Interview

William Fitzsimmons


William Fitzsimmons ist der sympathischste Mensch, den man sich vorstellen kann. Obwohl er beim Haldern bereits zwei volle Stunden Interviews in einem stickigen Trailer gegeben hat, schenkt er jedem Interviewer seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit und fragt sogar nach, ob er rauchen darf. Nicht überraschend daher, dass das Interview genauso persönlich verläuft wie sein neues Album "The Sparrow And The Crow".

William, du hast dein neues Album "The Sparrow And The Crow" im Kontext deiner Scheidung geschrieben. Wie wichtig war es für dich, die damit verbundenen Gefühle in diesem Album auszudrücken?

William Fitzsimmons: Oh, das war sehr wichtig. Der ganze Schmerz, der damit verbunden war...die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, war für mich, alles niederzuschreiben. Ich hätte es vielleicht nicht unbedingt auf einem Album veröffentlichen müssen (lacht). Aber das ist eben meine Art, mit Problemen oder Schmerz umzugehen: Ich schreibe mir alles von der Seele und setze es in Musik um. Das war ein Hauptgrund dafür, dass es mir nach und nach besser ging.

Gibt es bestimmte Ratschläge, die du mit diesem Album Leuten mitgeben willst, die vielleicht in einer ganz ähnlichen Situation sind?

William: Macht nicht das, was ich getan habe (lacht). Vermasselt es nicht so wie ich. Zwei Dinge hatte ich mir vorgenommen, den Leuten mit dieser Platte mitzugeben. Erstens: die Menschen dazu auffordern Beziehungen, Liebe und auch die Ehe viel ernster zu nehmen, als ich das getan habe. Und zweitens: den Leuten Hoffnung zu vermitteln, dass auch in Situationen, in denen wirklich alles in die Brüche geht, doch noch irgendwelche Freunde oder die Familie da sind, die einen auffangen und einem zeigen, dass das Leben auch nach einer gescheiterten Liebe noch lebenswert ist.

Kannst du den Albumtitel ein bisschen erklären? Wer ist der Spatz? Wer ist die Krähe?

William: Ich mag eben Vögel (lacht). Ich bin in einem Haus aufgewachsen, das praktisch nur von Vögeln bewohnt war. Meine Eltern hatten so ziemlich alle Arten, die man sich vorstellen kann, in das Haus aufgenommen und dementsprechend sah die Bude auch aus wie ein Saustall. Aber nichtsdestotrotz hat sich der Vogelgesang so bei mir eingebrannt, dass ich jedes mal, wenn ich einen Vogel höre, immer an zuhause denken muss. Ich fand, da war es mal an der Zeit, dieser Sache zu huldigen. Dazu kommt natürlich noch die tiefere Bedeutung des Albumtitels und damit der interessantere Teil für dich (lacht). Die Krähe ist in den meisten Kulturen ein Vogel, der für das Böse steht, während der Spatz Loyalität, Vertrauen und Liebe symbolisiert. Zwischen diesen beiden Gegensätzen hat sich meine gescheiterte Beziehung bewegt und daher fand ich diese beiden Vögel als Symbole dafür zu nehmen sehr passend. Letztendlich hat die Krähe gesiegt.

"The Sparrow And The Crow" ist auch das erste Album, das du nicht selbst produziert hast. Hat dieser Umstand die Arbeit an den Albumaufnahmen erleichtert oder würdest du sagen, dass du nächstes Mal wieder alleine die Fäden in der Hand haben willst?

William: Es war überhaupt nicht einfacher, wie man vielleicht denken könnte, sondern ganz im Gegenteil sehr, sehr anstrengend und hart. Diese Songs waren das Wichtigste, was ich je gemacht habe. Das soll jetzt nicht arrogant klingen, das sage ich nur von meinem Standpunkt aus. Deswegen war es hart für mich, diese sehr persönlichen Songs irgendjemand anderem in die Hände zu geben. Aber auf der anderen Seite muss ich sagen, dass diese Entscheidung dennoch die Richtige war, denn ohne Marshall Altman (Produzent) wären es mit Sicherheit keine so schönen Songs geworden. Er hat letztendlich das Maximum aus den Songs rausgeholt. So gesehen würde ich sagen, dass ich zwar immer noch gerne Sachen für mich aufnehme, aber um dem Ganzen zu voller Blüte zu verhelfen, würde ich jederzeit wieder zu einem Produzenten gehen, der nicht William Fitzsimmons heißt.

Du wirst in der Presse oft mit Musikern wie Iron & Wine, Sufjan Stevens oder Elliott Smith verglichen. Nervt dich das nicht, ständig verglichen zu werden?

William: Überhaupt nicht. Diese Jungs sind Helden für mich und so gesehen ist das eine Riesenehre, mit diesen Genies verglichen zu werden. Was mir daran manchmal Angst macht, ist, wenn dann Leute kommen und sagen "Hey du bist viel besser als der und der Typ!". Es ist vollkommen okay, wenn jemand zum Beispiel William Fitzsimmons mag und Elliott Smith eher weniger, aber dann zu sagen, der eine sei besser als der andere? Das macht mir Angst und das will ich auch nicht hören. Diese Jungs machen ihr Ding und ich mach meins. Es ist also Segen und Fluch zugleich, verglichen zu werden.

