Rezension

Future Islands

In Evening Air


Highlights: Long Flight // An Apology // As I Fall
Genre: Synthpop
Sounds Like: New Order // The Postal Service // Dan Deacon

VÖ: 14.05.2010

Natürlich lassen sich keine real existierenden Koordinaten von Wham City über Google Earth ausfindig machen, schließlich bezeichnet der Name nicht eine geographische Hipsterhochburg mit schrägem “Last Christmas”-Verweis, sondern ein gedankenverwandtes Künstlerkollektiv aus Baltimore, Maryland, welches kreative und unkonventionelle elektronische Musiker wie Dan Deacon, Adventure, Videohippoes und eben auch die Future Islands vereint. Dass Wham City bloß ein rein fiktionaler Fluchtort ist, beruhigt beim Anhören der bisherigen Veröffentlichungen, würde die National Guard doch sonst schnellstmöglich einziehen, um der hier grassierenden akustischen Anarchie Einhalt zu gebieten. Natürlich ist eine Traumstadt wie Wham City ein Ort ohne spießige Erwachsene, graue Anzüge, Protzkarossen und verpflichtende Termine. Stattdessen erhalten hier nur diejenigen eine Aufenthaltsgenehmigung, bei denen das innere Kind nicht die kritische Altersgrenze von 10 Jahren überschreitet: die, welche jederzeit ein Plastikinstrument der Playskool-Magic-Reihe einer wirklichen Fender-Gitarre vorziehen und Graffitis nicht als Teil grimmiger Gangkultur, sondern als knallige Verschönerung urbaner Tristesse bewundern.

Doch kein noch so paradiesischer Gesellschaftsentwurf kann vollständig auf seine Dissidenten und Regenwetterapostel verzichten. In Wham City würde den Future Islands diese Rolle zufallen: In schwarzen “New Order”-Shirts würden sie kettenrauchend auf der Picknickbank am Rande des prächtigen Stadtspielplatzes hocken, um gleichzeitig voller Eifersucht und Ekel die schrillen und vor Freude quiekenden Kinder apathisch anzustarren. Dabei unterscheidet sich die Instrumentierung der Band selbst nicht grundlegend von der ihrer Mitstreiter: Wabernde Synthesizer, simple, stampfende Beats und schnörkellose Gitarrenuntermalungen geben auch hier den schiefen Ton an und zitieren mit ihrem Retroklang die einschlägigen New-Wave-Pioniere.

Was die Future Islands allerdings von der euphorisierenden Leichtigkeit anderer Bands des Kollektivs abhebt, ist die soulige und brummende Stimme des Sängers Samuel Herring. An Ian Curtis oder Cee-Lo Green von Gnarls Barkley erinnernd, schafft er einen Gegenpol zur vergnügten und tanzbaren Instrumentierung. Gerade diese Kontrastierung erzielt eine beeindruckende Wirkung und verleiht der Band eine eigene Identität: So steigert sich der anfänglich partytaugliche Hit “Long Flight” durch den zunehmend nachdrücklichen Ausbruch Herrings zu einem verzweifelten Wutschrei. Auch textlich distanzieren sich die Future Islands von der Sorglosigkeit ihrer Freunde: Im Laufe der Progression vom Opener “Walking Through That Door” bis hin zum Schlusslied “As I Fall” erscheint das Album wie die allmähliche Bewusstwerdung, dass die Trennung von einem lange geliebten Menschen unwiderruflich ist. Diese verschachtelte Wechselwirkung macht “In Evening Air” wohl zur bisher emotional komplexesten Wham-City-Veröffentlichung. Im Gegensatz zu vielen anderen Bands gelingt den Future Islands dabei das Kunststück, nicht bloß den Sound der Achtziger oberflächlich anzuschneiden, sondern tief in sein Herz zu dringen und die für diese Epoche so charakteristische verzweifelte Atmosphäre authentisch einzufangen.

“In Evening Air” ist also trotz eingängiger Elektrobeats zu introspektiv und zermürbend, um die Tanzböden von WG-Feiern zum Beben zu bringen. Allerdings entfaltet die Platte ihren ganz eigenen Zauber, wenn sie nach der großen Sause zur Untermalung der Afterparty der letzten hartgesottenen Verbliebenen aufgelegt wird. Angebrochene Bierflaschen leerend, tänzelt und schwankt der Hörer verträumt und verballert vor sich hin, den Kopf trotz des langsam abflauenden Endorphinschubs schwerelos und die Gewissheit des morgigen grässlichen Katers so lange wie möglich verdrängend.

Yves Weber

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