Rezension

Silversun Pickups

Carnavas


Highlights: Lazy Eye // Dream At Tempo 119 // Little Lover's So Polite
Genre: Alternative // Shoe-Gaze
Sounds Like: Smashing Pumpkins // Dinosaur Jr. // Sonic Youth // Placebo

VÖ: 26.10.2007

Whatever happened to the 90s? Gute Frage. Die Musik der eigenen Jugend bleibt immer unvergessen. Natürlich hat man es als Schulkind nicht einfach, wenn der eigene Musikgeschmack nicht unbedingt dem der Mitschüler entspricht. Anfang der 90er-Jahre war die Musikszene ziemlich kreativ. Da wurde der deutschsprachige HipHop aus der Wiege gehoben, manch einer tanzte zu Techno und EuroDance - und dann gab es natürlich noch die gute, alte Rockmusik, die aber gar nicht so verstaubt klang. Grunge und Alternative eroberten langsam MTV, da waren Nirvana, die frühen (und besten) Platten von The Offspring und Green Day, aber da waren auch Sonic Youth und die Smashing Pumpkins. Beide schufen mit Produzent Butch Vig wegweisende Alben und gerade die Pumpkins um den eigenwilligen Frontmann Billy Corgan sollten nie wieder besser klingen, als eben im vergangenen Jahrzehnt.

Irgendwann kam die Jahrtausendwende, Indie wurde zum Trend, wirklich gute Bands wie die Strokes oder Franz Ferdinand wurden als Helden gefeiert, aber nach langen Nächten saß ich öfters zuhause auf dem Balkon und kramte "Siamese Dream" oder "Mellon Collie And The Infinite Sadness" raus und stellte mir die Frage: Warum gibt es solche Musik heute eigentlich nicht mehr? Corgans Soloplatte war grausam, noch schlimmer als sein kurzlebiges Nebenprojekt Zwan. Sonic Youth hatten hin und wieder ein paar gute Platten, Dinosaur Jr., ebenfalls eine wunderbare Band der späten 80er und frühen 90er, hatten sich aufgelöst, um sich nun aber auch wieder zusammenzufinden.

Anfang des Jahres wurden dann Töne laut, dass eine US-Band ein Debütalbum am Start hat, welches uns Kinder der 80er, Jugendliche der 90er, glücklich machen sollte. Die Silversun Pickups. Einer der ersten Liveauftritte in Deutschland fand im Zelt beim diesjährigen Highfield-Festival statt, irgendwann am Nachmittag, unspektakuläre Zeit, trotzdem war es kuschelig voll. Es hatte auch etwas Magisches, als säße man in einer Art musikalischen Zeitmaschine.

Mehr als ein Jahr nach der Veröffentlichung in den USA hat es "Carnavas" endlich über den großen Teich geschafft. Der Opener "Melatonin" sorgt direkt für ein wohliges Gefühl im Bauch, die Gitarren umgarnen sich ebenso schön wie der gemeinsame Gesang von Frontmann Brian Aubert und Bassistin Nikki Monninger. Danach laute Riffs zu Beginn von "Well Thought Out Twinkles". "Checkered Floor" startet dagegen entspannt wie eine Incubus-Nummer. Immer wieder stapeln sich die Gitarrensounds in ungeahnte Höhen, immer wieder werden sie durch ruhigere Parts eingerissen. Das ist verdammt Old School, das ist verdammt gut. Ein wunderbares Beispiel dafür ist auch der Song "Future Foe Scenarios".

"Lazy Eye" ist der Hit auf "Carnavas", der schon vorab im Sortiment von Indie-DJs für Furore sorgte und er wirkt schon jetzt wie ein alter Bekannter. Erster Gedanke: Hat Brian Molko den Song geschrieben? Hat er nicht. Alle Songs stammen aus der Feder der Band aus Los Angeles, die in den letzten Jahren schon mit dem Black Rebel Motorcycle Club und Two Gallants unterwegs war und es aktuell mit den Kaiser Chiefs ist. Die erste große Headliner-Tour ist vermutlich nur noch eine Frage der Zeit.

So lang die Liste der Referenzen auch ist, die Songs klingen erfrischend unausgelutscht. Und auch wenn "Carnavas" mit 55:55 Minuten erfreulich lang geraten und keiner der elf Titel kürzer als vier Minuten ist, entsteht keine Langeweile. Neben "Lazy Eye" stechen besonders das flotte "Dream At Tempo 119" und "Little Lover's So Polite" hervor, richtige Aussetzer gibt es eigentlich keine. So bleibt am Ende nur ein Dank an die Band: Danke, für die Erinnerung an die Jugend und danke für den Beweis, dass diese Art von Musik auch im 21. Jahrhundert noch wunderbar funktioniert.

Martin Korbach

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