Rezension

ClickClickDecker

Den Umständen Entsprechend


Highlights: Händedruck Am Wendepunkt // Einbahnstraße // Mit Naumanns Füßen // Dialog Mit Dem Tölpel
Genre: Befindlichkeitsmusik
Sounds Like: Gisbert Zu Knyphausen // Tomte // Kettcar

VÖ: 30.01.2009

Ist euch schon mal aufgefallen, dass Kettcar und My Chemical Romance eigentlich eine ganze Menge gemeinsam haben? Oder auch Tomte und The Used? Nein, dem Rezensenten sind an Silvester nicht die Böller in den Ohren explodiert, denn statt in der Musik als solcher bestehen die Gemeinsamkeiten darin, dass allen dieser Bands gerne belächelnd bestimmte Labels aufgedrückt werden, die eigentlich gar nichts aussagen. Das typische Definitionsproblem: Wenn eine Band "Emo" ist, weil sie emotionale Musik schreibt, ist dann nicht so gut wie jede ernst zu nehmende Band irgendwie "Emo"? Und würde dementsprechend nicht jede Band, die ihre Gitarren elektrisch verstärkt, nicht gerade freejazzartige Songstrukturen aufweist und auch mal hin und wieder die eigenen Gefühle erwähnt, "Befindlichkeitsrock" beziehungsweise -"pop" spielen?

Wahrscheinlich, und doch fällt es einem leicht, Merkmale zu nennen, die eine zünftige prototypische Befindlichkeitspop/rockband dann ebenfalls benötigt. Deutsch müssen die Texte sein, klar, weder akustische noch geschrammelte Gitarren dürfen komplett fehlen und etwas gebrochen muss die Gesangsstimme am besten auch klingen. Dass solche Musik nicht jedermanns Sache ist, sondern harten Kerlen und coolen Chicas auch mal gehörig auf die Nerven gehen kann, verwundert nicht, und doch gelang es 2008 einem Herren namens Gisbert zu Knyphausen und seiner Band, zumindest die Sympathien der geschmackssicheren Helga-Leserschaft und -redaktion für sich zu gewinnen. Für alte Hasen wie Clickclickdecker alias Kevin Hamann, der mit "Den Umständen Entsprechend" nun sein drittes Album veröffentlicht, liegt die Messlatte also dementsprechend hoch.

Insofern mögen böse Zungen nun behaupten, dass Hamann ja eigentlich alles richtig macht, wenn er mit "Händedruck Am Wendepunkt" einen Song bringt, der zumindest in den Anfangsakkorden fast genauso klingt wie "Erwischt" von Herrn zu Knyphausen (das wiederum an die halbe Tomte-Discographie erinnert). Dieser Song - Track #4 des Albums - ist dann auch der erste, der musikalisch wirklich mitzureißen vermag, während "Es Fängt An Wie Es Aufgehört Hat", "Wenn Ethna Wieder Spuckt" und "An Stadt von" vorrangig zumindest Clickclickdeckers Talent unter Beweis stellen, Texte zu schreiben, die man sich am liebsten komplett auf jegliche Extremitäten tätowieren lassen oder - weil das dann doch etwas scheiße aussehen könnte - zumindest den besten Freunden ins Poesiealbum schreiben würde. Beispiel aus "Einbahnstraße": All unsere Mühen liegen vergraben unter dem Traum vom Reihenhaus, zu wissen, dass es besser wird, reicht mir persönlich aus.

Aufgrund der Tatsache, dass eben dies - die Texte - Clickclickdecker immer noch am ehesten aus dem Deutschpopeinheitsbrei hervorgehoben haben, ist es beinahe ironisch, dass der vielleicht interessanteste Song der Platte wohl "Dialog Mit Dem Tölpel" ist, der sich auf diesem Gebiet zumindest quantitativ auf gerade einmal vier kontemplativ-resignierende Zeilen - Da hinten geht der richtige Zeitpunkt, dort drüben fährt die letzte Chance - beschränkt, dafür aber Clickclickdeckers typischen Sound um die Melodie dominierende Synthesizer erweitert. A propos typischer Sound: Hier wird der Stil - Singer/Songwriter mit Backing Band im großen und ganzen - kaum jemanden überraschen, der mit dem Interpreten bekannt und seiner Musik bereits bekannt ist. Doch werden eben jene auch kaum bahnbrechende Revolutionen der Musik von Kevin Hamann erwarten, sondern ein paar Songs mehr, die - mal beschwingt, mal melancholisch - genau das ausdrücken können, was einem gerade auf dem Herzen liegt. Eben das bekommen sie mit "Den Umständen Entsprechend" auch. Befindlichkeitspop eben - von einem der Meister dieses so nichtssagenden Genres.

Jan Martens

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