Rezension

Deerhoof

The Magic


Highlights: That Ain’t No Life To Me // Model Behaviour // Debut
Genre: Garage-Rock // Post-Punk // Noise-Pop
Sounds Like: Animal Collective // Dirty Projectors // Battles

VÖ: 24.06.2016

„Die Musik ist ein moralisches Gesetz. Sie schenkt unseren Herzen eine Seele, verleiht den Gedanken Flügel, lässt die Phantasie erblühen.“ So war sich der griechische Philosoph Platon sicher, dass Musik ein wesentliches Element in der ethischen Erziehung des Menschen sei. Mehr noch: Für ihn war sie das Fundament geordneten Staatslebens. Die von ihm selbst ausgestellten Regeln schienen ihm unverrückbar. Glücklicherweise hat der Schüler des Sokrates das Werk der amerikanischen Indie-Rocker Deerhoof nie kennengelernt – er würde im Grab rotieren wie ein Federkiel in der Philosophenschule. Die rütteln nämlich schon seit mehr als zwanzig Jahren fleißig an sämtlichen musikalischen Gesetzen. Irgendwo zwischen Chaos, Lärm und unbändigem Erfindungsreichtum haben sie ihren unverkennbar eigenen Stil geprägt. Der Denker würde bestimmt die höchsten Gesetze des Staates im Wanken begriffen sehen.

Verglichen mit den zwölf (!) bisherigen Alben ist „The Magic“ allerdings etwas zurückgenommener. Statt durchgeknalltem Prog-Rock geben hier eher Garage-Rock und Post-Punk den Ton an. Gewohnt Lo-Fi, bloß eben nicht so verspielt scheppernd, sondern ganz im Gegenteil – voll auf die Dreizehn. So zum Beispiel „That Ain’t No Life To Me“: Der Song bleibt unter zwei Minuten, so ist natürlich keine Zeit zum durchatmen. Gleichzeitig hebt er sich erstaunlich von anderen Deerhoof-Songs ab. So geradlinig kennt man das eigentlich nicht. Das dürfte vielleicht auch daran liegen, dass die Band sich für „The Magic“ vorgenommen hatte, eine Hommage an die Musik ihrer Jugend zu schaffen.

Doch schon „Criminals of the Dream“ und vor allem „Model Behaviour“ sind dann wieder deutlich experimentierfreudiger. Satomi Matsuzakis kindlich unschuldiger Gesang wird flankiert von einem ballernden Schlagzeug – und Spielzeug-Sounds aus der Kinderzimmer-Hölle. Das kann man anstrengend finden und hassen, klar. Oder man kann sich auf die krude und schillernde Noise-Pop-Welt einlassen und sie lieben lernen. Bloß ein Dazwischen wird es nicht geben. Deerhoof zeigen auf jeden Fall auch 2016 noch, dass Platon sich vielleicht selbst widerspricht: Die Regeln der Musik schwanken und vielleicht ist es gerade nötig, sie einzureißen und die eigenen aufzustellen, um Phantasie, Kreativität und Seele zu finden.

Christoph Herzog

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Video zu "Criminals of the Dream"
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