Rezension

Mount Eerie

Now Only


Highlights: Now Only // Two Paintings By Nicolai Astrup
Genre: Lo-Fi // Singer-Songwriter
Sounds Like: Scott Walker // Sun Kil Moon // Troy Von Balthazar

VÖ: 16.03.2018

Phil Elverums Geschichte ist keine seltene. Sie wiederholt sich laufend. Sie ist eine, vor der viele Angst haben.

Was geschieht, wenn ich meine*n Partner*in verliere? Schaffe ich es, für unsere Kinder zu sorgen? Nicht viele haben das Talent oder die Möglichkeit, diese Erfahrungen in musikalischer Form zu verarbeiten. Elverums “A Crow Looked At Me” war ein erstes musikalisches Ergebnis, sich mit, in seinem Fall, dem Tod der Partnerin, der Mutter der gemeinsamen Tochter auseinanderzusetzen, und berührte im letzten Jahr seine Hörer*innen zutiefst.

I sing to you // You don't exist // I sing to you though

Fast genau ein Jahr nach “A Crow Looked At Me” erscheint nun “Now Only”. Schon die Tour im Herbst letzten Jahres wurde dahingehend kommentiert, neue Stücke, die zu hören waren, seien noch ergreifender.

“A Crow Looked At Me” reflektierte kleine Momente, die einerseits den Verlust real machten, andererseits das Surreale des Lebens nach dem Verlust betonten. “Now Only” markiert einen einzelnen weiteren Schritt auf dem Weg zum Ankommen im Leben mit der Erkenntnis, dass das Surreale tatsächlich Realität ist. Die Trauer ist da, das Leben geht weiter.

Die ersten Schritte im letzten Jahr, lehnten es ab, die Anspannung, die der Verlust ausgelöst hatte, zu beseitigen. Für die Hörer*innen fand hier keine Befreiung der Seele von Emotion statt. “Now Only” versucht sich daran, sich dieser Klärung zumindest zu nähern. Verzerrte Gitarren symbolisieren in ihren vereinzelten Ausbrüchen die emotionale Energie, die seelische Anspannungen zerreißen lässt, um sich zu befreien.

People get cancer and die // People get hit by trucks and die // People just living their lives // Get erased for no reason with the rest of us watching from the side

Andernorts brechen poppige Töne die schwärzesten lyrischen Momente. Ist dies ironisch? Besänftigt Elverum sich so selbst? Oder zeigt diese Brechung vielmehr, dass die Katharsis unvollständig bleibt, und sich eine noch tiefere Dunkelheit im Innersten breitmacht?

And some people have to survive // And find a way to feel lucky to still be alive

Erinnerungen vermögen Schwere und Dunkelheit zu lösen.

I'm full of your love that illuminated our house for all those years // And made this dancing child who tears through the days

Am besten aber erfüllt dies die Wahrnehmung dessen, was bleibt.

“Now Only” verströmt die gleiche Schwere wie “A Crow Looked At Me”. Lyrisch wie musikalisch ähnelt es dem Vorgänger. Während die Texte offenkundig weiter gehen, lebt die Emotionalität der Musik immer noch primär von Elverums zarten Gitarrenklängen und seiner brüchigen Stimme.

“A Crow Looked At Me” war für die Hörer*innen, so reduziert es war, ein Schlag vor den Kopf. Es war eine emotionale Lawine, in der man drohte, sich zu verlieren. “Now Only” ist nicht die helfende Hand, die heraus hilft. Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass Hilfe naht. Vor allem aber ist es ein Einrichten in der Kälte, ein Umschauen, ein Erinnern an das Vergangene und ein Zeichen der Anpassung an die neue Situation. Wie es weitergeht, ist unklar.

Oliver Bothe

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