Rezension

Sophie Hunger

Halluzinationen


Highlights: Liquid Air // Maria Magdalena // Security Check
Genre: Singer-Songwriter // Pop // Electronica
Sounds Like: Bat For Lashes // Joan As Police Woman

VÖ: 04.09.2020

Gerade in Momenten der Einsamkeit träumt man sich oftmals in andere Welten. Dass dies ein Potential für Kreativität bietet, ist nichts Neues und nun Entstehungsgrund für Sophie Hungers siebtes Album „Halluzinationen“. Man könnte fast meinen, die grauen Januartage in Berlin, die Sophie Hunger das Leben schwer machten und das Album prägten, sind doch nicht nur schlecht.

Wie man es von Sophie Hunger gewohnt ist, ist das Album äußerst vielfältig und dabei textlich mit intellektuellem Tiefgang und Anspielungen bestückt. Ihre Lyrics lassen genügend Assoziationen zu, um zu erahnen, um was es in den Songs geht, sind aber niemals platt. Auch musikalisch glänzt sie wieder mit einem durchweg abwechslungsreichen Album und alle, die den elektronischen Einfluss auf „Molecules“ mochten, bekommen hier mehr davon. Doch auch alle anderen werden den ein oder anderen Song für sich finden. So eröffnet Hunger das Album mit dem grandiosen „Liquid Air“, einer Ballade über eine Bar in Berlin, die man spätestens jetzt gerne mal mit ihr besuchen würde. Hunger schafft es, durch das Zusammenbringen von analogen und elektronischen Elementen, die Luft zum Flirren zu bringen und deutet so bereits an, welche Komponenten für das Album zentral sind. Auch bei „Maria Magdalena“ möchte man mit ihr am Fenster stehen, von dem aus sie die Prostituierte Maria Magdalena am Oranienburger Platz beobachtet. Die Frage, wer sie ist, trieb sie um: „Ich sehne mich häufig nach ihr, aber ich wage es nie, sie anzurufen. Dieser Song ist gewissermaßen meine Art, doch noch bei ihr anzurufen“, sagt Hunger darüber. Immer wieder gibt es also Tracks, bei denen auch all diejenigen auf ihre Kosten kommen, die mit dem elektronischen Einfluss wenig anfangen können.

Dies ist niemandem zu verübeln, denn so sind es insbesondere Tracks und Melodien der ersten Hälfte, die in Teilen etwas (zu) sehr im Kopf klirren und nicht unbedingt eine direkte Begeisterung auslösen. Der titelgebende Track „Halluzinationen“ bringt zwar Inhalt und Form zusammen, jedoch fragt man sich während des Refrains, ob man das „Hallo, Hallo Halluzinationen“ jetzt gut finden soll oder nicht. Genau dann singt Hunger:„Ich liebe euch und hasse euch // Und kann mich nicht mehr wehren“. Textlich ein Treffer, das muss man Hunger lassen.

Dass das Album einem außerdem an einigen Stellen das Gefühl vermittelt, bei den Aufnahmen live dabei zu sein, ergibt Sinn: Die Einspielung erfolgte schließlich in mehreren Live-Takes in den Abbey Road Studios. An zwei Tagen wurden die Songs in der festgelegten Reihenfolge gespielt und aus diesen die Versionen für das Album ausgewählt, mit all ihren Unvollkommenheiten. Damit kommt Hunger auch ihrer Auffassung von Kunst näher, nach welcher dieser etwas fehle, wenn sie zu perfekt vorbereitet sei und nur Algorithmen folge. Das Album ist somit eine Möglichkeit, weitere Facetten der Künsterlin Sophie Hunger kennenzulernen. Es ermöglicht, bei jedem neuen Hördurchgang unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und plötzlich ist das, was einem eben nicht gefallen hat, ziemlich gut. Eine Einladung zum Tagträumen und ein Staunen über die Vielfältigkeit ihrer musikalischen Fähigkeiten liefert Hunger mit ihrem Album allemal.

Lina Niebling

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Reinhören in "Security Check"

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