Rezension

Karnivool

Sound Awake


Highlights: Goliath // New Day // All I Know // Change
Genre: Progressive Rock
Sounds Like: Tool // Porcupine Tree // Dredg // Oceansize // Chevelle

VÖ: 05.03.2010

Nichts wäre leichter, als Karnivool einfach nur zu belächeln. Aufmacher der Art „Surferboys spielen Dustermucke“ oder „Australische Jungspunde von Tool adoptiert“ spiegeln genau diese verirrte Grundhaltung, mit der Gegner der Band „Sound Awake“ schon abgestempelt und wegsortiert haben. In einem Punkt liegen diese dann auch nicht falsch: Die Referenzen an die alteingesessenen Progger von Tool sind nicht gerade subtil. Es ist vielmehr so, als hätte man H.P. Baxxter ein Megaphon in die Hand gedrückt und ihn gebeten, den Umstand doch bitte publik zu machen. Nach dem Motto: Offensichtlicher geht’s nicht. Aber mal schnell weg mit dem Bild und umdenken.

So sehr denn auch Gitarrendelays, Takt-Gehacktes und immer wieder der fies kratzende Bass an Tool erinnern mögen: „Sound Awake“ ist anders. Straighter, ja. Zugänglicher, auch das. Wobei: Wer schon mit der zweiten Platte einen über siebzigminütigen Koloss zusammenschustert, der hat erstens einen an der Waffel und zweitens die Manneskraft am rechten Fleck. Man wagt sich also ans große Komponieren und die Hitdichte gibt recht: Besonders den kürzeren Nummern auf „Sound Awake“ hört man die dreijährige Entstehungsphase an. Wie viele hypnotische Melodien sich da im Überhit „All I Know“ aneinander reihen. Oder wie grollende Grooves, biestige Riffs und fast nihilistische Texte sich da zu „Set Fire To The Hive“, dem bockigen Mistvieh des Albums, auftürmen.

Und gäbe Sänger Ian Kenny nicht glegentlich die Linie vor – diese Band hätte im Proberaum vor Spielfreude das Essen vergessen und wäre verhungert. Kenny singt glaskar, ja, schon hymnisch – das aber mit einer Dynamik, die besticht. Erst ohrenschmeichelnd und zerrüttet in „New Day“, in dessen Mitte ein zerstörerischer Gitarrensturm losbricht und das in seinen brillianten Arrangements Prog-Bombast in Übergröße abfeiert. Dann in „Umbra“ wagemutig – dieser Refrain, der will erstmal verstanden werden. Was Karnivool hier und auch anderswo dabei immer wieder an kühler und finsterer Atmosphäre aufbauen, lädt ein zum Absinken, zum Ausharren. Selten treibt es die Band in ihrem Arrangierwahn zu weit.

In der Albummitte lässt „The Medicine Wears Off“ kurz verschnaufen, bis Karnivool den Tellerrand dann endgültig im Rückspiegel verschwinden sehen. Was da hinten raus mit „Deadman“ und dem unfassbaren „Change“ an zwei kühnen Brocken die Platte beschließt, hätte laut Band schon im Studio für rauchende Köpfe gesorgt. Ohnehin: Der Anspruch, hier eine Platte zu schreiben, an der Karnivool selbst noch zu knacken haben, bescheinigt schon, dass das hier eigenwillige und komplexe Kost ist, die erst einmal verdaut werden will. Erst einmal warm geworden, bitten die NuRock-Kids die alten Prog-Monsieurs auf dieser Hochzeit zu hymnischen Refrains und bewusstseinserweiternden Gitarren glatt zum Tanz. Haben das Tool geschafft? Die Kopflastigkeit verhindert's. Kein Grund zum Lächeln also.

Gordon Barnard

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