Rezension

Sufjan Stevens

The Ascension


Highlights: Sugar // Video Game // The Ascension
Genre: Elektro-Art-Pop
Sounds Like: Thom Yorke // Boards of Canada

VÖ: 25.09.2020

Sufjan Stevens verarbeitet auf "The Ascension" Verzweiflung über die Welt in eklektischem Elektro-Pop-Maximalismus.

Nach dem spärlichen, reduzierten und introvertierten "Carrie & Lowell" macht "The Ascension" alles anders. Pop-Maximalismus statt Akustik-Intimität, pompöse Instrumentierung statt Fingerpicking und Zukunftsängste statt Vergangenheitsbewältigung. Sufjan Stevens runderneuert nicht nur seinen Sound, sondern stellt alles auf Anfang.

Das Songwriting hat auf "The Ascension" gegenüber den Vorgängern nicht an Qualität eingebüßt. Der Pop-Maximalismus hat die gleiche Tiefe, das gleiche Detail und die gleiche Raffinesse wie das minimalistische "Carrie & Lowell". Der pompöse, vielschichtige Aufbau schließt wiederum direkt bei seinem 2010er Werk "The Age Of Adz" an. Neu ist eine tiefsitzende Verzweiflung.

Nahm Stevens auf "The Age Of Adz" noch den internen Kampf mit psychischer und physischer Gesundheit mit optimistischen Chorälen auf, steht er auf "The Ascension" deutlich näher an der Kapitulation. "Is it all for something? Is it all part of a plan? // Tranquilize me, sanitize me, Ativan" ruft er auf "Ativan" das gleichnamige Medikament auf, ihn zu sedieren. "Run Away With Me" und die Lead-Single "Video Game" sind Eskapismus-Versuche in einer immer unwirtlicheren Umwelt, "Death Star" ein düsterer Abgesang auf den Planeten.

Der Mann, der Songs über Serienmörder und Krebs mit solcher Leidenschaft intonieren konnte, dass selbst aus tieftraurigen Texten Hoffnung zu spüren war, ist auf "The Ascension" desillusioniert und verzweifelt. Keiner der 15 Tracks trägt eine lebensbejahende Grundstimmung wie einst das mächtige "Chicago" auf "Illinois". Selbst das von seinem "We're All Gonna Die"-Chorus getragene "4th Of July" des Vorgängers erweckt nicht dieselbe Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. Sufjan Stevens hadert mit den Grundfesten der Welt, dem Zustand seines Landes, seinem Glauben und, nicht zuletzt, mit sich selbst.

Eine neue Sufjan-Stevens-Platte stellt Fans eine der in der Indie-Musikwelt selten gewordenen Offenbarungs-Erfahrungen in Aussicht. Dieser einzigartige Musiker, der Themen wie Liebe und Tod verstand wie kein anderer, der die Welt transzendiert und seinen Hörer*innen an seinen tiefen Erkenntnissen teilhaben lassen hat. Doch Stevens ist nicht mehr der Leuchtturm im Sturm, sondern findet sich in "The Ascension" mitten auf dem tobenden Meer wieder. Was er auf "Carrie & Lowell" über sich selbst erkannt, verarbeitet und weitergeben hat, hat emotional berührt und inspiriert. Doch seine neuen Themen lassen ihn nicht mehr erkennen, sondern lassen ihn selbst verwirrt und verzweifelt zurück.

Nirgends wird dieser Verlust so deutlich wie auf dem Titeltrack. Sufjan Stevens trug jahrzehntelang eine moderne Interpretation des Christentums in die Popkultur, schlug Brücken zwischen seinem Glauben und dem Zustand der Welt, schuf eine Form des Glaubens, die Menschen beherbergen konnte, die in ihm sonst niemals ein Zuhause gefunden hätten. Doch auf "The Ascension" steht er plötzlich vor einem Scherbenhaufen seiner selbst. Mit "And to everything, there is no meaning // A season of pain and hopelessness // I shouldn't have looked for revelation" zerstört Sufjan Stevens alles, für das er bisher stand und findet sich einsam und verzweifelt in der Leere wieder. Auf "America" kulminieren alle "Existenzängste" in einer einzigen Zeile "Don’t do to me what you did to America", ist nicht weniger als das festhalten am allerletzten Strohhalm, der Stevens noch bleibt. Sein Glauben ist erschüttert, sein Mythos der USA hat sich der brutalen Realität stellen müssen, der Zeitgeist hat ihn zerrütet und seine letzte Bitte an einen Gott mit dem er hadert ist: Zerstör nicht auch noch mich.

Robin Jaede

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