Rezension

Clickclickdecker

Du Ich Wir Beide Zu Den Fliegenden Bauten


Highlights: Dialog Mit Dem Tölpel // Wer Hat Mir Auf Die Schuhe Gekotzt?
Genre: Singer-/ Songwriter // Weltumarmersoundtrack
Sounds Like: Kettkar // Gisbert Zu Knyphausen

VÖ: 01.04.2011

Gibt es einen anderen Grund für ein Live-Album als die Möglichkeit, alte Songs noch einmal durchzunudeln und damit Geld zu verdienen, ohne vorher etwas Neues zu Stande gebracht zu haben?

Im Falle Clickclickdeckers offensichtlich schon. 2009 nimmt der NDR im Rahmen des Reeperbahn-Festivals Clickclickdecker in den Fliegenden Bauten zu Hamburg auf. Aber anstatt einfach nur die Songs seines, kurz vor dieser Aufnahme veröffentlichten, dritten Studioalbums „Den Umständen Enstprechend“ vorzutragen, bemüht sich Kevin Hamann (so Clickclickdeckers bürgerlicher Name) um eine Neuinterpretation seiner eigenen Werke. Hierfür arbeitet er an einer reduzierteren Version seiner Songs, bei denen der Text im Vordergrund steht. Dafür, dass der Sound dennoch reich bleibt, sorgt Oliver Stangl, Gitarrist von Clickclickdeckers Live-Band, nun befördert zum Multi-Intsrumentalisten, der den Songs mit Keyboards, Elektronik, Percussions und Pedal Steal näherrückt.

So weit, so gut. Und was kommt nun dabei heraus, wenn zwei talentierte Jungs auf der Bühne stehen, mit dem Vorhaben, einen intimen Abend voller Musik zu schaffen und den dann auch noch für den CD-Player daheim zu konservieren? Ehrlich gesagt: weniger als erwartet. Dieses Urteil ist äußerst verwunderlich, denn Stangl und Hamann haben nicht viel falsch gemacht. Songs der letzten beiden Clickclickdecker-Alben werden hier tatsächlich interessant vertont und präsentieren sich teilweise in neuem Gewand. Bemerkenswert ist vor allem „Dialog Mit Dem Tölpel“, das durch Behutsamkeit besticht. Aber auch Songs wie „Wer Hat Mir Auf Die Schuhe Gekotzt?“ oder „Weil Sie Uns Siezen“ steht der Neuanstrich gut und wer will denn bitte nicht lauschen, wie es sich anhört, wenn Hamann seine Stimmbänder für Songzeilen wie „Stell dir mal vor / wir schlagen Flammen ans Brandenburger Tor / Der scheußliche Chor / und wir leuchten dazu Polycolor“ live in schwingende Höhen treibt?

Das Problem der Platte wird aber erst deutlich, wenn man sie sich vor und nach einem entsprechenden Konzertbesuch anhört. Erst, wenn man gesehen und gehört hat, wie sich Stangl und Hamann auf der Bühne bewegen, mit welcher Detailversessenheit und Liebe zu den Tönen sie interagieren, bemerkt man die gesamte Tragweite von „Du Ich Wir Beide Zu Den Fliegenden Bauten“. Was vorher ein Live-Mitschnitt war, der durchaus ganz nett, aber nicht weiter wichtig ist, wird nach dem Konzert zu einer lebhaften Erinnerungsstütze für einen spannend-schönen Abend, an dem man kitschlose Gefühlsachterbahn fahren durfte und sich vielleicht ab und an sogar ein kleines Tränchen aus dem Augenwinkel wischen musste. Stangl wirkt auf dem Album eher wie eine Nebenfigur, auf der Bühne viel mehr wie eine von zwei Hauptpersonen: sein Wirken auf Hamanns Stücke kommt besser zum Vorschein.

Alles in allem bescheren uns Stangl und Hamann zusammen mit dem NDR ein Album, das uns den Fotoapparat beim Konzertbesuch erspart. Die Bilder, Erinnerungen und Gefühle kommen nämlich durch das Hören dieser Platte ganz automatisch wieder vor das innere Auge und gehen wieder genauso ans Herz.

Silvia Silko

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Einbahnstraße (Live Fliegende Bauten)

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