Rezension

DIIV

Deceiver


Highlights: Horsehead // Skin Game // Taker // Acheron
Genre: Shoegaze
Sounds Like: My Bloody Valentine // Slowdive // The Cooper Temple Clause

VÖ: 04.10.2019

DIIV haben bereits eine recht bewegte Geschichte hinter sich. Nachdem 2012 das hervorragende Debüt „Oshin“ erschien, traten zahlreiche lobende Kritikerstimmen direkt mal einen ordentlichen Hype los. Wie wir wissen, ist ein plötzlicher und extremer Medienfokus selten gut für junge Bands. Schon gar nicht, wenn der Frontmann zwar unglaublich charismatisch, aber ebenso labil ist. Schon wenig später folgte der Eklat: Zachary Cole Smith und seine damalige Freundin Sky Ferreira wurden mit ordentlich Heroin und Ecstasy in der Tasche aufgegriffen. Smith begab sich darauf hin direkt in den Entzug.

„Is The Is Are“ sollte dann vor drei Jahren ein Comeback einläuten. Ebenfalls ein gefeiertes Album und da die Platte Smiths „überwundene“ Sucht thematisierte glaubte jeder, dass es jetzt tatsächlich durch die Decke gehen könnte mit DIIV. Doch es dauerte nicht lange, da ahnte man schon wieder Böses. Konzerte und ganze Tourneen wurden abgesagt. Smith war an einem erneuten Tiefpunkt angelangt und er zog sich abermals zurück, um an seiner Rehabilitierung zu arbeiten.

Mit „Deceiver“ soll nun endlich alles anders werden. Eine (musikalische) Wiedergeburt der Band im Allgemeinen und Zachary Cole Smith ganz im Speziellen. Rein oberflächlich und vom Klangbild her betrachtet ist dieser Neustart auf dem dritten Album mehr als geglückt. „Deceiver“ ist wesentlich fokussierter als seine Vorgänger. Das macht schon ein Blick auf die Tracklist klar: Ganze 10 Songs in 44 Minuten bedeuten ein deutlich kürzeres und kompakteres Werk – vor allen Dingen im Vergleich zu „Is The Is Are“.

Auch der Sound hat sich gewandelt: Während auf den bisherigen Alben ein recht weites Klangspektrum herrschte, konzentriert man sich auf „Deceiver“ auf einen satten Shoegaze-Sound. Der kommt mal erdig mit Distortion bis zum Anschlag daher („Like Before You Were Born“, „For The Guilty“), mal eher schwelgerisch und verträumt („Taker“). Natürlich stehen da die üblichen verdächtigen Referenzen wie My Bloody Valentine oder Slowdive direkt auf der Matte. DIIV schaffen es allerdings immer wieder, dem klassischen Shoegaze einen modernen Anstrich zu verpassen. So sind Songs wie „Skin Game“ oder „The Spark“ schon beinahe echte Popnummern und sicherlich mit die zugänglichsten Stücke der bisherigen Bandgeschichte.

Textlich geht es zwangsläufig verstärkt um den Kampf mit den inneren Dämonen. Klar, Smith hat viel zu erzählen. Über seine Schwächen und den damit verbundenen Leidensweg in den letzten Jahren. Er suhlt sich aber nicht in Selbstmitleid und gibt auch nicht sich alleine die Schuld. Der Anklagefinger zeigt auch auf die Pharmaindustrie und die gesamte Gesellschaft. Exemplarisch hierfür steht „Blankenship“, in dem DIIV konkret die Belange der FFF-Bewegung aufgreifen: „Armageddon is a product / And one we choose to buy / Dwell on that for a moment / With Paradise on fire / I guess it's all the way / Blankenship / Children lead the cry / You sold them all away / Blankenship / With thirty years of lies.“

Man kann nur hoffen, dass DIIV nun nicht mehr durch weitere Tragödien zurückgeworfen werden. Denn die Band aus Brooklyn hat musikalisch und textlich mehr zu sagen als je zuvor.

Benjamin Köhler

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