Rezension

Anna Von Hausswolff

Ceremony


Highlights: Mountains Crave // Harmonica // Funeral For My Future Children
Genre: Funeral-Pop // Art-Pop
Sounds Like: Kate Bush // Joanna Newsom // Emily Jane White

VÖ: 14.06.2013

Lange musste man in Deutschland auf die offizielle Veröffentlichung von Anna von Hausswolffs neuem Album „Ceremony“ warten, liegt der Erscheinungstermin hierzulande doch fast ein Jahr nach jenem in Hausswolffs Heimatland Schweden. Doch nun kommen endlich auch jene, die sich weder zum Import noch zum illegalen Download haben hinreißen lassen – sei es, da sie sich in stoischer Geduld geübt haben oder bisher auch einfach nichts von der Existenz dieser brillanten Künstlerin aus Göteborg wussten – in den Genuss dieses 60-minütigen Werks, das Barock und Pop auf einzigartige Weise verbindet.

Das Album entspinnt sich am Leitfaden der Kirchenorgel der Göteborger Annedalskyrkan. Diese spielt die eindeutige Hauptrolle auf „Ceremony“ – neben Anna Michaela Ebba Electra von Hausswolffs Stimme, die jedoch erst nach anderthalb Songs in Erscheinung tritt. Bis dahin sind schon das monumentale „Epitaph For Theodor“ und die Hälfte von „Deathbed“ verstrichen, die deutlich machen, dass das neue Album noch mehr als der Vorgänger „Singing From The Grave“ von seiner nokturnen, fast schon morbiden Stimmung lebt. Sehr deutlich werden die sakralen Elemente, es ist die Rede von Liturgien, Epitaphen und Beerdigungen, die von der sublimen Akustik eines imposanten Kirchenbaus untermalt werden. Böse Zungen könnten hier von einem Konzeptalbum sprechen, beeindruckend ist jedoch, wie gut dieses durchgeplante Album, der düsteren Stimmung zum Trotz, auch für Pop-HörerInnen funktioniert.

Die Tochter des großen schwedischen Freigeistes, Künstlers und Musikers Carl Michael von Hausswolff droht mit der Bekehrung der Massen, „Mountains Crave“ hätte sicherlich das Zeug zur Hymne dieser neuen Sekte. Die ganz großen Fragen, Abschiede, Neubeginne, Geburt und Tod bilden die Messlatte für die Themen. Hausswolff geht also ein großes Risiko ein: wo sich so viel Ernsthaftigkeit tummelt, droht es, schnell peinlich zu werden. Diese trockene Konsequenz gilt es, in Kauf zu nehmen, auch wenn man versucht ist, zwanghaft nach einem Fünkchen Ironie zwischen den Takten und Zeilen zu suchen.

Der Lohn dafür sind Art-Pop-Perlen wie „Mountains Crave“ oder das bitterböse betitelte „Funeral For My Future Children“. Anna von Hausswolff steigt hinab in die Gruft, sie inszeniert den Untergang auf eine Weise, wie man es lange in der Pop-Welt nicht mehr gehört hat. Wäre Robert Smith auf Weihrauch hängen geblieben, so hätte „Disintegration“ vielleicht das „Ceremony“ der späten 80er Jahre werden können.

Christoph Herzog

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