Rezension

The Horrors

Primary Colours


Highlights: Who Can Say // Do You Remember // New Ice Age // I Can´t Control Myself // Sea Within A Sea
Genre: Shoegaze // Post Punk // Psychedelic
Sounds Like: Joy Division // The Jesus And Mary Chain // My Bloody Valentine // Bauhaus

VÖ: 02.05.2009

Eines konnte man The Horrors nie vorwerfen: dass sie nur eine weitere von Millionen britischer Indiebands seien. Einen ähnlichen Drahtseilakt zwischen Goth- und Surfrock wie auf "Strange House" hat sich sonst niemand getraut. Auch das Styling irgendwo zwischen Emily The Strange und Edward mit den Scherenhänden war irgendwie...sagen wir mal...mutig. Und schließlich gab es da auch noch diesen außergewöhnlichen Sänger, der neben seiner unglaublichen Bühnenpräsenz auch gerne mal dem einen oder anderen Zuschauer während der Show die Fresse polierte, wenn derjenige ihm nicht passte. Die englischen Indie-Hipster liebten die Band dennoch abgöttisch. Kritikern und Presse hingegen war diese Masche vielfach zu aufgesetzt und die Musik zu ungestüm dahingerotzt.

Von einer "Leckt-uns-am-Arsch"-Band wie The Horrors hätte man nun eigentlich erwartet, dass sie mit Volldampf gegen die Wand rennt und weiterhin ihr Ding ohne Rücksicht auf Verluste durchzieht. Stattdessen nahm man sich die Kritik zu Herzen und legt mit "Primary Colours" einen Quantensprung in Sachen Entwicklung hin und das auf gleich mehreren Ebenen. Nach außen wird anstatt überkandidelter Attitüde nun einfach das wahre Gesicht gezeigt und das sieht verdammt nach 80er aus. Und genauso klingen The Horrors auf ihrem zweiten Album auch. Ein krasser Stilwechsel hin zu Shoegaze, Post Punk und Psychedelic des dunkelsten Jahrzehnts der Musikgeschichte.

An dieser Stelle merken sicher einige (zurecht) an, dass schon unzählige Bands diesen Zeitsprung versucht haben und dabei glorreich gescheitert sind. Nicht so The Horrors. Dies liegt zum einen an der sensationellen Produktion von Portisheads Geoff Barrow und des alten Weggefährten Chris Cunningham, die dermaßen düster, steril und kalt ist, dass selbst Beth Gibbons hier wie eine Rose verwelken würde. Zum anderen beweist die Band auf "Primary Colours" ihr unglaubliches Gespür für gutes Songwriting und den authentischen Zeitgeist der 80er. Man hat zu keinem Zeitpunkt des Albums das Gefühl, einer Band der 00er Jahre zuzuhören.

Die atmosphärische Dichte breitet sich schon nach den ersten Sekunden von "Mirror´s Image" aus. Zarte Synthieklänge ebnen das Feld für den dominanten Bass, das bis auf die Knochen entblöste Schlagzeug und die Gitarre, die in den kommenden 45 Minuten durch alle Knochenmühlen der Effektgeräte gehen muss. Über dem Soundteppich schwebt Sänger Faris Badwan wie ein Todesengel und zelebriert seine Lyrics mit all seiner düsteren Erhabenheit. Die folgenden neun Songs werden ein Erlebnis für die Ohren, denn an welchen Reglern man drehen muss, um solche Synthieeffekte wie beispielsweise im nachfolgenden "Three Decades" hinzukriegen, wird wohl ein gut gehütetes Bandgeheimnis bleiben. Hinzu kommt, dass mit Spider Webb ein Mann den Bass bedient, der entweder wirklich jeden Song noch einmal ein paar Stufen tieferlegt oder dem Shoegaze ("Who Can Say") so richtig in den Arsch tritt.

Angesichts von Nummern wie dem musikalischen Weltuntergang "New Ice Age" (die unheilvollste Gitarre ever!) kommt man natürlich nicht umhin, Referenzen wie The Jesus & Mary Chain oder Bauhaus zu nennen. Auch ein Song wie "I Can´t Control Myself", in dem Faris Badwan EXAKT wie Ian Curtis klingt, lassen logischerweise nicht selten Joy Division vor dem geistigen Ohr vorbeirauschen. Dennoch muss man klar sagen, dass The Horrors keine bloßen Kopien vergangener Größen sind. Vielmehr drücken sie diesen ihren ganz eigenen Stempel auf. Und ihr Ding ziehen sie trotz Stilwechsel auch immer noch durch. Denn wer würde eine achtminütige Psychedelic/Krautrock-Nummer wie "Sea Within A Sea" schon als erste Single auswählen?

"Primary Colours" ist, wie der NME dieses eine Mal richtig bemerkte, "die Überraschung des Jahres" und das legitime Erbe von Alben wie "Unknown Pleasures" oder "Psychocandy". Eine Platte, die durchgängig fesselt und vor 30 Jahren mit Sicherheit bahnbrechend gewesen wäre. Diese Verspätung ist auch der einzige Grund, der dem Album die Höchstwertung verwehrt.

Benjamin Köhler

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