Rezension

The Streets

None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive


Highlights: You Can't Afford Me // None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive // The Poison I Take Hoping You Will Suffer
Genre: Rap // UK Garage // Grime
Sounds Like: Slowthai // Little Simz // Ghostpoet

VÖ: 10.07.2020

Knapp zehn Jahre nach dem letzten Gespräch ruft Mike Skinner also wieder an. Man sieht den Namen „The Streets“ auf dem Display aufleuchten und zögert kurz, bevor man dann natürlich doch abhebt. Von den ersten Auftritten und sporadischen Songs der letzten Jahre hatte man gelesen, aber sie vielleicht ignoriert – die Erinnerung an die letzten Veröffentlichungen war da noch frisch und etwas schmerzhaft. Aber jetzt hört man diese nölige Stimme am Handy und freut sich, denn „irgendwie ist ja niemand wie Mike Skinner / also außer Mike Skinner, der ist aber auch Mike Skinner“, wie Fatoni es schon bündig zusammenfasste.

Es ging ja immer ums Feiern, um Drogen, Beziehungen und diese schummrige Depression der Mittzwanziger. Doch als 40-jähriger Vater mit deutlichem Bierbauchansatz sucht sich Skinner für „None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive“ andere Themen: Smartphones, (fehlgeschlagene) Kommunikation und die Erwartung, immer erreichbar zu sein. Na gut, manchmal geht er auch noch feiern, nur der Kater dauert jetzt deutlich länger. Wie früher auch sind die besten Momente Skinners Alltagsbeobachtungen, in gewohnter Lässigkeit und mit charmantem Humor vorgetragen. Zeilen wie „If I say I'm five minutes away and you believe me / That's your problem“ oder „But she talks about her ex so much / even I miss him“ machen einfach Spaß.

Wie „Cyberspace And Reds“ von 2011 ist das Mixtape von Skinner sorgfältig als Plattform für seine Gäste kuratiert. Das gibt dem Comeback, wenn man es so nennen will, einen entspannten Rahmen für Experimente, hält die Erwartungen auf einem erfüllbaren Level und beantwortet die Frage, wie The Streets in die Musiklandschaft 2020 passt. Opener „Call My Phone Thinking I’m Doing Nothing Better“ mit Kevin Parker von Tame Impala ist der Song für Fans der ersten Stunde, mit Idles-Frontmann Joe Talbot kotzt sich Skinner über den Brexit aus, ohne in die Crossover-Falle zu tappen, Ms Banks stiehlt ihm textlich sogar die Schau und Nachwuchs wie Dapz On The Map oder Oscar #Worldpeace bringen frischen Wind rein. Nur Jimothy Lacostes Schlafzimmer-Murmeln auf „Falling Down“ passt nicht ins Gesamtbild.

„None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive“ ist wie eine Clubnacht irgendwo in London oder Birmingham: Skinner kramt sich dank DJ-Erfahrung durch den britischen Sound der letzten zwanzig Jahre und mischt alles von Jungle über Dub bis Drill und natürlich Garage mit aktueller Produktion, lässt aber bewusst die rumpelnden Low-Fi-Ecken unberührt. Man freut sich, dass der alte Kumpel überhaupt mal wieder aufgetaucht ist und dann auch noch gleich ein paar Freunde mitgebracht hat, die wissen, wie sie ihn zum Tanzen kriegen.

Marc Grimmer

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Video zu "Call My Phone Thinking I’m Doing Nothing Better"
Video zu "I Wish You Loved You As Much As You Love Him"

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