Rezension

St. Vincent

St. Vincent


Highlights: Birth In Reverse // Prince Johnny // Digital Witness // Regret // Bring Me Your Loves
Genre: Pop // Avantgarde
Sounds Like: Dirty Projectors // Joanna Newsom // Talking Heads // Animal Collective // Feist // Dan Deacon // Björk // James Brown

VÖ: 21.02.2014

Es ist spannend zu beobachten, wie nahezu alle Menschen im eigenen musikalischen Umfeld mehr und mehr ausflippen ob der nahenden Veröffentlichung einer Platte, während man selbst mehr oder weniger unbeeindruckt bleibt. Und das nur, um dann selbst irgendwann umgehauen zu werden. So geschehen beim selbstbetitelten vierten Album Annie Clarks, besser bekannt als St. Vincent. Gerade die letzte Kollaboration mit David Byrne, „Love This Giant“, war doch eher enttäuschend gewesen – dementsprechend niedrig die Erwartungen, nachdem sich zu Clarks Musik ohnehin nie eine riesige Affinität aufgebaut hatte. Doch scheinbar, wen wundert’s, gab Byrne Clark nochmal einen großen Inspirationsschub, und das nachhaltig. „St. Vincent“ ist um einiges besser als das gemeinsame Album mit der Talking-Heads-Ikone.

Nicht umsonst ist das Album selbstbetitelt – „St. Vincent“ ist vielleicht das zentrale Album des musikalischen Schaffens Annie Clarks, ein schlüssiges Gesamtkunstwerk, dem man in jedem Augenblick anmerkt, dass die schöne Dame ganz bei sich selbst angekommen ist und aus dem Vollen schöpft. Und das Volle ist bei ihr ein Songwriting, das seinesgleichen sucht, es ist außergewöhnlich, und außergewöhnlich gut. Vielleicht wird Clark nie wieder so inspiriert zu Werke gehen, abgebrüht schafft sie Songs, die sich mechanisch zwischen Avantgarde und Pop bewegen: Arrangements voller vertrackter Gitarrenlinien und brillianter Bläserarrangements von hohem künstlerischen Anspruch, immer aber eingängig. Auch die Texte sind voller Witz und Charme, so etwa das in die Beine gehende „Digital Witness“, der Hit eines Albums voller guter Songs, welcher voller Coolness die Generation Facebook belächelt: „What’s the point of doing anything?“ Wem das an Bewegungsdrang nicht reicht – „Bring Me Your Loves“ wird endgültig das Bedürfnis zu bouncen einstellen.

Clark schafft es gekonnt, sich selbst auch abseits von der Musik in Szene zu setzen und mit ihren Reizen zu spielen, ist nun endgültig zu einer Avantgarde-Pop-Diva geworden. Das Cover inszeniert sie als eine Art Eisprinzessin, passend zur Musik: Diese bewegt sich stets zwischen den Polen vertrackt, kühl, nervös („Digital Witness“) und divenhaft ausladend („I Prefer Your Love“) – oder sie ist eine Mischung aus beiden („Regret“). In jedem Ton strahlt die Musik ein volles Selbstbewusstsein aus, ein großes, auch noch extrem gut produziertes, Popalbum geschaffen zu haben, das es so vorher noch nicht gab: Wer kombiniert schon Bläser mit Gitarrenmelodien, vertrackt das alles dann und gibt ihm einen elektronischen Touch, der den Sound immer mechanisch klingen lässt, in ständiger, kalkulierter Bewegung? Clark ist sich völlig dessen bewusst, was sie bewirkt, im Zirkus ihrer Kreativität hat sie die Zügel in der Hand. Das lässt das Ergebnis voller kühlem Kalkül, aber auch erhaben über jeden Zweifel erscheinen. Und so wird „St. Vincent“ völlig zurecht in diesem Jahr in den Genres, die es umfasst, federführend sein.

Daniel Waldhuber

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