Interview

AFI


Sonntag Nachmittag auf dem Highfield-Festival: Ungehindert von Wolkenoasen brennt die Sonne vom Himmelszelt erbarmungslos auf die Festivalbesucher hinab. Auch die schnuckeligen Container, die hinter der Hauptbühne für die Künstler aus dem Boden gestampft worden sind, bleiben da nicht verschont. Auf der Hauptbühne beginnen Selig gerade mit ihrem Set, während AFI aus dem Tourbus hechten. Vom Area-4-Festival sei man gerade angereist, so Gitarrist Jade Pudget. Trotz der offensichtlichen Querelen einer Festivaltour gelingt der nahtlose Übergang zum Interview problemlos. Und auch wenn Jade Pudget und Schlagzeuger Adam Carson etwas reisemüde wirken, so vertreten sie AFI doch immer noch mit ausreichend Eloquenz.

Hallo Jungs. Erstmal zu eurer letzten Platte "Decemberunderground": Der Release liegt jetzt schon drei Jahre zurück. Versteht ihr das Album rückblickend als eine Neudefinition eures Sounds oder eher als vorläufiges Ende einer jahrelang ausgerichteten Entwicklung?

Jade Pudget: Eher letzteres. Mit einer einzelnen Platte definieren wir uns noch nicht als Band. Der Wandel ist bei uns vielmehr konstantes Element unserer Entwicklung. "Decemberunderground" war mehr eine Bestandsaufnahme.

Adam Carson: Ich sehe das ähnlich. Wie sehr das Album auch nach einer Neuerfindung klingen mag, so ist es letztlich doch eine Erweiterung der Möglichkeiten innerhalb unseres Sounds.

Für meine Begriffe ist die Platte schon etwas Besonderes, weil es euer hellstes Werk ist. Und das ist recht ironisch, da eure Musik über die Jahre ja immer düsterer geworden ist. Stimmt ihr dem zu?

Jade: Unser hellstes Werk...(überlegt). Also, sie ist definitiv melodischer. Sie zeigt, dass wir zwar eine düstere Band sind, dass das aber nicht automatisch heißt, dass alles, was wir tun, düster sein muss. Denn würden wir nur dunkle Platten machen, wäre das ja völlig vorhersehbar. Die Leute würden dann jedes Mal diesen einen Sound erwarten. Da möchten wir Fans lieber überraschen und die Grenzen weiter ausloten – auch wenn das manchen nicht in den Kram passen wird.

Was heißt das dann für euer neues Album "Crash Love"? Hat euch "Decemberunderground" in eine Position gebracht, aus welcher heraus ihr alle Freiheiten hattet?

Adam: Ich denke, dass wir uns in diese Position schon früher gebracht haben: Nämlich mit "Sing The Sorrow". Vielleicht sogar noch früher. Eingehend mit "Sing The Sorrow" wurde uns bewusst, dass wir in Zukunft unsere Grenzen erweitern müssten, damit wir mit unserer Musik zufrieden wären. So hat sich auch unsere Fanbasis verändert: Unsere neueren Fans erwarten diese ständige Weiterentwicklung.

Könnt ihr den Charakter von "Crash Love" beschreiben?

Jade: Insgesamt verläuft "Crash Love" geradliniger. Es ist eher eine Rock- als eine Elektronikplatte, also gewissermaßen mit dem Vorgänger überhaupt nicht zu vergleichen. m (überlegt) Das ist jetzt gar nicht so einfach. Denn irgendwie haben wir so etwas wie "Crash Love" noch nie gemacht. Aber das war bei den Vorgängern ja auch schon der Fall – sie klangen nie wie ihr jeweiliger Vorgänger...

Als Produzent des Albums war David Botrill (der u.A. schon mit Tool, Muse, dEUS und Placebo arbeitete – Anm. d. Verf.) beteiligt. Früher habt ihr nur mit Produzenten gearbeitet, die eher zur Punkszene gehören und genreübergreifend kaum Künstler betreut haben. Hat David euch neue Perspektiven geben können?

Adam: Also eigentlich haben wir die Platte gar nicht mit David Botrill fertiggestellt. Er war vielmehr an den frühen Demos für das Album beteiligt. Produziert hat das Album Joe Mcgrath, der wiederum bei Jerry Finn (dem Produzenten von "Decemberunderground" – Anm. d. Verf.) als Soundtechniker angestellt war. Wir haben uns während der Aufnahmen zum Vorgänger eng mit ihm angefreundet. Daher fühlte es sich sehr natürlich und richtig an, mit ihm an "Crash Love" zu arbeiten. Er ist ein wirklich großartiger Produzent und einfach ein Rocker - aber einer, der bei weitem nicht so stumpf ist, wie man das von Klischeerockern vielleicht erwarten mag (lacht).

