Rezension

Sufjan Stevens

Illinois


Highlights: Come On! Feel The Illinoise // Chicago // The Predatory Wasp Of The Palisades Is Out To Get Us // John Wayne Gacy, Jr
Genre: Singer/Songwriter
Sounds Like: Iron & Wine // Badly Drawn Boy // Tortoise

VÖ: 11.07.2005

Für alle, die es noch nicht wissen: Sufjan Stevens verfolgt seit nun rund zwei Jahren sein "Zu allen US-Staaten ein Album"-Projekt, das er jetzt mit seinem neuen Werk "Illinois" zu bereits 1/25 abschließen kann. Richtig, er hat noch viel vor. Und wenn es weiterhin eine kontinuierliche Steigerung wie von "Michigan" zu "Illinois" geben sollte, werden die letzten Alben (vielleicht "New York" und "Alaska") wohl nicht mehr in irgendwelche Bewertungssysteme reinpassen. Denn, wer sich nach einem Meisterwerk wie "Michigan" tatsächlich noch einmal übertreffen kann, der gehört schlichtweg in den Olymp der Songwriter. Nach den ersten Hördurchgängen mag man zwar noch denken, dass sich das neue Album musikalisch nicht sonderlich vom Vorgänger unterscheidet, doch schnell merkt man, da sind noch viel mehr Instrumente, mehr Melodien und noch mehr großartige Momente in den einzelnen Songs.

Mit "Concerning The UFO Sighting Near Highland, IL" fängt das bereits fünfte Studioalbum des zur Zeit in New York-lebenden gebürtigem Landeis Sufjan Stevens recht beschaulich an: Kurz knarscht eine Tür, ein Klavier, Flöten und dann diese Stimme - man fühlt sich gleich wohl. Mit einer Länge von gerade etwas mehr als zwei Minuten ist der Opener verglichen mit der Gesamtlänge von 74 Minuten recht kurz, es ist tatsächlich der kürzeste "richtige" Song, trotzdem wohl einer der schönsten Opener des vergangenen Musikjahres. Wenn anschließend nach zwei weiteren Minuten entspannendem Zwischenspiel die ersten Klänge von "Come On! Feel The Illinoise! (Part I: The World's Columbian Exposition / Part II: Carl Sandburg Visits Me In A Dream)" (um mal die Durchschnittslänge eines "Illinois"-Songtitels klarzustellen) erklingen, wagt man sich immernoch kaum vorzustellen, was man noch alles zu erwarten hat. Dieser Song alleine. Eine Traumwelt für sich. In seinen 6:45 Minuten verändert er seine Form ständig und verzaubert immer wieder auf's neue. "And I cried myself to sleep last night For the Earth, and materials, they may sound just right to me" ist die wohl bezaubernste Textstelle des Liedes, welche zusätzlich mit wunderschönen Streichern unterlegt ist. Wer da nicht weint muss herzlos sein. Klavier, Schlagzeug, Glockenspiele, Flöten, Bläser, Gitarren, Geigen und was noch alles? Insgesamt bestimmt 20 Instrumente in eben diesem Song. Andere hätten daraus 3, 4 Lieder gemacht, aber jemand wie Sufjan Stevens... Nein, so einer packt dann alles in einen und oben drauf mal locker 22 Lieder auf eine CD, ganz egal ob er noch 48 Alben angekündigt hat.

Aber auch unkompliziertete Songs wie das tragische "John Wayne Gacy, Jr", ein Song über einen Serienkiller, oder "Casimir Pulasky Day", die jeweils nur mit vergleichsweise wenigenen Instrumenten besetzt sind, hat "Illinois" zu bieten. Diese Songs sind aber trotzdem oder gerade deshalb wichtige Elemente des Albums. Auch hier heißt es "Taschentücher raus". Doch wem das alles immer noch nicht genug ist, sollte bei "The Predatory Wasp Of The Palisades Is Out To Get Us" ganz besonders aufmerksam hinhören. Wie dieser Song schon anfängt. Die Instrumente sind nicht klar zu definieren, das Produkt aber stimmt auf alle Fälle. Im Endeffekt ist es wieder der Gesang, der den Song zu dem macht, was er ist. Wie macht er das? Jetzt, wo es selbst die härtesten Kerle erwischt haben müsste, gibt's auch mal etwas nicht ganz so trauriges, jedoch natürlich nicht minder schönes. "They are night zombies!! They are neighbors!! They have come back from the dead!! Ahhhhh!" lautet der Titel und wird hiermit von mir zum Songtitel des Jahres gekührt. Und wie klingt der Song? Naja, man könnte sagen "cool". Hört sich zwar erst ein bisschen blöd an, aber genau so ist es. Gute fünf Minuten später findet man sich dann beim bereits 20ten Song "The tallest man, the broadest shoulders (Part I: The great frontier / Part II: Come to me only with playthings now)", der außer dem ähnlich aufgebauten Songtitel auch noch das Klavier mit dem dritten Lied "Come On! Feel..." gemeinsam hat. Die beiden Songs umschließen das Album.

Man könnte sagen, dass Song 21 und 22 eine Art Outro bilden. Diese fünf Minuten zum Runterkommen kann man nach soviel toller Musik auch gut gebrauchen. Die Ohren entspannen sich langsam und stellen sich wieder auf den Alltag ein. Wahrscheinlich müssen sie das aber gar nicht, weil der Hörer sowieso längst die Repeattaste auf seiner Anlage gedrückt hat. Ich möchte wetten, jeder benötigt ein paar Durchgänge um die Schönheit der CD fassen zu können. Allein die Tracklist, bei der ich als Redakteur zum ersten mal heilfroh war, sie nicht abtippen zu müssen, ist mit ihrer Romanlänge wirklich schon spannender als die meisten herkömmlichen CDs. Seit also gewiss, spätestens nach "Illinois" wird die ganze Musikwelt ein Auge auf einen der wohl besten Songwriter der heutigen Zeit werfen. Und das kann sie lange tun, denn er bräuchte schon einen Haufen "John Frusciante/Zappa"-Jahre um sich am Ende seines Lebens noch etwas Freizeit gönnen zu können.

Paul Weinreich

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