Rezension

Sophie Hunger

1983


Highlights: Headlights // Citylights Forever // Approximately Gone // Train People
Genre: Folk // Pop // Soul // Jazz
Sounds Like: Cat Power // Soap & Skin // Fiona Apple // Emiliana Torrini

VÖ: 16.04.2010

Ganz schön tough, dieses Albumcover. Da hält sich Sophie Hunger eine imaginäre Pistole an den Kopf und zielt mit der anderen Hand auf den Betrachter. Was will sie uns damit bloß sagen? Dass sie eine selbstbewusste Person ist, die sich so was traut? Nun, das hätte man sich schon nach dem Zweitling der Schweizerin denken können. „Monday´s Ghost“ war bereits ein unglaublich reifes und für ihr Alter geradezu lebensweises Album und Sophie Hunger eine Frau, die man ernst nimmt. Keines dieser schüchternen Songwriterpüppchen. „1983“ (ihr Geburtsjahr) soll diesen Status jetzt untermauern und Sophie Hunger als Künstlerin einen weiteren Schritt voranbringen. Dafür probiert sie auf dem Album vieles. Leider fast schon zu viel.

Dass sich Sophie Hunger nicht auf eine Singsprache festlegen will, war ja schon beim Vorgänger zu erahnen, auf dem sie das wunderschöne „Walzer für niemand“ in Deutsch sang. Jetzt kommt aber auch noch Französisch („Le Vent Nous Portera“) und sogar Schweizerdeutsch („D´Red“) dazu. Respekt für die Sprachenvielfalt, ändert jedoch nichts daran, dass dadurch überhaupt kein Albumfluss entstehen will. Diese Songs wirken im Gegenteil sogar wie richtige Fremdkörper.

Musikalisch präsentiert sich Sophie Hunger ebenfalls vielfältig wie eh und je. Das Album schwankt zwischen den Polen Folk, Jazz, Soul und Pop, schlägt aber nie extrem in eine Richtung aus. Am stärksten ist sie dabei immer dann, wenn sie so tough wird wie auf dem Cover und zu einer zweiten PJ Harvey mutiert. „Your Personal Religion“ ist so ein Song. Düster arrangiert mit gelegentlichen Ausbrüchen, bei denen sich Hunger so richtig austoben kann. Auch die melancholischen, ruhigen Stücke („Headlights“, „Train People“) wissen zu überzeugen. Da passt einfach die Mischung aus Musik und Sophie Hungers traurigem Timbre.

Leider fehlt auf „1983“ der rote Faden, der all die unterschiedlichen Bausteine zusammenhält. Das liegt zum einen, wie angesprochen, an der Sprachenvielfalt, zum Anderen daran, dass Hunger ab und zu einfach zu sehr über die Strenge schlägt und der Stilwechsel zu abrupt erfolgt. Es ist schon richtig, sich nicht in ein musikalisches Korsett stecken lassen zu wollen. Mit Rücksicht auf die Stimmigkeit sollte man sich dennoch zumindest einen gewissen Rahmen setzen, sonst läuft auch bei einem Albumkunstwerk die Farbe über den Rand hinaus.

Benjamin Köhler

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