Könnt ihr denn etwas zu den Lyrics des Albums sagen? Passen sie sich auch der rockigeren Richtung an?

Jade: Das Album ist zwar kein Konzeptalbum, aber die Songs sind schon thematisch verknüpft. Die Texte behandeln in erster Linie unsere Kultur, beziehungsweise den Verfall unserer Kunst, Musik und Literatur. Adressiert werden auch die Menschen, die in unserer Gesellschaft leider die Kultur ersetzt haben: Prominente, die im Grunde genommen für nichts Gehaltvolles einstehen, sondern ohne jegliche Leistung berühmt sind. "Crash Love" ist eine Bestandsaufnahme unserer gegenwärtigen kulturellen Leere und wie dieser Zustand des ständigen Kopierens erreicht wurde.

Adam: Die Lyrics sind transparanter als auf früheren Platten und auf jeden Fall einfacher zu entschlüsseln. Was nicht heißen soll, dass sie platt sind.

Kommen wir nur mal zu euren Fans, die sich ja zum Teil zur "Despair Faction" zusammengeschlossen haben. Ihr beteiligt sie ja sogar regelmäßig an euren Aufnahmen, wenn es zum Beispiel um Gruppengesang geht. Ist das für euch ein Weg, um eure Wurzeln im Punk am Leben zu erhalten und das den Fans auch zu zeigen?

Adam: Ja, vielleicht. Es ist für uns einfach eine Gelegenheit, mit unseren Fans zu interagieren. Wenn wir nach dem Aufnehmen eines Albums ewig auf Tour sind, dann ist es schön, bei der Heimkehr auf diese Weise wieder mit den Fans in Kontakt zu treten und nicht einfach wieder für drei Jahre zu verschwinden.

Gab es denn trotzdem Fans, die euch mit "Sing The Sorrow" den Ausverkauf vorgeworfen haben?

Jade: (lacht) Die gab es nicht nur zu "Sing The Sorrow". Eigentlich hat man uns das nach jeder Platte vorgeworfen. Aber das ist ganz normal. Uns war völlig klar, dass das passieren würde, weil wir uns eben ständig verändern.

Genau darauf hat meine Frage abgezielt. Denn eben dadurch, dass ihr euch ständig verändert, könnte es ja sein, dass Vorwürfe dieser Art von vornherein nicht geäußert wurden – da Fan von AFI zu sein bedeutet, diesen Weg des Wandels mit zu begehen.

Jade: Leider ist das nicht so. Es gibt immer noch Leute, die wollen, dass wir so klingen wie auf dem Debüt "Answer That And Stay Fashionable". Nehmen wir mal an, wir würden es diesen Leuten mit der neuen Platte rechtmachen. Dann würden die neuen Fans kommen und entsetzt fragen, warum wir denn jetzt wieder wie früher klingen. Über sowas kannst und darfst du dir als Band keine Gedanken machen.

Zur letzten Frage: Seht ihr euch als Teil dieser Bewegung von Bands wie Thrice, Brand New oder Circa Survive, die, aus dem Punk/Hardcore kommend, inzwischen viel individuellere Stile entwickelt haben? Und sich auch diesem Emo-Boom widersetzen?

Jade: Es ist natürlich schwer, da von einer Bewegung zu sprechen, weil diese Bands schließlich über das ganze Land verteilt sind. Und mit Emo können alle diese Bands – wir eingeschlossen – gar nichts anfangen. Es gab natürlich auch schon Leute, die uns als Emoband darstellen wollten. Aber um zur Frage zurückzukommen: Ich würde schon sagen, dass da so etwas wie eine unbewusste, gemeinsame Ideologie vorhanden ist. Denn mit all den Bands, die du gerade genannt hast, sind wir nicht erst seit gestern befreundet.

Ein Treffer ins Schwarze also. Wenn auch der Gesang beim wenig später folgenden Gig von AFI zu sehr untergeht, so zeigt die Band doch mit Hingabe, dass ihre Songs auch auf der großen Bühne vor europäischen Publikum zünden können. Sowieso ist das eingangs erwähnte Bombardement aus Sonnenstrahlen ein beißender Kontrast zum finsteren und druckvollen Sound der Band, die sogar ein paar Songs aus den Anfangstagen zum Besten gibt. Und wo so manche elektronische Facette von "Decemberunderground" live unrealisierbar bleibt, so kann man "Crash Love" anhand der Selbsteinschätzung von AFI doch nur entgegen fiebern und begrüßen, dass die Platte offensichtlich organisch und direkt klingen wird. Wenn dem so ist, wäre das doch ein selbstbewusstes und handfestes Statement gegen die kulturelle Leere, die ihrer kommenden Platte den Titel gibt.

Gordon Barnard

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Rezension zu "AFI (The Blood Album)" (2017)
Rezension zu "Crash Love" (2009)
Rezension zu "Decemberunderground" (2006)

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