Rezension

Travis

Ode To J. Smith


Highlights: J. Smith // Long Way Down // Last Words
Genre: Indie // Brit-Pop
Sounds Like: Mando Diao // Radiohead // Keane // Coldplay

VÖ: 29.09.2008

Dieses Album macht Sinn. Nach „The Boy With No Name“ konnte man ja schon ein wenig Angst um die vier Schotten haben. Die Platte war weiß Gott nicht schlecht, aber doch irgendwie typisch. Nun, ein Jahr später, erscheint mit „Ode To J. Smith“ etwas komplett Neues. Die Band präsentiert sich eindeutig reifer und sogar ein wenig härter. Wo vorher melancholische, dezente musikalische Begleituntermalung statt fand und die Stimme von Frontmann Fran Healy heraus ragte, tauchen mit einem Mal Gitarrensoli auf. Über lange Strecken klingt das Album wie eine große Jam Session, man nimmt den Stücken eine neue Spontanität ab.

Wie oft geloben nicht gerade Bands, die im weiten Feld Brit-Pop beheimatet sind, Veränderung. In zu vielen Fällen stellen sich solche Beteuerungen leider als verkaufsfördernde Maßnahmen heraus. Travis haben nicht gelogen. So ist nun alles neu und vieles besser. Als mitverantwortlich für die neue Freiheit und Klasse von Travis sieht die Band auch die Wiederauferstehung ihres eigenen Labels „Red Telephone Box“. Oftmals ist ein auslaufender Plattenvertrag in Verbindung mit der Gründung eines eigenen Labels ja der Anfang vom Ende einer Band. Man freut sich auf die neu gewonnene Freiheit und dass einem niemand mehr in die Musik redet, aber im Prinzip bedeutet dieser Schritt oft den Gang ins Altersheim des Rock’n’Roll’s.

Es scheint auch anders zu gehen, wie Travis mit „Ode To J. Smith“ eindrucksvoll bestätigen. Allerdings sind die Zeiten, in denen die Band auf der Bühne mit Titeln wie „Sing“ und „Why Does It Always Rain On Me“ Mädchenherzen höher schlagen ließ, endgültig vorbei. Nun, zehn Jahre später, sind die Mädchen zu Frauen und Travis zu Männern und Vätern geworden. Das neue Album, vielleicht das Beste seit „The Man Who“, überzeugt dabei nicht von Beginn an, nicht in einem Moment, sondern als Gesamtpaket. „Chinese Blues“ eröffnet das Werk mit einem epischen Gitarrenriff und ungewohnten Richtungswechseln innerhalb des Stückes; die neuen Travis sind mehr als überdeutlich erkennbar. Das sorgt für anfängliche Skepsis, die durch „J. Smith“ pulverisiert wird. Ein Titel, so anders, so atmosphärisch und zugleich so rockig. Begleitet von einem kirchenchorähnlichen Backgroundgesang, der immer wieder wunderschön von wahren „Gitarrenexplosionen“ zerschlagen wird. Vielleicht das Meisterstück der Band.

Travis hat endlich den Verzerrer für sich entdeckt. Kaum ein Stück auf dem Album kommt ohne ihn aus. „Long Way Down“ zeigt zudem, dass die Band den Blues-Rock beherrscht. Da werden kurze, knackige Peaks und höchste Verzweiflung perfekt kombiniert. Beim erstmaligen Hören von „Last Words“ fühlt man sich kurz an die alten Travis erinnert. Ein insgesamt ruhiger Titel, zunächst fast ausschließlich durch Dougie Payne’s Banjobegleitung gestützt. Im Mittelteil läuft sich das Ganze ein und, bevor man „typisch Travis“ denken könnte, rettet Andy Dunlop mit seinen Blues-Gitarrensolos ein ohnehin nicht verlorenes Stück. Die erste (Vorab-)Single „Song To Self“ ist gut, allerdings etwas lang gezogen, eben ein wenig „typisch Travis“, trifft den Kern des Albums aber nicht unbedingt. Wer dieses Lied nicht mag, kann trotzdem die Platte mögen. Alles in allem kann „Ode To J. Smith“ überzeugen und vielleicht den Brit-Pop-Herbst retten.

Es gibt Musik, die man wunderbar nebenbei hören kann. Während man arbeitet, während man schreibt. Musik, die inspiriert und einfach zu keinem Zeitpunkt unangenehm wird. „Ode To J. Smith“ ist genau das, was Travis noch gefehlt hat. Die Platte ist positiv, weniger melodisch und deutlich „dreckiger“. So könnte man auch einfach einen Heiermann ins Phrasenschwein werfen und sagen: „Travis sind erwachsen geworden!“

Sascha Lackermann

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