Rezension

Mount Kimbie

Love What Survives


Highlights: Marilyn // Blue Train Lines // We Go Home Together // Delta
Genre: Synth-Heavy Post-Punk-Pop
Sounds Like: King Krule // James Blake // DJ Koze // Four Tet // Micachu

VÖ: 08.09.2017

Hier gilt nicht „Survival Of The Fittest“, sondern „Love What Survives”. Bedingungslose Liebe für das, was am Ende eines langen Entstehungsprozesses übrig geblieben ist. Ein Entstehungsprozess, der nun vier Jahre gedauert hat, seitdem das letzte Album „Cold Spring Fault Less Youth“ erschienen ist. Vielleicht kann man sagen, dass der Entstehungsprozess eigentlich schon seit Beginn der Bandgeschichte zu sehen ist, denn Weiterentwicklung ist eine grundlegende Fähigkeit des Duos Mount Kimbie.

Wer diese Weiterentwicklung nicht mag, der wird nicht lieben, was überlebt hat. Denn die neuen Tracks unterscheiden sich von dem, was wir von Mount Kimbies letzten Werken kennen. Empörte Stimmen rufen gar: Das sind ja Pop-Songs! Wer braucht schon noch mehr solcher einfach gestrickter Musik? Und werfen Dominic Maker und Kai Campos gar Einfallslosigkeit vor. Doch es stellt sich die Frage, wie es einfallslos sein kann, sich weiter zu entwickeln? Mount Kimbie haben, obwohl sie für ihren Stil gefeiert wurden, diesen hinter sich gelassen und sich Neuem gewidmet. Sie sind Pioniere. Das, was auf „Love What Survives“ zu hören ist, ist keinesfalls einfacher Pop. Es sind verworrene Melodien, es sind Ungereimtheiten, es sind elektronische, synthlastige, krautrockige, post-punkige Verstrickungen. Einfach ist das auf keinen Fall.

„Love What Survives“ entwickelt sich in seiner Intensität. Die Musik glänzt durch ihre Unterschiedlichkeit, die die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Gästen und deren Gesang mitbringt, die den Songs jeweils ihre eigene Farbigkeit schenken. Sei es ein zutiefst wütendes und intensives Blau von King Krule im Song „Blue Train Lines“, ein sonniges Goldgelb von Micachu in „Marilyn“, ein glänzendes, brillantes Rot durch Andrea Balency in „You Look Certain (I’m Not So Sure)“, oder ein mattes Silber durch James Blake. Wie man „Love What Survives“ wendet, an jeder Seite glänzt eine andere Farbigkeit hervor und schenkt ihm besondere Schönheit.

Dann sind da noch die Musikvideos, die dringend Beachtung finden sollten. Es stellt sich die Frage, ob man die Songs noch hören kann, ohne die Bilder vor sich zu sehen, wenn man einmal die Videos dazu gesehen hat. Kann man bei „We Go Home Together“ nicht mehr an die Taube denken, die uns und dem Protagonisten entgegen fliegt? Kann man bei „Delta“ nicht mehr an die hektischen, verwirrenden Bilder des absurden Überfalls denken?

Zu den durch die Musikvideos bestimmten Assoziationen kommen innere Bilder, die beim Hören der Songs entstehen. Vor allem in den Anfangsklängen von „Audition“ kommen Bilder vom Film und Klänge vom Soundtrack von Wes Andersons „Die Tiefseetaucher“ in den Kopf. Dunkle Unterwasserwelten mit leuchtenden, skurrilen Wesen und staunende Menschen, die auf die Reise ins Unbekannte gehen. Ebenso machen sich Mount Kimbie mit ihren Klangexperimenten immer wieder auf die Reise ins Unbekannte. Am wichtigsten am neuen Album war laut Kai Campos, „all das wegzustreichen, was sich zuvor als erfolgreich herausgestellt hatte.“ Das betraf auch die Instrumentalisierung. So entstand „Love What Survives“ zu großen Teilen auf zwei Vintage-Synthesizern, einem Korg Delta und einem Korg MS-20. Die verleihen durch ihre „punkige, schloddrige Qualität, die an Robert Wyatt erinnert“, so Campos, dem Album einen besonderen Soundeinschlag.

Dieser besondere Soundeinschlag, die besonderen Stimmfarben, die die Gäste mit sich bringen und ohnehin die besondere Aura, die Mount Kimbies Schaffen umgibt, machen „Love What Survives“ am Ende zu einem Werk, dessen Skurrilität und Uneinfachheit im liebenden Ohr hängen bleibt.

Marlena Julia Dorniak

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"Blue Train Lines" (feat. King Krule)
"Marilyn" (feat. Micachu)
"We Go Home Together" (feat. James Blake)
"Delta"

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