Rezension

Real Estate

Atlas


Highlights: Talking Backwards // April's Song // Primitive
Genre: Indie-Pop
Sounds Like: Woods // Gene Clark // Spectrals

VÖ: 28.02.2014

Real Estate sind ja schon seit jeher so ziemlich das Gegenteil eines Karnevalsvereins. Die stets entspannten Gesellen aus New Jersey schlagen vorzugsweise ruhige Töne an und folgen grundsätzlich dem poppigen Pfad des Quintenzirkels. Munteres Gitarren-Geklimper kann ja auch schön sein bzw. war es das auf den vergangenen zwei Alben auch. Ambitionierter Power-Soli bedarf es da gar nicht, und auch den experimentellen Ausbruch suchte man bei dieser Band bisher vergeblich. Die große Stärke von Real Estate bestand bislang wahrscheinlich darin, die Gitarren ausgelassen, gemeinsam und zärtlich tänzeln zu lassen, als feierten sie gemeinsam Vogelhochzeit. Weil sich die Band dessen vermutlich bewusst ist, ändert sich musikalisch auf dem dritten Werk „Atlas“ gar nicht so viel. Schön, mag da der eine sagen, während der andere vielleicht gelangweilt wie ein Vöglein zu pfeifen beginnt.

Das Album versprüht eine angenehm sanfte und luftige Brise vorweggenommener Frühlingsluft. Warum man die insgesamt zehn Stücke da ausgerechnet nach jenem Titanen taufen musste, der die gesamte Last des Himmelsgewölbes zu tragen hatte, kann jedenfalls einzig und allein an den besungenen Themen liegen. Neben ein paar vollends losgelösten und befreit wirkenden Stücken werden nämlich überwiegend solche Geschichten besungen, die gerade nicht so gut laufen: hier das ziellose Gespräch, dort die unsägliche Einsamkeit und ein paar Mal sinnlose „Was wäre, wenn...“-Gedanken.

Hier und da spielt die Band mit eher simplen bis eintönigen, aber halbwegs smoothen Jazz- und Soul-Elementen, was insgesamt eher störend wirkt. "Atlas“ orientiert sich nämlich stark an Americana und Country-Musik, beispielsweise an Crosby, Stills & Nash und auch Dylan. Jedenfalls scheint die Band im Zuge der Aufnahmen viele Klassiker gehört zu haben. Ähnlich wie damals Wilco auf „Yankee Hotel Foxtrot“ versuchen Real Estate hier und da, experimentelle Nuancen einzustreuen, verzichten dabei allerdings auf jegliche Dissonanz. Die Knaben streicheln die Ohren lieber sanft.

So finden sich zwar durchaus einige Highlights auf diesem Album, da Real Estate den Jangle-Sound schlicht beherrschen und verinnerlicht zu haben scheinen. Am Ende bleibt „Atlas“ aber eher eines: etwas zu nett und zu gefällig. Das soll einen aber nicht davon abschrecken, rauszugehen, die ersten Sonnenstrahlen zu genießen, dabei dem wunderschönen und instrumentalen "April's Song" zu lauschen und einfach nur glücklich zu sein.

Achim Schlachter

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