Wo sind denn deiner Meinung nach die Hauptunterschiede zwischen deiner Musik und der deiner "Helden"?

William: Sie sind besser (lacht). Nein, das kann ich ja jetzt nicht mehr sagen (überlegt). Auf was ich ziemlich stolz bin, ist, dass ich Songs schreibe, die wirklich sehr leicht verständlich sind. Man weiß eigentlich sofort, um was es geht. Die anderen Jungs sind viel mehr Poeten als ich es bin. Manchmal ist es schwierig zu verstehen, worüber sie überhaupt singen. Ich möchte hingegen, dass der Zuhörer gleich beim ersten Hören sich voll in dem Song wiederfindet. Ich denke, das ist der Hauptunterschied und wenn ich so darüber nachdenke, bedeutet das somit, dass die Anderen viel talentiertere Songwriter sind als ich (lacht).

Ach Quatsch. Witzigerweise hat vorhin schon Daniel Rossen von Grizzly Bear im Interview versucht, sein Talent runterzuspielen und jetzt fängst du auch noch damit an?

William: Tzzzz, Daniel muss Witze gemacht haben. Die neue Grizzly-Bear-Platte ist das Beste, was ich seit langer Zeit gehört habe. Aber du hast Recht. Vielleicht sollte ich nicht so bescheiden sein. Eigentlich habe ich schon ein ziemlich geiles Album aufgenommen (lacht).

Geht doch.
Du hast vorhin schon dein Elternhaus erwähnt. Kommen wir darauf noch einmal zurück. Du bist in einer Familie aufgewachsen, in der beide Elternteile blind sind. Kannst du beschreiben, inwiefern Töne und Geräusche wichtig für eure Kommunikation waren und inwieweit dieser Fokus auf das Hören vielleicht deine Musikkarriere beeinflusst hat?

William: Sehr gute Frage. Töne waren eigentlich schon jeher alles für mich. Wir hatten keine Bilder oder Poster an den Wänden, das Licht war oftmals aus. Obwohl ich und meine Schwester nicht blind waren, war es, als ob auch wir durch Töne und Geräusche die Welt sehen würden. Daher war das Akustische schon von Anfang an der zentrale Bestandteil meines Lebens. Inwiefern das meine Musikkarriere beeinflusst hat, ist schwierig auszudrücken. Vielleicht hängt es mit dem zusammen, was ich vorhin schon mal erwähnt habe. Ich erzähle in meinen Lyrics die Dinge so, dass sie auch für jeden sofort zu verstehen sind, der sie nicht mit eigenen Augen gesehen oder erlebt hat. Ja, ich glaube das ist es. Ich konnte ja auch meiner Mutter nicht sagen "Hey, schau dir das mal an!", sondern musste meine Eindrücke so in Worte kleiden, dass es für sie verständlich war. Ich male die Bilder sozusagen mittels meiner Worte bei jedem in den Kopf. Ohne diese besonderen Umstände, in denen ich aufgewachsen bin, bin ich mir nicht sicher, ob ich das genauso gut hinbekommen würde.

Ich denke, diese Umstände haben dich in gewisser Weise auch für den Beruf als Psychotherapeut in besonderem Maße qualifiziert, den du ja vor deiner Musikerlaufbahn ausgeübt hast.

William: Das stimmt, ja.

Wann war der Drang, professionell Musik zu machen stärker als den normalen Job auszuüben?

William: Ich hatte gerade meine Ausbildung abgeschlossen und habe die ersten Privatsitzungen abgegeben. Da hatte ich ein paar Songs geschrieben und ein Freund von mir hat mir vorgeschlagen, diese doch bei MySpace hochzuladen, damit auch andere, völlig fremde Leute die Songs hören könnten. Ich habe darüber eigentlich gar nicht viel nachgedacht. Und plötzlich wollten immer mehr Menschen meine Musik hören und Anfragen, Shows zu spielen, kamen immer häufiger auf. Irgendwann musste ich dann eine Entscheidung fällen, was ich denn nun wirklich will. Will ich bis an mein Lebensende Menschen therapieren oder will ich Musik machen? Und dann kam mir in den Sinn, dass ich auch, wenn ich Musik mache, ja Menschen weiterhin "therapieren" kann. Nur halt eben nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern von mir zu einem ganzen Publikum. Und DAS war dann der Punkt, der mich überzeugt hat, Musik zu machen. Es war eine einmalige Chance und ich habe sie ergriffen.

Kannst du dir vorstellen, je wieder zu deinem normalen Job zurückzukehren?

William: Ich glaube schon, dass ich irgendwann wieder als gewöhnlicher Psychotherapeut arbeiten werde. Ich mochte den Job und ich habe ja die meiste Zeit meines Lebens damit verbracht, diesen Berufsabschluss zu bekommen. Ich denke nicht, dass das irgendwie ein Unfall war, sondern das sollte so passieren. Auf keinen Fall mache ich solange weiter, bis ich nur noch Mist aufnehme. Dann ist es Zeit, den Hut zu nehmen und das werde ich dann auch. Alles, was ich jetzt schon erreicht habe, ist sowieso mehr, als ich je erhofft hatte und das sollte man dann auch zu schätzen wissen.

Benjamin Köhler

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