so zahmen Abschluss erwartet, wie er mit "Datorie" glückt? Was für eine Platte. Liebe Hipster, hier ist euer Maßstab. Viel Spaß beim Zähneausbeißen.

Gordon Barnard

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