Rezension

Brian Fallon

Local Honey


Highlights: 21 Days // Vincent // You Have Stolen My Heart
Genre: Singer/Songwriter
Sounds Like: Bruce Springsteen // The Gaslight Anthem // Tom Petty

VÖ: 27.03.2020

Es ist wieder einer dieser Momente, in denen man sich alt fühlt, wenn man erfährt, dass der Songwriter Brian Fallon inzwischen 40 Jahre alt ist und mit seiner Frau und den beiden Töchtern ein braves Familienleben führt. Statt mit seiner Band The Gaslight Anthem, die vor fünf Jahren eine Pause auf unbestimmte Zeit verkündet hatte, die nur 2018 für eine Tour kurz ausgesetzt wurde, ist Fallon als Solokünstler unterwegs.

“Local Honey” ist seitdem das dritte veröffentlichte Soloalbum von Fallon, mit dem er sich weiter von dem The-Gaslight-Anthem-Sound entfernt als jemals zuvor. Vor den Aufnahmen zum neuen Album nahm er wieder Gitarren- und Pianounterricht. Man könnte sich fragen, ob das für den erfahrenen Musiker notwendig war, aber wenn man mit “Local Honey” das beste Album seiner Karriere in den Händen hält, erübrigt diese Frage sich schnell. Die Produktion ist zurückhaltend und kreativ zugleich und ergänzt Fallons Gesang, der sich selbst wie gewohnt mit seinen beiden Instrumenten begleitet, mit Versatzstücken, die teilweise sehr überraschen (wie Drumloops) und die Songs so auf ein neues Niveau heben. Peter Katis ist nach diversen Produktionen für The National, Interpol und viele andere ein extrem erfahrener Produzent und liefert hier eine seiner besten Arbeiten ab, indem er Fallons Stärken geschickt ausspielt und ihn dennoch zu Songstrukturen bringt, die perfekt zu ihm passen, die er aber vielleicht ansonsten nie ausprobiert hätte. Brian Fallon hatte schon immer ein Talent für gefühlvolle und bodenständige Texte. So intensiv wie hier hat man ihn aber seit langer Zeit nicht erlebt.

Mit nur etwa dreißig Minuten Spielzeit konzentriert sich “Local Honey” auf acht Tracks, die verdeutlichen, dass Fallon nicht mehr seiner Jugend hinterherjagt, sondern im Erwachsenenalter angekommen ist. Im Opener “When You’re Ready” versucht er, seine Erfahrung mit seinen Kindern zu teilen und sie auf die Schwierigkeiten des Lebens vorzubereiten und ihnen dafür Mut zuzusprechen. “21 Days” erweckt den Anschein, den Schmerz nach dem Ende einer Beziehung zu verarbeiten. Tatsächlich ist es wohl das beste Lied über den Abschied von der Nikotinsucht, das je geschrieben wurde. Die erste Zeile von “Vincent” ist eine harte Prüfung für Countryfans: “Her name is Jolene, but I hate this song”. Selten ist Fallon klarer auf Springsteen-Pfaden gewandelt: “Nebraska” ist eine eindeutige Inspiration für den tatsächlichen Schlussmachsong des Albums aus der Sicht einer gebrochenen Frau, die trotz großer Liebe zu dem titelgebenden Vincent aufgrund der Schmerzen ihrer Vergangenheit nicht in der Lage ist, eine Beziehung zu führen und allein leben muss. “I Don’t Mind (If I’m With You)” thematisiert das genaue Gegenteil – in dieser Ballade geht es um eine Liebe, die dafür sorgt, das man allem trotzen kann, wenn man den richtigen Partner gefunden hat, bevor “Lonely For You Only” daran thematisch anknüpft und mit prägnanten Drums noch am ehesten auf ein Album von The Gaslight Anthem gepasst hätte.

Das darauf folgende “Horses” greift ebenfalls das Thema auf und variiert es, in dem es den Fokus auf die heilsame Kraft einer Beziehung lenkt, aber mit Backgroundgesang und besagtem Drumcomputer auf eine ruhige Art völlig anders instrumentalisiert ist. “Hard Feelings” macht da keine Ausnahme und erinnert dabei an die sanfteren Songs von Mark Knopfler, Tom Petty und eben jenem großen Einfluss aus New Jersey. Mit der herzzerreißenden Ballade “You Have Stolen My Heart” endet das Album. Der Track zelebriert verzweifelt Liebe und ist laut Fallon sein erster purer Lovesong, bei dem er nicht versucht, witzig, clever oder poetisch zu sein. Inspiriert von “Please, Please, Please, Let Me Get What I Want” von The Smiths ist es der perfekte, bittersüße Abschluss.

Marcel Eike

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Brian Fallon - When You're Ready

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